Dienstag, 10. April 2012

Was du nicht willst, das man dir tut...


Eifersucht und Untreue. Zwei Worte, die die meisten Menschen sofort zusammenzucken lassen.

Beides Begriffe, die vor allem mit Schmerz verbunden werden, und schon jeder von uns erlebt und durchlebt hat – manche von uns schon so oft, dass die Empfindungen automatisch mit so schönen Begriffen wie Liebe und Beziehung verknüpft werden.

Als mir ein Freund erzählte, dass er keine Lust mehr hätte auf Vorspiegelung falscher Tatsachen, auf Lügen und Untreue innerhalb von Beziehungen, wurde ich nachdenklich. Hatte ich nicht Ähnliches erst kürzlich von weiblicher Seite gehört?
Meiner Meinung und Recherche nach stehen sich Frauen und Männer mit den gleichen Vorwürfen gegenüber. Auf beiden Seiten herrschen ähnliche Vorurteile und Probleme, doch die Fronten sind anscheinend ziemlich verhärtet.
Im Endeffekt wollen alle das Gleiche: Eine glückliche Beziehung zu einem Menschen, der sich für einen entscheidet und die Liebe dadurch gleichermaßen zurückgibt. Und wenn das nicht funktioniert, bzw. ja auch oft in unserer schnelllebigen Gesellschaft langweilig wird („wenn kein Problem da ist, dann baue ich mir eines“), so wünschen wir uns wenigstens Ehrlichkeit, mit der Probleme wie Untreue gelöst werden können.

Untreue. Es gibt einen psychologisch-spirituellen Ansatz, der besagt, dass wir Menschen uns den Begriff der Untreue selbst erschaffen haben und zwar aus dem zwingenden Bedürfnis heraus, besitzen zu wollen.
Innerhalb eines partnerschaftlichen Verhältnisses bin ich also eifersüchtig, wenn ich meinen Partner auf Untreue verdächtige. Das ist die logische Folgerung, die jeder kennt, und auch nachvollziehen kann. Nur vertritt nun der erwähnte Ansatz, dass niemand dem Anderen untreu sein kann, weil keiner den Anderen besitzt, im Gegenteil, der Mensch überhaupt nicht dazu geschaffen ist, monogam zu leben.

Man mag das gut und gerne bezweifeln, doch wo ich zustimme ist der Punkt, dass wir es uns über die Jahrhunderte hinweg wirklich schwer gemacht haben – wir haben ein Beziehungsmodell aufgebaut, dem wir selbst kaum gerecht werden und von dem keiner abrücken möchte. Wir verlangen viel zu oft Dinge, die wir selbst kaum einhalten und anstatt die eigene Schwäche zuzugeben, lügen wir auch noch dreist, weil wir zur Wahrheit schon gleich gar nicht stehen können.
Es ist ein Teufelskreis: Erst betrügt man seinen Partner, anstatt sich hinzusetzen und das Problem zu erfassen oder sich einfach zu trennen. Und dann, wenn die willkommene Abwechslung dem schlechten Gewissen Platz macht, lügt man, um den Partner bloß nicht zu verlieren.
Das ist so falsch, dass es schon peinlich ist.

Ich habe mal über lange Zeit hinweg theatralisch versucht, meinen Exfreund eifersüchtig zu machen, weil er nie aus der Ruhe zu bringen war. Immer, wenn ein Mann mich ansprach und er daneben stand, lächelte er in sich hinein und dachte nicht im Traum daran aufzuklären, dass ich ja vergeben sei. Er sagte immer nur, dass es ihn stolz mache und nicht eifersüchtig, wenn sich jemand für mich interessierte. Es mussten einige Jahre vergehen, bis ich begriffen hatte, dass dies die gesündeste Einstellung war, die man sich aneignen konnte. Denn wie ein toller Wissenschaftler menschlichen Verhaltens so schön sagt: „Was zu mir gehört, kann nicht getrennt werden und was nicht zu mir gehört, kann mit keinem Mittel gehalten werden.“

Dieses Thema hat so viele Facetten, dass man darüber tiefgründig sinnieren oder aber auch wirklich lachen kann, z. B. über die Art und Weise, wie Menschen auf der anderen Seite der Welt damit umgehen. Denn als ich neulich eine Freundin an meinem Küchentisch sitzen hatte, gewährte sie mir wiedermal Einblick in die unfreiwillig lustigen Konversationen zwischen ihr und einem Philippiner, der davon ausgeht, mit ihr zusammen zu sein und ihr in so komisch wie lustigem Englisch versichert, alles für sie zu tun. Auf die provozierend-rhetorische Frage ihrerseits, wie viele Frauen er denn für sie verlassen müsste, meinte er ganz beschwichtigend „only one, honey, it's only one...“ So baut sich wohl jeder seine eigene Form der... Zweisamkeit?

