Dienstag, 6. November 2012

Unter zwei Augen


Ja genau, auf hochdeutsch nennt man das Selbst-be-frie-di-gung. […] Das ist das, was die deutschen Frauen am meisten machen. […] Bei uns darf man das auch machen, aber die Deutschen betreiben es am meisten.“

Huch. Die orientalisch aussehende Dame in der U-Bahn kannte sich ja immens aus und das Tolle war, dass sie beschloss, ihr großartiges Wissen zu teilen – vor allem mit den deutschen, um sie herum sitzenden Frauen.

Authentisch sein in allen Situationen. Das war das Erste, was mir eingefallen war, als meine Freundin von dieser Situation erzählte und wir Tränen lachten. Für mich war die nette Ausländerin wirklich in erster Linie authentisch, denn entweder war es ihr – auf gut deutsch, haha – scheißegal, was die anderen U-Bahnfahrer/innen über sie dachten oder sie wollte bewusst ihre Meinung teilen und ein Zeichen setzen – so oder so, Selbstbewusstsein hat die Gute.

Kind, egal, was passiert, sei authentisch. Das ist das Beste, was dir und Anderen passieren kann.“ Ein Rat, den mir meine Mutter schon gab, als ich nervös vor dem Kleiderschrank herumtänzelte, weil wiedermal eins dieser allseits bekannten, ersten Dates anstand. Und auch heute noch schickt sie mich mit diesen Worten an neue Drehorte und zu Vorstellungsgesprächen.

Mama hat immer Recht, genauso wie Oma, die das ja auch schon Mama geraten hatte. Also versuche ich es natürlich immer umzusetzen. Authentisch zu sein ist schwierig, wenn man aufgeregt ist, wenn man alleine einer ganzen, schon längst eingeschweißten Crew entgegentritt oder wenn man hofft, dass das bevorstehende Date sich endlich mal nicht als „Endstation Sehnsucht“ entpuppt.
Es ist ja dann letztendlich auch wirklich eine Gratwanderung, denn was fällt überhaupt unter diesen Begriff? Heißt es, dass ich von vorne herein Klartext sprechen kann, also dass ich z. B. meinem Gegenüber besser gleich erzähle, dass ich an verregneten Sonntagen „Die drei ???“ höre, mir ab und an um 6 Uhr morgens die Augenbrauen zupfe und jeden Tag mit mir Konversationen (teilweise vor dem Spiegel) führe? Wohl eher abschreckend, jetzt, wo ich das so geballt lese. Aber ja, so bin ich, zumindest der wahrhaftige Teil.

Ich glaube ja, dass die meisten von uns so viele Facetten an sich haben, dass sie bei verschiedenen Leuten auch selbst immer ein bisschen anders sind. Zwar bleibt der Kern stets gleich, aber man passt sich doch schnell an: Wird in einer Runde ein Thema diskutiert, von dem man keine Ahnung hat, sitzt man tendenziell eher ruhig dabei und hört zu, während man beim neuesten Klatsch und Tratsch kaum die Klappe zubekommt. Ganz schnell bekommen die Leute um einen herum ein ganz anderes Bild, als die engsten Freunde es haben. Ist man nun trotzdem in beiden Fällen authentisch und wann fängt man an, sich zu verstellen – ohne es zu merken?

Die Dame in der U-Bahn hätte sicherlich auch noch fröhlich ausgeplaudert, wie sie selbst zum Thema Selbstbefriedigung stehe, man hätte sie wohl nur fragen müssen. Vielleicht hätte sie eine kostenlose Infobroschüre gleich dabei gehabt – herrlich, je länger ich über sie nachdenke, desto beeindruckender finde ich sie. Ganz gleich, ob sie mir sympathisch ist oder nicht, sie verstellt sich nicht, ich glaube sogar, ihr würde der Gedanke nicht einmal kommen.

Ich bin eher Typ Ich-möchte-es-allen-rechtmachen. Am Drehort setze ich mich manchmal zu den Komparsen dazu, nur, um nicht irgendjemanden mit Fragen nach dem Aufenthaltsraum zu nerven. Wenn ich dann vergeblich gesucht werde, habe ich ein schlechtes Gewissen. Wenn ich auf den Hasen meiner besten Freundin aufpasse, bete ich immer leise, dass er nicht stirbt, denn das könnte ich mir nie verzeihen, nicht mal, wenn er einfach nur einschlafen würde. Und wenn Omi 80 Jahre alt wird, dann fahre ich schon mal 600km für 24 Stunden, um dann direkt danach weitere 800km zu fahren, weil ich umziehe. Ja, diese Art und Weise kann anstrengend sein, aber im Allgemeinen fahre ich damit sehr gut, es sei denn, ich halte zu lange meinen Mund, wenn mir etwas nicht passt, und schäume dann über, was zwar unter „authentischer Ausbruch meinerseits“ fällt, aber nicht unbedingt sein muss.

Ich möchte immer und überall so sein und agieren, wie ich wirklich bin. Das ist mein Anspruch an mich und auch an die Menschen in meinem Leben. Das heißt natürlich nicht, dass ich meine Launen, die ich schon spüre, bevor sie überhaupt zu Tage kommen, immer und überall auslebe, nein, aber ich mache endlich mal etwas, was nicht jedem Recht ist. Z. B. habe ich kürzlich eine Party nach einer knappen Stunde verlassen, weil ich sie einfach unglaublich schlecht fand und ich dachte, dass Schlafen sinnvoller sei. Auch wenn Freunde dann blöd aus der Wäsche schauen und manche das unhöflich und voreingenommen finden, ich gehe trotzdem, weil ich es will. Und solche Entscheidungen sind dann immer richtig.
Auch höre ich mittlerweile auf, Smalltalk zu halten, wenn ich keine Lust dazu habe. Manch einer mag das als arrogant abstempeln, aber wem bringt es etwas, sich an einem Gespräch unter vier Augen zu beteiligen, an dem sich – Hand aufs Herz – keines der vier Augen eigentlich beteiligen will?

