Sonntag, 11. März 2012

Click here to like Uganda


Da ich nun den vierten Tag in Folge mit Kopfschmerzen aufwache, dachte ich mir, dass ich doch die Gedanken, die meinen Kopf anscheinend so zermartern, auch mal aufschreiben könnte.

Ich glaube, es liegt daran, dass egal, wo man zur Zeit hinkommt, einen eine Welle des Aufschreis und der Diskussionen überrollt. Im Allgemeinen finde ich das ja sehr schön zu beobachten, denn es tut sich was, viele werden wacher und bilden sich eine Meinung, interessieren sich für Zwischenmenschliches und werden vor allem auch kontaktfreudiger. Doch so manchmal hat das Ganze einen für mich anstrengenden Beigeschmack.

Die einen beschweren sich darüber, dass das Kony 2012 Video mit subtiler und billiger Emotion arbeitet, damit es sein Ziel einhalten kann: Verbreitung, Mitgefühl und Teilnahme. 
Es wird diskutiert, dass dies der falsche Weg ist, was durchaus sein kann - nur wer dreht sich geschichtlich mal um und schaut sich an, dass seit 1987 so gut wie keine Kampagne in diesem Bereich eine nur ansatzweise genauso große Masse erreicht hat, wie die derzeitige Welle es nun tut? Es bewegt sich etwas. Wen stört es da, wie es passiert? Die Menschen, die lieber diskutieren, als sich einfach einzugestehen, dass Emotionen über Diskussionen stehen, weil sie der Ursprung sind. Menschen haben immer erst angefangen, etwas zu tun, wenn es sie berührt hat, das weiß doch jedes Kind, das mindestens eine Woche lang nach der Erstausstrahlung von Bambi aufgehört hat, Fleisch zu essen.

Und während manche glücklich weiter diskutieren, teilen sie es bei Facebook – der weltweit größten sozialen Plattform, die uns vernetzt und zusammenbringt. Die Seite, die uns ermöglicht, mit einem Klick etwas aus dem Leben unseres australischen Freundes zu erfahren, den man seit Jahren nicht gesehen hat und vermisst. Die Seite, die ermöglicht, dass man mit der Freundin, die unter einem wohnt, kurz zu chatten, weil das Bett eben noch viel zu bequem ist, um es zu verlassen. Emotionen? Nein, diese Seite nutzt man lediglich für berufliche Zwecke.
Jede Sekunde wird die Startseite genutzt, um sich Luft zu machen, auch über Aktionen wie Kony 2012, und während Facebook genutzt wird, wird auch gleichzeitig geschimpft, und zwar über die neue Timeline und die Datenschutzbestimmungen, mit denen sich gerade diejenigen nicht auseinandergesetzt haben, die sich darüber Luft machen. Und trotzdem ist es schöner, per Facebook sich zu echauffieren über all dies, anstatt z. B. das soziale Netzwerk zu verlassen oder – im Stillen – seinen eigenen Weg zu finden, Uganda zu unterstützen.
Wer mich aufregt, sind all die Nein-Sager, all diejenigen, die lieber stundenlang diskutieren, als nachgeben, zugeben und zusammenwachsen. Denn das, liebe Internet-Gemeinde, ist doch die einzige Kraft und die einzige Energie, die überhaupt etwas bewirkt.
Ich selbst habe schon vor Jahren aufgehört, Nachrichten zu lesen und es ist mir egal, wie oft ich damit anecke, denn das, was wichtig ist, kriege ich immer mit und das, was mir am Arsch vorbei geht, ist sowieso nur sich wiederholende Geschichte. Die kommt in 10 Jahren wieder und dann hat man eine weitere Chance, sie mitzubekommen und... hmm, wiedermal nichts zu tun?

Es braucht immer einen Anfang. Bist du unzufrieden mit der Timeline? Dann beiß' verdammt nochmal in den sauren Apfel und geh offline. Mach ein Selbstexperiment und schau, ob du auch ohne Facebook auskommst.
Stinkt dir Kony 2012? Dann lass die Invisible-Children-Kampagne ihre Sache machen und wende dich einem anderen Projekt zu.