Diese an sich ist so unschuldig und schön. Scheitern tut sie dann letztendlich an uns selbst. An der Einsamkeit in uns selbst. Uns selbst nicht zu genügen und diese Lücke oft in vermeintlichen Fehlern beim Anderen zu suchen.

Wann fangen wir endlich an, vor der eigenen Türe zu kehren? Wann sehen wir ein, dass (zumindest unbegründete) Eifersucht immer ein Fehler in meiner eigenen Matrix des Selbstwertes ist? Wann stehen wir endlich vollkommen zu uns selbst, sodass wir lückenlos ehrlich zu unserem Gegenüber sein können? Und wann hören wir auf, den Anderen für unsere eigenen Vergehen verantwortlich zu machen?

Natürlich gibt es immer zwei Seiten der Medaille. Doch wenn Partnerschaften so oft weh tun und wenn wir immer wieder an den Punkt kommen, an dem wir mehr verlangen und erwarten, als uns der Andere geben kann – wann fangen wir dann endlich an, ehrlich zu uns selbst zu sein?

Da lobe ich mir die überspitzte Ehrlichkeit meiner Freundin, die schon während der Taxifahrt ihrer Eroberung unmissverständlich erklärte, dass sie ihn „sowieso nur unglücklich machen würde“ und daraufhin ihre Handynummer nicht preisgab. Manchmal klappt es anscheinend doch mit der Selbstreflexion.

Danke an N.M. für die Denkanstöße.
© Ani 2012

Mittwoch, 4. April 2012

Vom Suchen und Nicht-Finden


Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.

Jedenfalls für manche und auch deswegen kann man in der Rubybar reiten.

Aber was ist das eigentlich, dieses Glück? Warum sucht es jeder und kaum einer findet es?
Manchmal frage ich mich, ob man es oftmals nicht einfach übersieht. Genau deswegen, weil es vielleicht direkt vor uns liegt? In den USA liegt angeblich das Geld auf den Straßen, während sich Andere in ihren besten Freund verlieben – haben wir es ständig vor den Augen und laufen deshalb so blind durch die Welt?

Um mal ganz poetisch zu formulieren: Braucht man überhaupt Glück, um glücklich zu sein?
Es gibt eine tolle und sehr alte Geschichte, die ich unglaublich schätze und an dieser Stelle mal kurz und gerne zitiere:
Das Märchen geht um einen König, der sehr krank wurde und dem daraufhin gesagt wurde, dass ihn nur das Hemd eines Glücklichen heilen könnte. Daraufhin sandte er Boten aus, die sein ganzes Reich durchstreiften – auf der Suche nach jemandem, der dieses Hemd tragen würde. Sie fanden viele Menschen, die zufrieden waren, aber keiner war glücklich. Bis sie ankamen, irgendwo im letzten Gebiet des Reiches, wo ein Bauer lebte, der von sich sagte, er wäre glücklich. Daraufhin baten die Gesandten des Königs ihn, ihnen doch sein Hemd zu übergeben und es dem König zu schenken.
Der Bauer antwortete: „Ich habe gar kein Hemd.“

Was also brauchen wir, um das Glück für uns zu finden? Klar, jeden macht etwas anderes froh. Die Einen freuen sich über den Winterschlussverkauf wie kleine Kinder, die Anderen strahlen ihr Feierabendbier beim Sonnenuntergang an. Aber ehrlich gesagt, so mal unter uns: Das sind doch alles Übersprungssituationen. Dinge, die kurzzeitig ein Lächeln zaubern, die einen daran erinnern sollten, wie gut es uns eigentlich geht. Aber machen solche Zustände dauerhaft glücklich?

Man sagt, man solle das Glück in sich finden, um eben deshalb wunschlos glücklich zu sein. Kein werden und wollen, sondern sein.
So leicht es dahin gesagt ist, so schwer ist es für viele umzusetzen und doch kann ich es so gut unterschreiben. Alles, was ich anstrebe, verkörpert Ziele und Stationen in meinem Leben. Jedes mal, wenn ich bisher irgendwo angekommen bin, habe ich mich gefragt: Und was jetzt? Ich bin ehrlich gesagt noch nie wirklich angekommen, ich war mir nie genug, das Leben ist immer ein Zustand des Zufrieden-Seins gewesen – und selbst davon können so viele nur träumen.