Übrigens hilft es sehr, Menschen um sich zu haben, die aus vollem Herzen zu sich selbst stehen und sich in keinem Zwiespalt mit der eigenen Persönlichkeit befinden. So kann man schnell entscheiden, ob man sie mag oder nicht, anstatt immer wieder die Meinung revidieren zu müssen, weil die eigentliche Person irgendwie nie vor einen tritt.

Mein Rat ist es, bei diesem Thema immer auf Mama zu hören, denn die kennt ihr Kind am besten, lange bevor das Kind es selbst tut. Und sich auf Liebe einlassen. Die holt alles aus einem heraus, was es da so gibt: Lachen. Weinen. Urängste. Launen. Bedürfnisse. Glück. Sehnsucht. Leben. Die geht tiefer, als jeder Tiefspüler, und wenn man durchgespült wurde, steht man selbstbewusster und liebevoller sich selbst gegenüber. Dann kann man sich anlächeln und zuzwinkern mit den Worten: Man kennt sich.

© Ani 2012

Samstag, 27. Oktober 2012

Jenseits von Afrika


Ich sitze in einem alten Mercedes-Benz-Taxi, welches so aussieht, als sei es weder vom genannten Unternehmen hergestellt, noch überhaupt in diesem Jahrhundert auf die Welt gekommen.
Das Schöne daran ist, dass ich diese dezent gefährliche Fahrt nicht mit Beinfreiheit krönen kann, sondern sie mit fünf weiteren Touristen und dem äußerst kompetenten Fahrer mit Hundeblick teilen darf. Dass man auf der Autobahn angehalten wird, weil man unangeschnallt ist, jedoch ein sogenanntes Grand Taxi erst dann losfährt, wenn vorne drei und hinten vier Menschen sitzen (Gurte nicht einmal vorhanden), ist eventuell etwas widersprüchlich. Knappe 10 Stunden Fahrt liegen vor mir, die Freude des Anderen neben mir hält sich in Grenzen, seine Magen-Darm-Grippe eher nicht.

Ja, ich hätte es besser wissen müssen. Marokko war schon 2010 nicht mein Land gewesen, hatten doch mein damaliger Freund und ich in der Medina von Rabat endgültig beschlossen, uns zu trennen.
2012 ist zwar die Liebe auf meiner Seite, das Land eher weniger. Wo soll ich anfangen?

Die Auswahl unserer Erfahrungen ist groß. Gestartet waren wir zu zweit in Marrakech – sehr chaotisch, weil statt klimatisiertem Mittelklasseauto uns ein Gefährt erwartete, das beim Anblick schon auseinanderfiel. Die Abwicklung unseres Mietautos lief auf der Motorhaube ab, die Kreditkartendaten wurden als Kautionsersatz abgepauscht – eher belustigt als genervt stiegen wir ein und schlichen drei Stunden Richtung Westen, dem Sonnenuntergang und Essaouira entgegen, um den Anderen zu überraschen, der dort schon weilte.

Es folgte ein entspannter Tag in einem mittelalterlichen Fischerdörfchen, wo man Streitereien zwischen „Happy Cake“-Verkäufern so anzetteln kann, dass der Ausbruch eines dritten Weltkrieges nicht weit entfernt scheint. Auch wissen wir dank wichtiger Recherchen meiner Freundin, dass Strandliegenverkäufer nicht das halten, was sie optisch versprechen. Schade eigentlich.

Nachdem ich lange überlegte, den süßesten Hundewelpen der Weltzone 4 (in dieser befanden wir uns laut Handynetzbetreiber) mitzunehmen und den Abend damit verbrachte, am Set von „Game of thrones“ die Dreharbeiten zu verfolgen, ging es am nächsten Tag mit unserem Tuk-Tuk in den Norden – die wortwörtlich atemberaubende Altstadt von Fés wartete auf uns, gefolgt von Avocado-Shakes und dem nettesten Hostelbesitzer mit dem schönsten Lächeln der Zone 4, was nach erneuter Recherchearbeit leider auch hier nicht das hielt, was es vorerst versprach (an dieser Stelle möchte gesagt sein, dass der „Lonely Planet Love: Marokko“ schon in Bearbeitung ist).

Nach zwei Tagen ging es im Morgengrauen zurück nach Marrakech, Schrottschüssel abgeben und von dort aus mit dem Bus in das Atlasgebirge. Die drei Tage, an denen es in Afrika regnet, hatten wir uns anscheinend auch reserviert, und zwar für den „good price, my friend“, und so kam es, dass wir im strömenden Regen bei Nacht auf einer verlassenen Kreuzung ankamen, wo ein Taxifahrer auf uns wartete, der uns weder Gepäck abnahm, noch begrüßte. Als er Ersteres dann in einen überfluteten (keine Pfütze, my friend) Kofferraum schmeißen wollte, bin ich kurz ausgerastet und wir verfluchten ihn die komplette Fahrt lang auf deutsch. In Cascad d' Ouzoud angekommen, wurden uns folgende Dinge angepriesen: Die beste Tajine überhaupt (schmeckte nach rein gar nichts), ein Hammam, welches sich als einzelner Duschschlauch in einem leeren, gefließten Raum entpuppte und musikalische Untermalung des Abends, proudly presented by Zahnlücken-Cowboy Isham. Wir täuschten eine exorbitante Magen-Darm-Erkrankung vor und flüchteten zu Abdul, in sein kleines, aber feines Hotel, welches direkt an den Wasserfällen lag.
Daraufhin erst einmal eine Wanderung, bei der wir ab und an vom Weg abkamen. Entschieden haben wir uns dann eher doch für die Klettertour, barfuß durch Flüsse und vorbei an einer halb verwesten, uns entgegenreckenden Ziege. Abdul erklärte uns später, dass diese Schlucht normalerweise nur mit erfahrenen Bergführern bewandert werden würde und wir Großes geleistet hätten. Aha.