Erst kürzlich habe ich von meiner Freundin erfahren, dass sie ein großes und seriöses Programm zum Schutz vom Regenwald unterstützt – jährlich mit nicht zu verachtenden Ausgaben ihrerseits, obwohl sie, wie so viele von uns, am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig hat. Das nenne ich einen Anfang bei sich selbst, eine Unterstützung, die von Herzen kommt und dann auch noch im Stillen, chapeau!
Ich will hier gar keine Stellungen zu den oben genannten Themen beziehen, ich bin oftmals nicht besser und vieles der Kritik geht auch an mich selbst.
Ich bin es einfach nur Leid, mit pseudo-weltbewegenden Kritiken zugespamt zu werden.
Ob ich dagegen was mache? Ja, natürlich. Ausblenden. Das kann man nämlich nach wie vor bei Facebook.

Für all die Invisible Children, die es einen Dreck schert, ob die Hilfe aufgrund dessen kommt, dass ein Video mit den Emotionen der Menschen spielt, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie weinen jeden Tag. Und hoffen jeden Tag. Diskutieren tut da niemand.

© Ani 2012

Sonntag, 26. Februar 2012

Damals und heute


Und trotzdem bleibt es immer gleich,
ich schlage auf und stell mir vor,
was wäre, wenn´s noch schlimmer wird,
den immer gleichen Satz im Ohr:
Dass Atmen sich wohl trotzdem lohnt,
das Schicksal niemals wen verschont,
die Straße ist nicht immer eben und grad' deswegen:
Auf das Leben!
(Jupiter Jones)

Als ich neulich mit Tränen in den Augen meinen zwei Freundinnen erklärte, wie sehr ich sie dafür wertschätze, dass sie das für mich tun... so ohne "wenn und aber"... so ohne murren, maulen, meckern... da fiel mir auf, wie viele so etwas überhaupt nicht kennen. Dass man nie verlangen muss, weil es vorher schon längst erledigt wurde.

In dem Moment konnte ich bewusst wahrnehmen, wie sehr ich mich glücklich schätzen konnte. Da standen sie, die beiden, und wichen nicht von meiner Seite. Ich musste sie gar nicht wirklich ködern, nur ein bisschen zuzwinkern und mich von Herzen bedanken. Und sie blieben. Voraussetzung für so ein Kalkül ist natürlich das Nahe-am-Wasser-gebaut-sein von Freundinnen, da somit alle Dämme brachen und die anderen Emotionen des Abends wegwischten.

Gerade in den letzten Wochen habe ich gelernt: Gib ein kleines bisschen, gar nicht mehr, als du geben willst, bedanke dich und du kriegst im Gegenzug die ganze Welt. Wenn die Dinge anfangen, unkompliziert abzulaufen, dann funktioniert auf einmal alles.
Wenn man Händchen haltend in Wartezimmern sitzt und das Testergebnis abwartet, wenn die Freizeit über der Karriere steht, wenn Freunde morgens anrufen und fragen, ob deine Halsschmerzen weg sind... dann läuft ein großer Teil in deinem Leben rund.

Als ich neulich ein Date hatte und beschloss, dies vorzeitig zu verlassen, hat mich das Mädchen neben mir an der Bar nach meiner Nummer gefragt und ich war kurz hin und weg.
Der Nachname wie der Komponist... dann freu ich mich, wenn wir uns mal treffen!“. 
Das war vielleicht `ne Nummer. Jedes mal, wenn ich alleine an der Bar saß, weil meine Begleitung kurz, äh, verschwand, setzte sie sich neben mich und unterhielt mich. Schön, dass sich freundschaftliche Verhaltensweisen aufzeigen können, noch bevor die Freundschaft entstanden ist. So bin ich an dem Abend mit einer neuen Nummer nach Hause gegangen und musste lachen, als ich die Nacht rekonstruierte und im Zuge dessen ihren Namen auf meinem Display las. Großartig. Nummer ist Nummer und solche bereiten wenigstens keinen Kummer, reimte ich stolz vor mich hin.

Weiter geht’s zu den Leuten, die um halb sieben am Morgen ein Frühstück – wenn auch nicht ganz uneigennützig – zubereiten und du faul daneben sitzen kannst. Von der Avocado bis zum frisch gepressten Orangensaft war alles dabei. Während der Körper jauchzte, frohlockte das Herz und rief:

Ja! Ja!! Ich will mehr davon. Mehr von der Gelassenheit, der Sympathie und Herzlichkeit – wo verstecken sich diese Dinge eigentlich so oft?