Ich verbinde Glück mit innerer Ruhe. Mit Gelassenheit, Freude und Frieden. In mir. Natürlich freue ich mich wahnsinnig darauf, in meinem Lieblingscafé mit meinen besten Freundinnen den tollsten Cappuccino der Stadt zu trinken. Natürlich zaubert das kleine Schokoladenherz, das immer dabei liegt, ein Lächeln auf mein Gesicht. Aber selbst wenn ich fabelhafte Gespräche währenddessen führe, kann es immer noch sein, dass ich unruhig oder schier unzufrieden nach Hause komme. Weil man vielleicht gerade wieder einmal besprochen hat, was nicht passt.
Ich für meinen Teil versuche daher innerlich ruhig zu bleiben. Gelassenheit ist meiner Meinung nach ein großer Schritt in Richtung Glück – dieser unfassbare Zustand, den jeder möchte, aber kaum einer begreift, dass man ihn nicht fassen und schon gar nicht kaufen kann. Glück kann einfach nur sein. Alle Vorboten dessen sind schöne Zwischenstationen, quasi Schmankerl, wie wir hier so gerne sagen.

Dieses Jahr werde ich nach Indien reisen und dort mein Glück nicht suchen, sondern finden. Und wenn ich wieder komme, dann teile ich es mit jedem, der ein Stück haben möchte. Dann sehen wir ja, ob es sich wirklich vermehrt, wenn man es teilt.
© Ani 2012

Sonntag, 18. März 2012

Der mit dem blauen (Hals-)Band


Frühling! Ja! Jaa!

Meine Jalousie weht im Wind und der Himmel wird dunkel. Wie schön, der erste Frühlingsregen liegt in der Luft und wischt alles Vergangene der letzten dunklen Monate nun endgültig weg. Das wusste auch schon der Herr Mörike und dichtete über die ersehnte Jahreszeit im 19. Jahrhundert.

Immer wieder toll, wie spontan der geliebte Jahreswechsel vor der Tür steht. Gerade habe ich mich noch gefragt, wie das weitergehen soll mit dieser Kälte und (Fanfare erklingen in der Ferne) - da war er: der Frühling.

Diese Übergangszeit darf man wahrlich nicht unterschätzen. Sie zeigt sich in meinen Lieblingsblumen, den Tulpen, in den Ballerinas, die wieder ausgeführt werden, in all den Cafés, die ihre riesigen Türen und Fenster öffnen, in lachenden Kindern auf der Straße.
Erst gestern hatte ich das Gefühl, mich an irgendeinem tollen, warmen Platz ganz woanders zu befinden. Ich lag in meinem Bett, hatte die Augen geschlossen und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Meine Fenster waren offen und ich hörte all die Stimmen draußen auf der Straße. Es war wie an einem dieser frühen Abende in Italien, wo die Leute aus den Häusern kommen und auf den Straßen sitzen, Rotwein trinken, während pinke Vespas vorbeidüsen, vor sich hin hupen und alle Männer „Ciao, bella!“ rufen. Nicht kitschig, Amore pur.

Frühling ist immer Umbruchszeit und die Gefühle liegen in der Luft. Ob wir mittlerweile davon ausgehen, uns in dieser Jahreszeit verlieben zu müssen und es deswegen tun? 
Die Frühlingsgefühle stehen Kopf und zwar nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen Anderen. So einige Zeitgenossen wiegen sich derzeit träumerisch durch den Tag und werden geschätzte 100 mal von Autos und Fahrrädern, angehupt, angefahren oder letztendlich überfahren.
Was ist nur los mit uns? Da scheint ein bisschen die Sonne, da wird’s ein paar Grad wärmer und auf einmal auch ums Herzilein. Da soll nochmal einer erzählen, die Menschheit sei nicht wetterfühlig.

Und doch hat das Ganze immer etwas Aufwühlendes im Handgepäck. Man fühlt sich wieder rastlos, möchte alles und zwar sofort, auf einmal sind die Karten wieder neu gemischt und man möchte nicht mehr zusehen, sondern mitspielen. Es ist wirklich aufregend zu betrachten, wie das Paarungsverhalten von vorne losgeht.
Während im Winter müde gelächelt wurde, wird nun über beide Ohren geflirtet, es werden Drinks ausgegeben und Reviere markiert.
Zeit, mal was zu tun. Aus allen Löchern kommen sie nun wieder gekrochen, die Singles, die anscheinend spätestens jetzt keine mehr bleiben wollen. Wie auf Knopfdruck werfen sie sich ihr blaues Band über und ziehen los, in den Rosen-, ne, anders, Tulpen-Krieg.