Der weitere Plan war, einen Tag später den Nachtbus nach Rissani, also in die Wüste, zu nehmen und was soll ich sagen, außer: Der Bus fuhr ab, jedoch ohne uns. Ein religiöses Fest, bei dem schätzungsweise alle Schafe des Landes geopfert wurden, lies Land und Leute (auch Sofas) zu den Familien reisen und hielt für uns nur den Gepäckraum des Busses als großzügiges Angebot bereit. „Die hätten uns da bestimmt was reingebaut“, meinte der Andere wehmütig, während der Bus abfuhr und ich ihn mit bösen Blicken und Tränen in den Augen strafte. So blieb uns nur die Option, die ganze Nacht in einem kalten, stehenden Bus zu schlafen, weil der Nächste erst wieder um 5h morgens fuhr und alle Hotels überfüllt waren (das Schaffest, ich verstehe).

Nach dieser weiteren Odysee kamen wir fix und fertig in Merzouga an, ein Camp vor den Toren der Sahara, wo leider die größte finanzielle Abzocke des Urlaubs auf uns wartete. Zuerst aber ritten wir auf Dromedaren in die Dünen, überwältigt von der Wüstenschönheit konnte ich auch kurz die unglaublichen Schmerzen verdrängen, die so ein Ritt mit sich bringt.
Dort verbrachten wir den Abend mit zwei weiteren Touristen, darunter Anthony, dessen staubtrockener (siehe Wüste), britischer Humor ein großes Highlight der letzten Tage für mich war.
Als wir nachts im Beduinenzelt Zeugen einer sexuellen Belästigung einer Mitreisenden wurden, packten wir am nächsten Tag unsere Sachen und ritten zurück zum Camp. Zwei Stunden lagen vor uns, in denen wir ernsthaft darüber debattieren mussten, dass nach so einem Vorfall nur eine Lösung für uns in Frage kam: Geld zurück, und zwar alles, auch, weil wir am Abend in der Sahara noch von den Engländern erfahren hatten, wie viel mehr wir bezahlt hatten für weniger, als tatsächlich geleistet wurde. Dass eine Amerikanerin, die wir kurz danach noch kennenlernten, das 6-fache von unserem Preis für die Hälfte des zeitlichen Aufenthalts löhnen musste, brachte das Fass zum Überlaufen und für mich war Polen offen – auch in der Wüste.
Das Ende vom Lied: Nur das Geld der Mitreisenden fand seinen Weg zurück in ihren Geldbeutel, plus eine Taxifahrt nach Marrakech hatten wir bezahlt bekommen – der Anfang vom Ende.

Mein Fazit? Ich habe große Probleme mit Marokko, auch wenn ich mir versuche vorzustellen, dass sich dieses Land von einer besseren Seite zeigen kann.
Die Frage, die ich mir allerdings nebenher die ganze Zeit stelle, ist die: Wo sind all die Frauen, die all diese Männer auf die Welt gebracht haben? Eventuell auch mittlerweile jenseits von Afrika?

© 2012 Ani

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Von Spülmaschinen und Zeitzonen

Ich bin echt nicht gut im Verabschieden. 


Und während ich das schreibe, frage ich mich, was das eigentlich heißt, „nicht gut sein?“ Ist es also nicht gut, wenn Sturzbäche fließen, während man sich in den Armen liegt? Eigentlich doch ein schönes Kompliment und trotzdem habe ich bei meinen emotionalen Ergüssen meistens das Gefühl, es würde mein Gegenüber noch mehr stören, als mich selbst.

Na wie auch immer. Heute habe ich den Anderen verabschiedet, es sind keine Tränen geflossen, zumindest keine, die er sehen konnte (folglich ist die Existenz derer absolut unklar), denn ab dem Zeitpunkt, ab dem wir merkten, welch Untergangsstimmung wir da zusammen hochbeschworen, mussten wir wieder lachen. Trotzdem machte es mich nachdenklich an vergangene Aufbruchsstimmungen und ich habe ein bisschen darüber sinniert.

Abschiede sind meist schwierig. So an sich, meine ich. Es ist doch ziemlich egal, für wie lange man „leise servus sagt“ (das wusste schon der gute Peter Alexander), in eine leere Wohnung kommt man so oder so erst mal zurück. Wenn man derjenige ist, der den Anderen verabschiedet, schwingt immer ein bisschen Wehmut mit. Unter Umständen ist man derjenige, der die Heizung zum ersten Mal in diesem Winter aufdreht, während der Andere schwitzend durch den Orient stapft. Oder man spült das Geschirr vom Vorabend und möchte die Zeit zurückdrehen, bis einem lächelnd einfällt, dass die Zeitverschiebung ihr Übriges tut und man nun tagelang vorausrennt. Nervt, braucht kein Mensch.

Vielleicht sollten sich Exemplare mit emotionalem Hintergrund (Frauen) beim Abschied sagen, dass dieses Wort nicht bestehen würde, gäbe es das Wiedersehen nicht. Nach vorne schauen, statt aufs dreckige Geschirr, Vorfreude statt Sehnsucht. Tendenziell graben wir aber viel lieber in der Vergangenheit, als in die Zukunft zu blicken, oder – Achtung, jetzt kann es unbequem werden – in der Gegenwart zu bleiben. Warum? Ist es so denn etwa einfacher?