Wenn dann alle zusammen ins Bett fallen, auf der Schulter des Anderen einschlafen und lieber den ganzen Morgen zusammengequetscht, drunter und drüber und einfach irgendwie pennen, anstatt in´s eigenen Nest umzuziehen, ist man irgendwie gerettet worden. Denn einmal von so etwas gekostet, wird man nie wieder darauf verzichten wollen. Zusammen ist man weniger allein und zusammen verkorkst sein zu dürfen, Tierlaute von sich geben, darüber wie kleine Kinder zu giggeln und in keinem Fall sich fragen müssen, ob man dabei blöd aussah, sich doof verhalten hat oder der Lidstrich noch sitzt (was er übrigens noch tat und mich schwer begeisterte), ist einfach mal das Größte.

Alles in allem eine tolle Erfindung, diese Freundschaft. Man erlebt die besten Sachen und bereichert das Leben des Anderen im höchsten Maße. Man kann alles zusammen erleben und wenn man sich am Ende des Tages streitet, weiß man ganz genau, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man sich wieder verträgt, während es in Partnerschaften meist eine Frage der Beziehung ist. 
 
Und übrigens kennt Freundschaft auch kein Alter. Während wir uns für viel zu wichtig nehmen, durch den Alltag im Kostümchen (hellgrau, frecher Schnitt) spazieren und uns am Abend auf die Tagesschau freuen, bekommt man in der Freundschaft die Chance, seine Kindheit aufzufrischen. Man kann das mit Hörspielkassetten tun, mit Pyjama-Partys, mit Erinnerungen über Fury, Fuchur und Black Beauty.

Ich kenne meine Freundin seit 15 Jahren. Wir haben uns einmal gestritten. Damals wie heute ist es same, same... but different.

© 2012 Ani

Dienstag, 21. Februar 2012

Die Geschichte vom im Kern erschütterten Kartenhaus


Der Kernerschütterer ist nicht befugt, ein Kernerschütterer zu sein, wenn er sich entweder nicht dessen bewusst ist oder diesen Posten gar nicht möchte, ihn aber unbewusst ausübt.
(2. Buch, 1. Gesetz, A&K Gesetzbuch über den Umgang mit der Liebe)

Carrie sagt, dass es Menschen gibt, die dich im Kern erschüttern und diejenigen, die für dich da sind, wenn du im Kern erschüttert bist. Zweites sind meistens gute Freunde, Familie - oder Partner, für die du nicht mehr als Sympathie und Zuneigung empfindest.

Und dann ist da dieser Mensch, bei dem auf einmal alles still steht. Die Tür geht auf, du siehst ihn und alles, wirklich alles um ihn herum verschwimmt. Du merkst gar nicht, wie dich ständig andere anrempeln, wie viele dich ansprechen, weil du einfach gar nicht darauf eingehst. Du spürst diesen einen Blick und nur den und der zählt. Und wenn man sich dann berührt, bewusst oder unbewusst – und selbst das unbewusste Berühren ist definitiv ein bewusstes Suchen –, dann durchfährt es den kompletten Körper wie ein Blitz und genau in dem Moment hast du das Gefühl, dass alles gut ist. Nichts kann dir passieren, niemand kann dir weh tun, niemand kann dich übertrumpfen, hübscher oder intelligenter sein, interessanter wirken oder auf dich herabsehen. Alles ist perfekt. Und dann ist der Moment vorbei.

Ich kenne das ja nur aus Erzählungen und habe mir sagen lassen, dass es wohl ziemlich schwierig ist, mit so einem Kernerschütterer im Leben. Hat man ihn mal kennengelernt, fängt es an, dass man sich selbst wohl auch wiedermal kennenlernt.

Diese Menschen, die einem den Boden wegziehen, sind so faszinierend, angesichts dessen, dass sie es meist überhaupt nicht wissen. Sie haben keine Ahnung von ihrer unglaublichen Ausstrahlung und Anziehung. Sie machen das mit links und lächeln ein Elmex-Lächeln, was auch noch unglaublich sympathisch, anstatt aufgesetzt, ist. Sie sind locker, fröhlich und leicht, jedenfalls in deinen eigenen Augen. Sie machen irgendwie alles richtig, was du falsch machst. Aber wohlgemerkt alles nur so nebenbei und das ist der Punkt, der dann so unfair erscheint.
Hat jeder das Potenzial, ein Kernerschütterer zu sein? Rufst du vielleicht gerade auch deine Mama an, um ihr zu erzählen, dass du mich nicht aus dem Kopf bekommst – oder bin das nur ich? Ist man überhaupt fähig, in der Umgebung eines solchen Menschen eine klare Entscheidung zu treffen?