Forscher können den Zusammenhang zwischen der aufblühenden Stimmung in der Natur und der Empfindsamkeit der Menschen erklären. Die Natur erneuere sich und da der Mensch Teil dieser ist, zieht er unweigerlich mit. Das ist doch nett, das passt doch irgendwie.
Weiterhin wird allerdings erklärt, dass es nicht unbedingt der Duft von Maiglöckchen sei, der uns verzückt, sondern „der modrige Geruch von Moos und Laub, der in der Sonne verfault“ (Quelle Focus).
Na gut, das kann ja so stehen gelassen und nicht weiter kommentiert werden.

Wie auch immer, diese Aufbruchstimmung hat etwas Romantisches, es ist einem nach Sturm und Drang zumute und das nicht zu wenig.
Und irgendwie ist dieses Unentschlossene doch wirklich ein bisschen Magie für sich – man kann sich treiben lassen und nichts tun - wozu auch, man will ja heute das und morgen was ganz Anderes.
Gleiches ist beim Frühling auch zu finden – der April steht vor der Tür, genau der Monat, in dem immer alles möglich ist. Du gehst mit kurzen Hosen nach draußen und kommst nass bis auf die Knochen zurück. Oder du hast einen Regenschirm dabei und kehrst mit Sonnenbrand nach Hause.
Wunderbar, diese Abwechslung und Ungewissheit – man ist mal wieder gezwungen, innezuhalten und den nervenden Kopf auszuschalten. Genießen und mit Humor nehmen, und zwar den April und die sich überschlagenden Gefühle.
Denn ob es bei diesen Schmetterlingen im Bauch bleibt oder, ob sie in der erdrückenden Sommerhitze schon längst wieder passé sind, das weiß niemand so recht. Da kann ich nur schmunzelnd an die Weisheiten einiger Generationen vor uns zurückdenken: „Liebe vergeht, Hektar besteht.“

In diesem Sinne: Schmeißt euch in die blauen Gewänder und tanzt den Frühling – so oder so, es ist (frei nach Rilke) ein Fest, was man nicht verstehen muss, um es zu leben.

© 2012 Ani

Sonntag, 11. März 2012

Click here to like Uganda


Da ich nun den vierten Tag in Folge mit Kopfschmerzen aufwache, dachte ich mir, dass ich doch die Gedanken, die meinen Kopf anscheinend so zermartern, auch mal aufschreiben könnte.

Ich glaube, es liegt daran, dass egal, wo man zur Zeit hinkommt, einen eine Welle des Aufschreis und der Diskussionen überrollt. Im Allgemeinen finde ich das ja sehr schön zu beobachten, denn es tut sich was, viele werden wacher und bilden sich eine Meinung, interessieren sich für Zwischenmenschliches und werden vor allem auch kontaktfreudiger. Doch so manchmal hat das Ganze einen für mich anstrengenden Beigeschmack.

Die einen beschweren sich darüber, dass das Kony 2012 Video mit subtiler und billiger Emotion arbeitet, damit es sein Ziel einhalten kann: Verbreitung, Mitgefühl und Teilnahme. 
Es wird diskutiert, dass dies der falsche Weg ist, was durchaus sein kann - nur wer dreht sich geschichtlich mal um und schaut sich an, dass seit 1987 so gut wie keine Kampagne in diesem Bereich eine nur ansatzweise genauso große Masse erreicht hat, wie die derzeitige Welle es nun tut? Es bewegt sich etwas. Wen stört es da, wie es passiert? Die Menschen, die lieber diskutieren, als sich einfach einzugestehen, dass Emotionen über Diskussionen stehen, weil sie der Ursprung sind. Menschen haben immer erst angefangen, etwas zu tun, wenn es sie berührt hat, das weiß doch jedes Kind, das mindestens eine Woche lang nach der Erstausstrahlung von Bambi aufgehört hat, Fleisch zu essen.