Auch ich tue mir schwer, in dieser und in mir zu ruhen. Ich bin der Typ Mensch, der abends den nächsten Tag durchgeht, entweder, weil es mir davor graust oder ich mich immens darauf freue. Deswegen weiß ich auch jetzt schon, dass ich dreimal neu- und umpacken werde, einfach nur, weil es so Spaß macht zu wissen, dass man das Wiedersehen bald vor sich hat und die Freude darauf durch stundenlanges, äußerst sinnloses Packen ins Unermessliche treiben kann (brauche ich ein Cocktailkleid in der Wüste? Sicher ist sicher.)

Dieser gegenwärtige Abschied ist für mich eine Lektion fürs Leben. Um mir vor Augen zu halten, dass ich jemanden – und nicht nur einen Menschen – habe, dessen Abschied mir nahe geht. Dass ich das Privileg habe, darum gebeten zu werden, jemanden bis zum Abflugsteig zu begleiten. Dass ich mein leeres Bett zu schätzen weiß, eben weil ich normalerweise nicht alleine einschlafen muss oder will. Dass ich das Bild, wo die Blicke sich trafen und nichts geredet, bis das Schönste überhaupt gesagt wurde, in mir einschließe und trage. In der Gegenwart.

Das mag unglaublich kitschig klingen, vielleicht manchen zu ehrlich und zu nah. Aber ich kehre nur das Innere von uns allen nach außen, es geht uns allen doch gleich.

Und wenn ich dann daran denke, wie bei „Love actually“ die Ankunftshalle von London Heathrow gezeigt wird, wo sich Menschen aller Kulturen in den Armen liegen, dann kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als regelmäßiges Verabschieden. Weil wir wissen, dass das Wiedersehen unbezahlbar ist. 

Neuerdings praktiziere ich dieses übrigens ein bisschen emotionaler, als man es üblicherweise tut. Manche schließen die Tür auf, murmeln eine Begrüßung und geben sich allenfalls einen flüchtigen Kuss. Ich lege da jetzt eher so ein Hollywood-Ding aufs Parkett, halte den Anderen lange im Arm und rede mir ein, gerade von einem 3-wöchigen und äußerst waghalsigen Auslandsaufenthalt zurückgekommen zu sein. Hach, so ein bisschen Dramatik braucht‘s ja dann auch wieder, wenn es an räumlichen Trennungen fehlt. 
Oder für den Fall, dass man einfach an jedem Tag anerkennen will, welche Schätze man um sich hat, als immer zu erwarten, vom Leben darauf hingewiesen zu werden. Durch Abflughallen, Bahnhöfe – oder zwei dreckigen Tellern, statt einem.
© Ani 2012


Montag, 1. Oktober 2012

Darf ich vorstellen: Der Unsympath


Wir finden jemanden sympathisch, wenn wir mit ihm auf einer Wellenlänge sind. Quasi einen Gleichklang ergeben, das sagt die Psychologie.

Hört sich hochtrabend an, ist aber im Grunde total einfach. Jemand betritt einen Raum, man schaut sich den Menschen an und hat dann innerhalb von drei Sekunden entschieden, ihn zu mögen oder nicht. Nettes Lächeln und Blickkontakt schreibe ich hier mal riskant auf die Seite „sympathisch“. Derjenige hat erstmal gewonnen.

Kommt aber jemand zur Tür herein, lässt den Blick nur über dich hinweg wandern, stellt sich also nicht vor und zeigt auch sonst keinerlei Interesse, dann muss diese Person männlich und äußerst attraktiv sein, denn in allen anderen Fällen (beispielsweise weiblich und äußerst attraktiv) hat derjenige, sprich diejenige, sofort verloren und dann kann es eine Weile dauern, bis man es sich anders überlegt.

Wir sind alle voller Vorurteile und das macht es beim Kennenlernen oftmals schwierig, denn so einige unserer Zeitgenossen bauen Mauern aus Coolness um sich auf, während das, was dahinterliegt, vielleicht genau die Wellenlänge wäre, auf der man selbst reitet. Dahinterzublicken ist eine Option, zu der wir aber meist keine Lust und zu wenig Zeit haben, es gibt zu viele von ihnen.
Also hangeln wir uns an Richtlinien entlang, beispielsweise guter Humor, die Fähigkeit, dem Gegenüber zuzuhören, Gemeinsamkeiten. Deswegen lernen z. B. Raucher im Schnitt viel schneller jemanden kennen, weil es mittlerweile anerkannte Raucherpausen in Büros gibt und auch vor den Bars tümmeln sich die Leidensgenossen – man hat gemeinsame Themen (Feuer, Wetter, Zigarettenmarke) und schwupps ist die Schnittstelle gemeistert. Stellt sich dann heraus, dass das Gegenüber aber trotzdem irgendwie doof ist, kann man sich weiterhin auf Small-Talk-Niveau unterhalten (Feuer, Wetter, Zigarettenmarke) und das für sich aus der Konversation mitnehmen, was wichtig ist (Zigarette schnorren).

Über Menschen, mit denen ich nichts anfangen kann, kann ich mich wenigstens exorbitant aufregen. Z. B. saß ich neulich in der S-Bahn und unterhielt mich angeregt mit einer Freundin am Telefon, von der ich seit Monaten nichts gehört hatte, als mich ein wildfremder Mann ohne „Entschuldigung“ zu sagen oder sich zu erklären, mittendrin anspricht und unterbricht. Nachdem ich kurz geantwortet , dies aber mit einem strafenden Blick unterlegt hatte, tat er es immer wieder. Frage mich bis heute, was der an mir wohl sympathisch fand, als er sich am Ende bedankte und mit einem Lächeln ausstieg.