Die rauben einem doch nur den Schlaf und sie wissen es nicht, weil sie unbekümmert schlummern und nach dem Aufstehen überlegen, ob Montag oder doch Freitag sei. Machen sich Kernerschütterer auch so ihre Gedanken und fragen sich, ob es da jemanden gibt, der sie mag? Können die selbst erschüttert sein? Das wäre ja was.

Im Kern erschüttert zu sein, ist eine Bezeichnung, die schon vor langer Zeit mal meinen Weg gekreuzt hat und mich seither so fasziniert. Das ist schließlich mein eigener Kern, um den es da geht. Kein Mensch kann mehr eingreifen, als auf diese Art und Weise. Dem eigentlichen Nichts-Tun.

Und dann fragt sie, warum man sich denn drauf eingelassen hätte und die Andere entgegnet:

Sag mir, wie man eine weise Entscheidung trifft, wenn ein Erdbeben über einen hereinbricht? Wenn du mir das sagen kannst, wäre ich sehr dankbar, denn dann wüsste ich nämlich ansatzweise, wie ich wieder heil nach Hause komme.

In solchen Angelegenheiten bietet sich mir oft der Vergleich des Kartenhauses. Was eine unglaublich konzentrierte Arbeit darstellt, ist am Ende so fragil und instabil. Aber es steht, das Haus, und sieht erhaben aus. Und dann kommt einer daher und zieht die unterste Karte raus.

Ich wage zu behaupten, dass man immer, wirklich immer, mit entscheidet, ob da jemand dein Häuschen zum Einsturz bringen darf.

© Ani 2012

Montag, 6. Februar 2012

Eine Liebeserklärung

Es ist halt immer ein bisschen dramatischer, als beim pragmatischen Typen.

Wir Künstler brauchen aus den unterschiedlichsten Gründen eine Plattform des Ausdrucks. Und es zählt gar nicht, wie gut oder schlecht jemand ist, sondern, dass es so ist.

Was vielleicht den Künstler vom Otto-Normal-Menschen unterscheidet, ist, dass er sein Talent früher entdeckt und das Gefühl hat, es ausleben zu müssen. Andererseits beschleicht uns doch alle eine Leere, die kaum auszuhalten ist. Das ist übrigens der Moment im Leben, in dem sich jeder auf die Suche nach seinem Talent machen sollte.

Hat man dann mal gefunden, was man kann und machen will, wird es in vielen Fällen weder vom Finanzamt, noch von der Künstlerkasse anerkannt. Allein das ist schon eine mittelschwere Katastrophe, aber noch lange nicht genug, denn der Künstler will mehr.
Künstler sein – und ich benutze dieses Wort ohne Wertung – ist Segen und Fluch. Aus einem bestimmten Grund möchte man das Drama leben, man möchte alles fühlen, was zur Auswahl steht, und am besten noch dafür gelobt werden. Aber gleichzeitig ist es doch meistens so, dass wir auch privat zu diesem Leben tendieren, das wir da manchmal darstellen (lassen).

Wir suchen und suchen, weil das Finden zu lange dauert.
Wir gehen zum Feiern nicht in den Keller, neuerdings aber in den Bunker.
Wir mögen vieles, was viele nicht mögen und sind grundsätzlich immer erst mal dagegen.
Wir sind nach kürzester Zeit unruhig, rastlos und fühlen uns getrieben.
Wenn wir uns gegenseitig kritisieren, sind wir entweder gnadenlos ehrlich oder verlogen.
Wir können schon von Weitem einen Künstler entlarven und bleiben auch sonst ganz gerne unter uns.

Das größte Drama der künstlerischen Welt kommt allerdings dann aus den Untiefen der Vorstellungskraft hervor, wenn sich zwei Verkappte dann auch noch verlieben.

„Weißt du, was mich so an ihm fasziniert? Seine Leidenschaft!“
„Hat dir sein Film gefallen?“
„Nein. Aber er hat ihn mit so viel Herzblut und so intim erzählt, dass er unglaublich viel Verantwortung dafür trägt.“
„Und worum geht der Film?“
„Keine Ahnung, ich war nur damit beschäftigt, ihn bei der Vorführung zu beobachten.“


Es ist die Leidenschaft, die treibt. Den eigenen Herzenswunsch voran und die des Anderen in dessen Arme. Weil Leidenschaft nun mal so unglaublich sexy ist, weil sie oftmals so unverständlich ist, weil sie anders ist und, weil sie in dieser hoffnungslos oberflächlichen Gesellschaft Einblicke in tiefe und zerstörerische Welten ermöglicht.

Leiden schafft. Sich etwas oder jemandem hinzugeben, heißt, sich zu verlieren. In der Sache oder demjenigen. Was ungesund scheint und auch ist, zaubert jedoch die tollsten Dinge hervor.
Leidenschaft schafft Leiden. Früher oder später. Viele Künstler sterben an Einsamkeit oder gebrochenem Herzen, weil sie in ihren eigenen Welten gefangen sind – nicht, weil die Kunst so böse ist, sondern, weil sie gar nicht wirklich aus dem eigens gebauten Gefängnis ausbrechen wollen.


Und Andere finden in ihrem Gegenüber auf einmal den idealen Partner. Er versteht die Hingabe, die Existenzängste, das unglaubliche Vertrauen in die eigene Arbeit und den minütlichen Verlust dessen. Er rät nicht dazu, was normales zu machen. Das schwierige an so einer Liebesbeziehung ist aber, dass beide ganz schnell die Bodenhaftung verlieren können. Es gibt ihn nicht, den pragmatischen Gegenpart, der Logik ins Gefühl bringen kann und einen ab und an sanft vom Höhenflug zurückholt.

Wir lieben unsere Kunst und doch suchen wir alle mit ihr nur das Glück. Mit der Leidenschaft im Nacken wird es halt oftmals komplizierter, als es sein müsste. Die Reise führt auf verschlungene Wege, vorbei an anderen Künstlern, die dir zunicken, während Otto mit dem Kopf schüttelt.

Ohne Leidenschaft gibt es allerdings keinen dieser tollen Filme, die uns nie wieder loslassen werden und auch nicht die Lieder, die uns immer wieder retten. Und es gäbe auch nicht das Bild, das uns fasziniert im Louvre sitzen lässt und uns dazu animiert, auch einmal auf Dinge zu achten, die vorher unwichtig erschienen.

Schon ironisch, dass ein so schönes und mit positiven Gedanken verknüpftes Wort einen so negativen Wortursprung hat. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass immer etwas Schönes entstehen kann – egal, auf welchem Mist es wächst.

© 2012 Ani

Mittwoch, 25. Januar 2012

Chocolate boy

(neulich am Telefon)

„Hallo, ig rufen an wegen Mitfahrgelegenheit, du noch haben Platz, dann bitte mitnehmen meine Cousine. Wann sind Sie denn in XY?“
„Das wird schwierig, wenn Sie erst in XY zusteigen wollen, da kann ich mich schwer drauf verlassen, weil ich somit das Geld für die Mitfahrgelegenheit nicht von Anfang an bekomme und das ehrlich gesagt nicht so gerne mache.“
„Aber ig haben Geld, wenn Sie sagen „Ja“, dann ig anrufen mein Cousine, Sie gerade aus USA gekommen. Ist das Gleiche, wie wenn Sie Leute von Anfang an mitnehmen, ist gleiche Geld.“
„Ich weiß schon, dass es der gleiche Betrag ist, aber ich möchte eigentlich nur Leute von XZ aus mitnehmen, verstehen Sie? Von Anfang an.“
„Ich zahlen gleichen Betrag, wie andere!!! Ich haben Geld, sonst ich hätte Sie nicht angerufen! Meine Cousine aus USA gekommen, Sie muss 14h in ZX sein! Wann sind Sie in XY?“
„Das habe ich nicht im Kopf. Schauen Sie doch erst einmal auf die Bahnseite und suchen Sie sich eine passende Verbindung heraus. Auch in XY finden Sie viele Mitfahrgelegenheiten.“
„Ich nicht Leute fragen will an Gleis, das ist mir unangenehm. Ich haben extra nachgeschaut und Sie jetzt angerufen!! Meine Cousine muss um 14h in ZX sein, Sie jetzt mitnehmen?“
„Ja, aber, Moment mal: um 14h bin ich doch auf keinen Fall in ZX, wenn ich um 11h erst losfahre. Schauen Sie doch bitte vorher erst einmal auf die Zugverbindungen, bevor Sie anrufen! Und schreien Sie mich doch jetzt nicht an, es funktioniert ja zeitlich sowieso nicht!!!“
„Ja, gut, dann wir nicht müssen streiten.“
„Ja, schön. Tschüß!“
„Schüß!“