Was ich auch ungemein nervtötend finde, ist, wenn jemand, den ich sowieso nicht mag, dann auch noch anfängt, eine Diskussion über meine eigenen Vorlieben zu führen.
Ein zeitgenössisches Beispiel: Vor einigen Monaten habe ich aufgehört, Fleisch zu essen – aus Gründen, die ich niemandem in der heutigen Fleischkonsumzeit eigentlich erläutern müsste.
Zum Verständnis möchte ich sagen, dass meine engsten Freunde Fleischesser sind und ich weder missioniere, noch im Stillen Tofu ins Essen schnippele. Sein eigenes Essverhalten soll, darf und kann jeder für sich selbst entscheiden.
Was mich aber so unfassbar uffrescht ist, wenn sich da jetzt jemand hinstellt und so dermaßen intelligente Sätze von sich gibt, wie „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“ (Achtung, alles lacht) oder, mein persönlicher Klassiker, „warum sollte ich auf Fleisch verzichten? Ist ja voll bescheuert!“ Da fange ich dann leider an, dezent von innen heraus zu schäumen und rot anzulaufen, denn nein, ich bin kein Übermensch und schaffe es trotzdem und nein, ich mache das nicht, weil mir langweilig ist und ich sonst nichts mit mir anzufangen weiß. Des Weiteren setze ich mich dir, du schlaues Kerlchen, auch nicht in Kambodscha am Tisch gegenüber und sage „Lass ihn dir schmecken, den kleinen Welpen. Vielleicht isst du ja heraus, dass er nur noch drei Beine hatte.“
Damit würde ich mich ja leider auf das gleiche Niveau begeben, also esse ich stillschweigend vor mich hin und wünsche mir so sehr die Eier(stöcke) zu haben, um einfach zu sagen: Es tut mir leid, aber du bist mir unsympathisch und das ist gar nicht schlimm, aber aus diesem Grunde bin ich an keinem Gespräch interessiert.

Ich gebe zu, ich bin schnell bei meiner Meinungsfindung. Und da auch ein bisschen radikal. Aber nur, weil ich das selbst oft erlebe und es ja nicht so ist, dass man diese nicht ab und an revidieren kann.
Meine Freundin wird regelmäßig auf den ersten Blick für arrogant gehalten – ein Mädchen, das keiner Fliege was zu Leide tun kann und mit ihrer Tollpatschigkeit so manches Herz zum Schmelzen bringt.
Eine andere Freundin hat mich monatelang argwöhnisch an der Schule beobachtet, sodass ich sowohl Angst vor ihr, als auch Respekt ihr gegenüber verspürte. Als wir dann zufällig ins Gespräch kamen und merkten, wie sehr wir uns mochten, schmissen wir kurze Zeit später eine Pyjamaparty.
Und wiederum eine andere Freundin trug jahrelang ihre Bibel mit sich, selbst übervolle Bars und Clubs hielten sie nicht davon ab, betrunkenen Menschen daraus vorzulesen. Auch wenn ich sie in dem Bezug für äußerst verrückt halte, so liebe und schätze ich sie dadurch umso mehr.

Was sagt uns das? Klar, es ist menschlich zu urteilen und Meinungen zu festigen, auch strahlen wir oftmals etwas aus, was wir gar nicht wollen.

Im Großen und Ganzen sollte man also natürlich dazu bereit sein, ein paar Minuten länger im Unklaren zu verweilen und sich erst dann eine Meinung zu bilden. Das ist schwer, vor allem, wenn ich schon beim Hände schütteln merke, dass das mit uns beiden nichts wird. Sorry.
Das eigentlich größte Dilemma stellt sich dann heraus, wenn der Unsympath #1 dich total nett findet und gerne mal mit dir einen Kaffee trinken gehen möchte – jetzt, wo man doch befreundet ist. Uff. Vielleicht erzähle ich ihm, ich würde nur grünen Tee schlürfen und Kaffee verschmähen?
Sollte das jetzt jemand unsympathisch finden, ist das ok.

Für Lisar, meine sympathischste Unsympathin.

© Ani 2012

Sonntag, 23. September 2012

Angsthase, Pfeffernase!


Ich verstehe das nicht.

Anders, ich verstehe sie nicht. Die Männer.

Lange Zeit habe ich eingesehen, dass wir Frauen durch die Bank komplizierter sind, als die Anderen. Schon klar, wir meinen ja, wenn wir nein sagen. Weil wir uns halt zieren und durchschaut werden möchten. Im Prinzip doch nicht so schwer. Wir können sehr launisch sein, wenn auch nur ein falsches Wort fällt, ach, es reicht schon eine Betonung, die sich um einen Halbton verirrt hat. Auch wahr: Frauen können im Sekundentakt ihre Meinung ändern und erwarten von den Männern, dass sie damit Schritt halten.

Gut ok, so ist es, das macht ja aber auch Spaß und das ganze Spiel interessant.
Aber neuerdings sind die Karten gemischt und die Männer fangen an, sich divenhaft zu benehmen. Es tut mir im Voraus um die männlichen Ausnahmen Leid, aber ich muss pauschalisieren, um das mal zu verdeutlichen, was ich gerade in großem Ausmaß beobachte.