So laufen Gespräche morgens, halb 10, in Deutschland ab.
Ich fühlte mich in den letzten Tagen von diesem und ähnlichen Themen ein bisschen verfolgt, angesichts dessen, dass ich erst gestern in unschuldiger Kaffeekränzchenrunde ein Teil der für mich bisher politisch inkorrektesten Diskussion meines Lebens wurde.
Der Ursprung des Gespräches ist offiziell unbekannt, inoffiziell einfach eher unpassend, zu erwähnen, führte aber zu einigen witzigen Anekdoten. So erzählte mir meine verträumte Freundin zum Beispiel, dass sie nach einem Jahr Aufenthalt in Australien ein Sprichwort gelernt hätte, welches den Satz „grab a nigger by the toe“ beinhalten würde. Während ich versuchte, mein Lachen politisch korrekt zu unterdrücken, merkte ich immer mehr, wie steif unsere Gesellschaft in puncto Gratwanderungen geworden ist. Schließlich war meine Freundin mit einem Augenzwinkern sehr schnell das „German NAZI girl“ geworden, was ich dann so dermaßen unpassend fand, dass ich vor Lachen fast vom Stuhl fiel.

Es wird gesagt, dass uns Menschen verschiedene Sprachen gegeben wurden, um uns zu verwirren. Aus sprachlichen Missverständnissen und verschiedenen Hautfarben wurden Streitereien zu Kriegen und wir selbst haben uns das Boot erschaffen, in dem wir doch alle zusammen sitzen. Die Einen schweigen sich an, weil sie sich nichts zu sagen haben, die Anderen machen ausländerfeindliche Witze, um die Situation zu entschärfen und wiederum Andere lernen Sprachen und bereisen Länder, um den Horizont zu erweitern – mal abgesehen vom Kapitän, der aus Versehen in das Rettungsboot fällt und denkt, er wäre fein raus aus der ganzen Sache.
Ich glaube, dass ausländerfeindliche Witze und Anekdoten, die sich Klischees anderer Länder bedienen, definitiv das Potenzial haben, zum Zusammenwachsen beizutragen. Ich selbst habe oft in Runden mit anderssprachigen Freunden die Vorurteile über Deutsche diskutiert und am Ende festgestellt, dass man darüber viel mehr lachen und zustimmend nicken, als wütend sein kann.
Und wenn dann auf der anderen Seite ein dunkelhäutiger Freund die Aussage bringt: „Ich bin hier der einzige Deutsche!“, legt er eine Steilvorlage für alle kommenden Witze und vereint damit seine erste Heimat mit seiner zweiten.

Ich finde ja im Allgemeinen, dass die Gegensätze immer mehr verschmelzen und wir alle mehr zusammenkommen – wurde ja auch langsam mal Zeit, wenn man bedenkt, dass die USA schon immer das kleine Europa als ein Land gesehen hat. Und wir sind es doch auch, wir ticken alle ähnlich, nur drücken wir uns unterschiedlich aus.
Selbst optisch orientiert man sich z. B. bei der Partnerwahl mehr oder weniger automatisch am Gegensatz zu einem selbst. Erst kürzlich haben meine Freundin und ich festgestellt, dass man ganz oft den dunkelhäutigen Iraner Hand in Hand mit der langbeinigen Schwedin durch Münchens Straßen flanieren sieht – Zufall? Laune der Natur? Ich denke eher an ein genetisches Kalkül, man stelle sich nur die cappuccinofarbigen Nachkommen mit hellen Augen und süßen Löckchen vor.

Und während ich weiter vor mich hin träume, wo ich demnächst hinreisen möchte und welche Sprache ich nun endgültig mal anfangen sollte zu lernen, schreibe ich einem spanischen Freund eine Geburtstags-SMS. Auf Englisch. Denn dieses Rettungsboot haben wir uns schon vor langer Zeit gemeinschaftlich gebaut und es hat jeder die Chance, darin Platz zu nehmen und an den Rande des (eigenen) Horizonts zu fahren.

© 2012 Ani

Freitag, 13. Januar 2012

Nantes

ver l mis l sen

sich mit Bedauern bewusst sein, dass jemand, etwas nicht mehr in der Nähe ist, nicht mehr zur Verfügung steht, und dies als persönlichen Mangel empfinden.

Na ja, persönlicher Mangel? Ist das nicht ein bisschen krass formuliert? Oder gesteht man sich selbst während des Aktes akuter Vermissung (ich weiß, dieses Wort gibt es nicht) gar nicht so wirklich ein, wie sehr das einen Mangel darstellt? Nur für einen selbst natürlich, denn objektiv betrachtet hat das Ganze ja eh weder Hand noch Fuß (die Redewendungen...!).