Also, der Mann wird zur Maus. Da habe ich eine Freundin, die schier erobert wurde von einem Kerl. Er hat nicht locker gelassen, obwohl er wusste, dass sie noch so halb in einer scheiternden Beziehung steckte. Es folgten Dates, der perfekte Kuss zum perfekten Zeitpunkt (da hatte wohl jemand recherchiert) und darauffolgende Treffen, wie man sie sich vorstellt. Bilderbuchromanze.
Sie: Schweigt und genießt. Stellt keine unangenehmen Fragen, verzichtet auf Über-Emotionalität. Er: Kriegt Panik aus dem Nichts und lässt den allseits bekannten und meistverfolgten Satz des Planetens fallen - „mir geht das zu schnell.“ Huch? Moment, zurückspulen. Dem Mann geht es zu schnell, obwohl er ritterlich erobert hat, sich jeden Tag gemeldet hat und das Mädel kein einziges Mal nachhakte, was denn jetzt eigentlich das Ganze bedeute?
Tja, da kommt der Angsthase dahergehoppelt und nicht nur in dieser Geschichte, nein, auch in ganz anderen. Wir haben gelernt, keinen Druck auf Männer auszuüben, nicht loszuweinen, wenn unliebsame Sätze fallen und auch sonst lieber auf den Anruf warten und vergessen zu essen, zu trinken oder zur Arbeit zu gehen, als sich selbst zu melden. Wir halten alle Regeln ein, um dann am Ende zu hören, dass es zu schnell gehe, dass die Gefühle Angst machen würden, dass man sich so sporadisch melde, weil man sich ja sowieso schon vor dem nahenden Abschied fürchte.

Was ist denn bitte da los, wieso verkriecht sich die Männlichkeit derzeit in jeder noch so dunklen Ecke?
Natürlich gibt es Ausnahmen. Der ein oder andere von den Anderen wird jetzt laut schnauben und mit tausend Gegenbeispielen kommen, schon klar, aber die durchschnittliche Tendenz geht meiner Meinung nach zu einem Wort: Angsthasen.
Männer haben Angst vor Gefühlen, weil sie mal mit 15 Jahren von der Anneliese keinen Kuss bekommen haben und seitdem lieber vorsichtig sind und abends lieber gemütlich ein Bier mit dem Kumpel trinken, als auf Brautschau zu gehen. Männer haben Angst, sich zu binden, weil sie in dem Glauben leben, dass wir Frauen dann innerhalb der kommenden sechs Monate erwarten würden, dass Antrag, Haus und Kind folgen müssten – ohne Ausnahme und in genau der Reihenfolge.

Ich verstehe das nicht. Meine Freundinnen, die gerade diese Erfahrungen machen müssen, stehen da und fragen sich nächtelang, was sie denn ausgestrahlt haben, dass solche Geschichten immer wieder diese Wendung nehmen.

Es ist ja nicht so, dass wir diese Ängste nicht selbst kennen. Mit uns wurde z. B. schon per Skype Schluss gemacht, was definitiv mehr weh getan hat, als die Sache mit der Anneliese. Und trotzdem sagen mir aktuelle Beobachtungen immer wieder, dass Frauen in Sachen Liebe einmal mehr aufstehen. Ob wir nun allgemein mutiger sind oder wir uns evolutionsbedingt dauerhaft dazu angetrieben fühlen, den richtigen Mann zur Familiengründung zu finden, bleibt ungewiss.

Wenn man die Schlagworte „Männer Bindungsangst“ googelt, kommen 23.600 Ergebnisse, darunter Buchvorschläge (für Frauen, die einen Mann mit Bindungsangst an der Backe haben), Foreneinträge, wo man sich austauscht (Frauen, nicht Männer) und Artikel aus...? Genau, Frauenzeitschriften. Zufall?

Interessant. Ein Thema, das beide Geschlechter betrifft, aber nur von der weiblichen Seite thematisiert wird. Hat da jemand vielleicht Angst vor der Wahrheit?

Mein Anderer schaut ja neuerdings Sex and the City. Die Begründung liegt darin, dass er glaubt, mich dadurch besser verstehen zu können. Manchmal lacht er sogar und Mr. Big mag er. Klar, der hat ja sechs Staffeln lang Bindungsangst.

© Ani 2012

Freitag, 14. September 2012

Danke, du Depp!


Danke sagen ist manchmal gar nicht so einfach. Danke auch wirklich zu meinen, kann mitunter so manchen Zeitgenossen richtig nervös machen.

Für was soll ich denn bitte dankbar sein?

Jaja, das kennt man, das Leben ist gegen mich, nichts funktioniert, ich habe nur das, was ich unbedingt brauche und darüber zu reden, was ich möchte, damit fangen wir lieber gar nicht erst an. Huch, da wird aber ganz schön gemeckert, eigentlich erstaunlich, dass wir uns so oft in unseren Kopfwindungen verirren, aber trotzdem Raum zum Meckern da oben finden.

Neulich Abend saß ich da, schaute auf mein leeres Dokument auf meinem Bildschirm und versuchte angestrengt, nicht sauer zu sein, weil ich versetzt worden war. Ich versuchte das, weil sauer zu sein mir manchmal ganz gut in den Widder-Kram passt und ich aber neuerdings etwas Fabelhaftes ausprobiere: gelassen zu sein.
Jedenfalls kreisten meine Gedanken darum, dass ich versetzt worden war und sprangen dann aber immer wieder in eine kleine Hirnspalte, die ziemlich locker verkündete: na und?
Und da erinnerte ich mich an Zeiten zurück, an denen ich intensiv versuchte, meinen Abend auszufüllen, damit ich bloß nicht merken würde, wie traurig und unglücklich ich war. Weil ich wusste, dass die Tür heute Abend nicht aufgehen und jemand hineinschlüpfen würde. Also habe ich beschlossen, mich nur ein bisschen (und irgendwann gar nicht mehr) darüber aufzuregen, dass ich versetzt wurde, als mich damit auseinandersetzen zu müssen, dass überhaupt keiner nach Hause kommt.
Ist doch egal, wann und wie und überhaupt – so unterm Strich. Hauptsache ist, dass der, den du willst, irgendwann die Tür aufmacht. Weil er es will.

Wir sind schon eine anstrengende Spezies. Denn was wir Menschen unglaublich gut können, ist, die Unzufriedenheit an die Lebensumstände binnen kürzester Zeit anzupassen. Haben wir keinen Partner, wünschen wir ihn uns sehnlichst her und lassen dabei so gar nichts anbrennen. Da werden die New-Age-Bücher gewälzt und auch wird fleißig beim Universum der Traummann bestellt. Wir tanzen ums Feuer und reißen allen süßen Typen heimlich ein paar Löckchen heraus, um den Liebestrunk zu vollenden. Steht er dann vor uns, können wir es gar nicht abwarten, ihn zu verändern. Und sollte doch wirklich mal alles an dem Gegenüber passen, dann suchen wir wie die Deppen den Haken. Denn auch eine funktionierende Beziehung kann ja so un-glaub-lich schwer sein, denn dann fällt ja das Gewohnte weg, das einen so lange begleitet hatte: Misstrauen, Streitereien, Eifersucht. Schwierig, wenn man nicht vorgewarnt wird, dass man auf einmal in etwas steckt, was zu funktionieren scheint.

Suchen wir jahrelang den Traumjob, gibt es gute Gründe zu meckern. Unerfüllt zu sein und vielleicht sogar arbeitslos vor sich hinversauern, sind Zustände, die jeder als unangenehm nachvollziehen kann. Finden wir aber von heute auf morgen eine Beschäftigung, die uns vorkommt, als wäre sie für uns gemalt, quasi der Monet unter allen Seerosen, so stört uns da eben ganz schnell eine Kleinigkeit. Dass der Kaffee immer leer ist und der letzte Kollege nie Neuen aufsetzt. Dass die Trulla, äh Chefin, immer ein bisschen besser gekleidet ist, als man selbst. Jaaaa, die Kleinigkeiten machen's aus, das darf man nicht unterschätzen, denn wenn die sich summieren, dann ist schnell der Ofen aus, die Kacke am Dampfen, Polen offen oder wie auch immer das mit dem Affen heißt.

Bei mir war die letzten Tage ziemliches Chaos angesiedelt. Ich habe über diese neuen Wege meditiert, ich habe sie hin und wieder verflucht und auch aufgeschrieben, was mir alles nicht passt. Es hat sich nichts geändert. Dann habe ich versucht, das Positive daraus zu ziehen, das Chaos als Kreativität genutzt und innerhalb von zwei Tagen hatte sich das Blatt gewendet. Auf einmal boten sich mir neue Chancen und die Wege, die ich eigentlich gar nicht gehen wollte, schienen mir auf einmal wie Lichtungen, die vor mir strahlten und ich sie nur ergreifen musste.

Dankbar zu sein in einer konsumorientierten Luxusgesellschaft ist definitiv nicht das Einfachste. Darum berührt das Lächeln von Menschen in armen Ländern auch immer so sehr. Weil es ehrlich ist. Und weil es vielleicht einfacher ist, zu lachen, wenn man ganz unten ist und nach oben schauen kann, sehen kann, was es vielleicht doch noch alles zu entdecken gibt, als nach unten zu schauen und jeden Tag Angst vor der Fallhöhe zu haben: dem Verlust. Dem Versagen.

Meine Dankbarkeitsliste wächst. Manchmal muss ich mich überwinden, aufzuschreiben, dass ich sogar für große Hindernisse gerade dankbar bin. Aber rückblickend waren die großen Hindernisse in meinem Leben auch gleichzeitig die größten Chancen, aus dem auszubrechen, aus dem ich schon viel länger herauswollte, als mein Verstand es wusste. Mein Herz allerdings weiß immer im Voraus, wo es hin will. Dann kann es mit dem Danken ja doch nicht so weit her sein, das sollte ja schließlich von Herzen kommen.

Übrigens kann Dankbarkeit im Alltag auch sehr weiterhelfen und bereichern. Wenn der U-Bahn-Fahrer, der ja anscheinend grundsätzlich unzufrieden ist, eine ganze Minute zu früh aus dem Bahnhof fährt und dir, keuchend und freundlich wie eh und je, noch nett sagt, dass „das Leben eben so sei“, dann kann man sich in den 10 Minuten, in denen man auf die nächste Bahn warten muss, hinsetzen und sagen:

Danke, liebes Universum, dass du immer wieder so sau dämliche Menschen meinen Weg kreuzen lässt, damit ich 10 Minuten Zeit habe für mich und merke, wie schlau, freundlich, lebensfroh und bereichernd meine Wenigkeit für so viele Menschen ist, die gut und gerne auf mich warten und mich ein Stückchen mitnehmen.

© Ani 2012

Donnerstag, 6. September 2012

Bitte eine Sinnkrise und eine kleine Cola

Das Leben ist eine Baustelle.
Auf diesen unglaublich intelligenten, weil noch nie da gewesenen Satz, bin ich gekommen, als ich am Schreibtisch saß, aus dem Fenster schaute und auf einmal diverse Männer mit Werkzeugen in der Hand vorbeiliefen. Moment, dachte ich mir, ich wohne doch im fünften Stock. Quasi näher am Dach, als an der Straße.