Ach, vermissen. Ohne dieses Gefühl gäbe es nur halb so viele Filme und fast keine Musik.  Und ich müsste mich heute mit Arbeiten beschäftigen, anstelle dem Schreiben, was wiederum heißt, dass jemanden zu vermissen zumindest in dieser Hinsicht förderlich ist. Gefühle zum Ausdruck zu bringen als Zeichen persönlicher Weiterentwicklung. Oder, um mal ehrlich zu sein, eine Plattform zu haben, wo man jammern und sich einreden darf, es wäre, ähem, niveauvoll.

Die Frage ist doch eher die: Warum ist das eigene Leben nicht ausfüllend genug, damit man sich dagegen entscheidet, jemanden zu vermissen?
Und das soll jetzt gar nicht so hart sein, wie es klingt. Schließlich muss es ja mindestens einen guten Grund geben, warum die Person nicht (mehr) da ist.

Urlaub.

Trennung.

Untertauchen.


Und dann gibt es natürlich auch die Frage, warum man sich – im Fall einer Funkstille – nicht selbst zur Kontaktaufnahme entscheidet. Doch bevor dies geschieht, müssten hunderte von Fragen und Wegkreuzungen durchdacht werden, abgesehen davon muss man sich ja anhand einer Kontaktaufnahme öffentlich dazu bekennen, unter dem Akt des Vermissens zu leiden und – noch viel schlimmer – diesem zu unterliegen.

Nein, mal im Ernst. Vermissen ist scheiße. Wenn jemand nicht da ist, hat das Gründe, die verständlich sein sollten und wenn die noch blöder sind, als die eigentliche Abwesenheit an sich, dann sollten sie doch wenigstens akzeptiert werden, weil es eben verdammt noch mal so ist, wie es ist!
Aber meist ist man zu beiden Punkten nicht in der Lage. Man gibt sich dem Gefühl hin, man hört Beirut, deren Songs einem ins Ohr flüstern, bloß weiterhin so zu fühlen, man sei zumindest musikalisch auf dem richtigen Weg. Und man isst eine ganze Tafel Schokolade, nur, damit die Hände beschäftigt sind, um nicht zum Telefon zu greifen und der Mund voll ist, um nicht sprechen zu können.

Ob Männer auch vermissen? Ach ne, die stehen ja in der Zwischenzeit vor´m Spiegel und finden sich ziemlich geil.
Die einzigen Männer, die ich kenne und von denen ich weiß, dass sie das Vermissen praktizieren, sind mit mir befreundet. Na toll.
Ob mich jemand vermissen würde, wenn ich verspreche, mal für zwei bis drei Tage unterzutauchen...? Hallo?


Fakt ist, dass man sich dabei nur im Kreis dreht. Und ein Kreis hat kein Ende, daher fühlt man sich morgens auch genauso matschig, wie abends und beginnt den Tag genauso, wie man ihn endet. Mit einem dezenten, aber klar gesetztem Seufzen.
Unterbrechen kann man den ganzen Matsch ja bekanntermaßen nur selbst. Auch wenn eventuelle Hilfsmittel (Freunde, Tanzmusik, Wein, Witze, unfassbar tolles und einzigartiges Erlebnis) helfen können, muss man dennoch selbst ausbrechen und sich neu orientieren.

Natürlich gibt es verschiedene Arten dieses Gefühls. Der Andere kann es z. B. erwidern und somit bekommt das Ganze einen romantischen Touch mit Happy-End in Sicht. Sollte dies aber nicht der Fall sein, wird es irgendwie grau um einen herum und man muss unweigerlich die Situation in Ampel-Stufen gliedern. Befindet man sich im gelben Bereich, ist noch Hoffnung da, was aber auch kein wirkliches Ende der Situation verspricht und wir somit wieder beim Kreis angelangt sind.

Letzten Endes ist es doch so: Hat eine Person es wirklich verdient, vermisst zu werden, dann kommt sie auch zurück. Sollte dies nicht der Fall sein, stelle ich hier ein neues Gefühl vor:

Gleichgültigkeit.

© Ani 2011

Mittwoch, 4. Januar 2012

Demnächst auch in Ihrem Leben!

Schon „The Smiths“, eine meinerseits sehr verehrte Band, sangen in den 80ern die Zeilen
"I've seen this happen in other people's lives – now it's happening in mine."