Ach ja, richtig, die Bauarbeiten hatten begonnen. Während nun also gebohrt und gehämmert wird für läppische neun Wochen (plus minus, man weiß ja nie, wie es kommt im Leben), musste ich mir überlegen, entweder nicht mehr in Unterwäsche durch die Wohnung zu hüpfen oder den ganzen Tag im abgedunkelten Raum zu sitzen. Um mir für diese existenzielle Entscheidung ein bisschen Zeit zu nehmen, zog ich vorerst die Jalousien herunter. Ich war verwirrt, der Andere auch, der stemmt jetzt nämlich wieder Gewichte, denn die Bauarbeiter könnten ja oberkörperfrei und mit Cola in der Hand ihr Päuschen machen.

Ich schaue nach draußen.

Dann doch bitte das Oberteil anlassen, besten Dank, und weiter geht’s. Ach ja, wer reinguckt, der fliegt. Und zwar vom Gerüst – vielleicht sollte ich das kurz kommunizieren?

Jedenfalls haben diese netten Herren sich nicht nur mit ihren Werkzeugen in mein Hirn gebohrt, sondern auch ein paar Gedanken ins Rollen gebracht.
In allen Leben, die mir so über den Weg spazieren, wird gerade gebastelt und geheimwerkelt, was das Zeug hält. Während die Einen sich in einer Sinnkrise befinden und diese ausleben (ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll, ich glaube, ich promoviere einfach mal), rennen die Anderen davon, ihre Sinnkrise rennt keuchend hinterher (ähm, ich geh mal reisen, in Asien soll man sich mit Pilzen selbst finden können). Die Nächsten beenden im Schnelldurchlauf ihr Studium, nur um noch schneller die Stadt zu verlassen (als ob es woanders anders wäre) und dann gibt’s die, zu denen zähle ich mich gerade, die sitzen halt da und schauen aus dem Fenster und dann gucken sie in den Kühlschrank und dann öffnen sie auch mal die Tür und schauen da mal, ob was passiert. Manchmal muss man auch einfach mal warten, das ist teilweise eine gewisse Lethargie, die da gerade aus mir spricht, aber auch teilweise die pure Weisheit, jawohl.

Träumen, Schäumen, Plänen und Ideen hinterherzurennen, bringt manchmal gar nicht so viel. Das ist genauso, wie Krankheiten im Internet zu googlen. Du findest immer etwas, aber ob es das ist, was du finden wolltest, das ist die Frage. Und die Antwort dazu gibt es leider nicht bei Google, die findest du nur in dir, also abwarten und fest verwurzelt sitzen. Und atmen, das vergisst man ja auch ab und an.

Ich bin ja grundsätzlich pro Finden. Sich in sich selber oder wahlweise in jemand Anderem, wie dem auch sei, wenn man mal was gefunden hat, womit man leben kann und will, dann ist das ja wirklich was wert. Aber dieses ständige Herumwerkeln am Leben, sich schon fast selbst zerreißen, nachts nicht schlafen zu können, um dann morgens von der Baustelle des Lebens sanft wachgehämmert zu werden, das ist ja nichts auf die Dauer.

Wir. Sind. Generation. Sinnkrise. Aber Obacht, das kann ja auch was Gutes sein. Die Auswahl an Möglichkeiten ist unbegrenzt, nur bauen wir uns selbst unser kleines Gefängnis und sitzen da jetzt drin. Wir haben uns gegenseitig hochgepusht: Was ist mittlerweile ein Lebenslauf wert ohne Studium von Fächern, die sich kaum aussprechen lassen, Auslandsaufenthalt verbunden mit der Betreuung von 20 schwerst-erziehbaren Kindern, deren Sprache man nicht spricht, Praktikum im Forschungslabor inkl. Mitwirkung an der wissenschaftlichen Stagnation diverser Pharma-Unternehmen? Eben.

Ich glaube nicht an den Druck der Gesellschaft, ich glaube, der herrscht nur in einem selbst. Und da er in den meisten herrscht, herrscht er eben größtenteils in der Gesellschaft. Wir machen ihn uns selbst und dann schieben wir ihn nach draußen, weil es einfacher ist. Wäre man glücklich und zufrieden, egal, ob man seinen Job ausgezeichnet oder vielleicht nur mittelmäßig macht, dann transportiert man das nach außen, wird automatisch besser und die Gesellschaft hat einen lieb. Hört sich einfältig und naiv an, ja, das ist die Taktik von Kindern, aber wie es Kindern so geht und was deren Meinung über den Tag mit der Mareike im Kindergarten war, das muss ich jetzt nicht ausführen, oder?

Es sagt ja keiner, dass das leicht ist, zurück in die Kinderschuhe, die müssen ja erstmal wieder angepasst werden.
Die Umstände, also die Baustelle zu akzeptieren, ist höllenschwer. Ihr dann nicht den Rücken zuzuwenden, sondern auf die Ohropax zu verzichten, hinzuhören, was sie einem zu sagen hat, und dann danach sortieren, leben und weitergehen – das ist wohl die Kunst. Diejenigen, die das machen – und ich kenne Leute, die das können – die bewundere ich sehr. Mehr davon sollen es werden, am besten wir alle.

Ich schaue weiterhin aus dem Fenster und arbeite an meiner positiven Ausstrahlung (ich muss gerade sehr lachen). Aber ich arbeite dran. Im Sitzen. Und ich glaube dran.
Da, ein Bauarbeiter. Vielleicht setze ich jetzt mal ne Kanne Kaffee für die auf. Das macht sie bestimmt glücklich, verbessert mein eigenes Karma und ich bin mindestens zwei Minuten so intensiv beschäftigt, dass ich am Abend erzählen kann, welch großen Beitrag ich für die Gesellschaft heute geleistet habe.

© 2012 Ani