Und je älter man wird, desto mehr kann man sich mit diesem Satz identifizieren.
Man kann ein noch so einfühlsamer und mitfühlender Mensch sein, es schießt einem immer wieder der Gedanke durch den Kopf: Gott sei Dank ist mir das nicht passiert!
Und während man sich für diese Aussage innerlich entschuldigt und schlecht fühlt, quasi schon auf dem Weg zum Kerzchen anzünden in der Kirche ist, klopft das Schicksal an die Tür und serviert einem eine mindestens ähnliche Situation. Auf dem Silbertablett. So ein Fuchs aber auch, dieses Leben!

Ob das nun Ironie ist, sei dahin gestellt. Ich jedoch war lange Zeit, vor allem als ich jünger war, (man wird ja weiser mit dem Alter, ho ho ho) der unerschütterlichen Überzeugung, dass mir nichts davon passieren wird, was ich im Fernsehen gesehen und als schlimm befunden habe.
Bis das erste Mal genau das eintrat, was ich nie gedacht hatte und man merkt, dass das Leben – glücklicherweise – um keinen einen Bogen macht.

Und all die vielen Erfahrungen des Lebens liegen eigentlich so nah beieinander. Während eine Freundin weint, weil sich ihre große Liebe Hals über Kopf in jemand anderen verliebt hat und sich dabei auch noch so tadellos ehrlich verhält, dass man ihn nicht mal verfluchen kann, lacht die Andere euphorisch, weil sie nach einer sehr unsauberen und schmerzvollen Trennung die Augen öffnen konnte und sah, dass ihre eigentliche Liebe jahrelang vor ihr stand und glücklicherweise noch steht.
Das Leben ist verrückt und nicht nur in Liebesangelegenheiten. Ich kenne diese Tage so gut, an denen man sich über ein Zwei-Euro-Stück in der Jackentasche freut, wie ein kleines Mädchen. Die schönste Hose im Geschäft passt und ist auch noch reduziert. Der Postbote bringt eine wunderschöne Weihnachtskarte aus dem fernen Down Under. Man tanzt in Unterwäsche durchs Zimmer, weil man neue Musik entdeckt hat, man kichert vor sich hin und auf einmal bestellt man sich nicht die kleine Cola, sondern die ganze Welt.

Am nächsten Tag wacht man auf und denkt, es geht so weiter, doch das tut es nicht, das Leben hat beschlossen, sich mal wieder zu wenden. Man liest eine Schluss-Mach-SMS, welche nachts abgeschickt wurde - noch vor dem ersten Kaffee! Im Briefkasten ist ein Brief der Bank, die einem eine nette Geschichte über einen gefundenen Trojaner auf dem eigenen Laptop berichtet (wir werden doch noch überwacht!) und dahingehend das Online-Banking gesperrt hat und einen des Weiteren bittet, doch alles zu formatieren. Und während man kurz davor ist, das eigene Leben zu formatieren, erfährt man vom Freund eines Bekannten, dass die Roswitha unfreiwillig schwanger wurde – von ihrem Exfreund, der leider seit drei Tagen ihr Exfreund ist, weil er sie betrogen hat.  Das ist dann der Punkt, an dem man sehr schnell gläubig wird, auf die Knie fällt und stundenlang vor sich hin betet, dass man das jetzt bitte aber nicht auch demnächst erleben möchte.

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Wenn sich also die Drehbuchautoren von diversen Daily-Soaps am Weltgeschehen bedienen, dann hat jeder von uns Lebens-Darstellern noch ca. 10 Entführungen, 12 Freundschafts-Kündigungen, sieben Fehlgeburten und drei Hochzeiten vor sich. Huch.
Vor meinem inneren Auge spielt sich auf einmal der Trailer eines aufregenden Lebens ab, der mir am Ende nicht die Zeilen „Demnächst in Ihrem Kino“, sondern „Demnächst in Ihrem Leben“ verspricht.


Wenn man lange in eine Kerzenflamme schaut und danach wieder weg, sieht man für kurze Zeit überall weiße Flecken. Vielleicht ist es im Leben ja ähnlich. Immer schön sich dem Licht zuwenden, dann bleibt es einem auch länger erhalten. Und wie heißt es so schön laut Mae West: Zuviel des Guten kann wundervoll sein!
Also, ab und an mal 'ne Entführung weniger, dafür aber bitte mal einen wundervollen Heiratsantrag. Morgen. Von dem Mann, den ich noch nicht kenne - aber ich kann mich ja schon mal vorverlieben?
Liebes(-)Leben,
ich habe das schon ganz oft in anderen Leben gesehen, ich glaube, so eine Erfahrung brauche ich auch.
Danke!

© Ani 2011