Und während manche glücklich weiter diskutieren, teilen sie es bei Facebook – der weltweit größten sozialen Plattform, die uns vernetzt und zusammenbringt. Die Seite, die uns ermöglicht, mit einem Klick etwas aus dem Leben unseres australischen Freundes zu erfahren, den man seit Jahren nicht gesehen hat und vermisst. Die Seite, die ermöglicht, dass man mit der Freundin, die unter einem wohnt, kurz zu chatten, weil das Bett eben noch viel zu bequem ist, um es zu verlassen. Emotionen? Nein, diese Seite nutzt man lediglich für berufliche Zwecke.
Jede Sekunde wird die Startseite genutzt, um sich Luft zu machen, auch über Aktionen wie Kony 2012, und während Facebook genutzt wird, wird auch gleichzeitig geschimpft, und zwar über die neue Timeline und die Datenschutzbestimmungen, mit denen sich gerade diejenigen nicht auseinandergesetzt haben, die sich darüber Luft machen. Und trotzdem ist es schöner, per Facebook sich zu echauffieren über all dies, anstatt z. B. das soziale Netzwerk zu verlassen oder – im Stillen – seinen eigenen Weg zu finden, Uganda zu unterstützen.
Wer mich aufregt, sind all die Nein-Sager, all diejenigen, die lieber stundenlang diskutieren, als nachgeben, zugeben und zusammenwachsen. Denn das, liebe Internet-Gemeinde, ist doch die einzige Kraft und die einzige Energie, die überhaupt etwas bewirkt.
Ich selbst habe schon vor Jahren aufgehört, Nachrichten zu lesen und es ist mir egal, wie oft ich damit anecke, denn das, was wichtig ist, kriege ich immer mit und das, was mir am Arsch vorbei geht, ist sowieso nur sich wiederholende Geschichte. Die kommt in 10 Jahren wieder und dann hat man eine weitere Chance, sie mitzubekommen und... hmm, wiedermal nichts zu tun?

Es braucht immer einen Anfang. Bist du unzufrieden mit der Timeline? Dann beiß' verdammt nochmal in den sauren Apfel und geh offline. Mach ein Selbstexperiment und schau, ob du auch ohne Facebook auskommst.
Stinkt dir Kony 2012? Dann lass die Invisible-Children-Kampagne ihre Sache machen und wende dich einem anderen Projekt zu.

Erst kürzlich habe ich von meiner Freundin erfahren, dass sie ein großes und seriöses Programm zum Schutz vom Regenwald unterstützt – jährlich mit nicht zu verachtenden Ausgaben ihrerseits, obwohl sie, wie so viele von uns, am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig hat. Das nenne ich einen Anfang bei sich selbst, eine Unterstützung, die von Herzen kommt und dann auch noch im Stillen, chapeau!
Ich will hier gar keine Stellungen zu den oben genannten Themen beziehen, ich bin oftmals nicht besser und vieles der Kritik geht auch an mich selbst.
Ich bin es einfach nur Leid, mit pseudo-weltbewegenden Kritiken zugespamt zu werden.
Ob ich dagegen was mache? Ja, natürlich. Ausblenden. Das kann man nämlich nach wie vor bei Facebook.

Für all die Invisible Children, die es einen Dreck schert, ob die Hilfe aufgrund dessen kommt, dass ein Video mit den Emotionen der Menschen spielt, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie weinen jeden Tag. Und hoffen jeden Tag. Diskutieren tut da niemand.

© Ani 2012

Sonntag, 26. Februar 2012

Damals und heute


Und trotzdem bleibt es immer gleich,
ich schlage auf und stell mir vor,
was wäre, wenn´s noch schlimmer wird,
den immer gleichen Satz im Ohr:
Dass Atmen sich wohl trotzdem lohnt,
das Schicksal niemals wen verschont,
die Straße ist nicht immer eben und grad' deswegen:
Auf das Leben!
(Jupiter Jones)

Als ich neulich mit Tränen in den Augen meinen zwei Freundinnen erklärte, wie sehr ich sie dafür wertschätze, dass sie das für mich tun... so ohne "wenn und aber"... so ohne murren, maulen, meckern... da fiel mir auf, wie viele so etwas überhaupt nicht kennen. Dass man nie verlangen muss, weil es vorher schon längst erledigt wurde.

In dem Moment konnte ich bewusst wahrnehmen, wie sehr ich mich glücklich schätzen konnte. Da standen sie, die beiden, und wichen nicht von meiner Seite. Ich musste sie gar nicht wirklich ködern, nur ein bisschen zuzwinkern und mich von Herzen bedanken. Und sie blieben. Voraussetzung für so ein Kalkül ist natürlich das Nahe-am-Wasser-gebaut-sein von Freundinnen, da somit alle Dämme brachen und die anderen Emotionen des Abends wegwischten.

Gerade in den letzten Wochen habe ich gelernt: Gib ein kleines bisschen, gar nicht mehr, als du geben willst, bedanke dich und du kriegst im Gegenzug die ganze Welt. Wenn die Dinge anfangen, unkompliziert abzulaufen, dann funktioniert auf einmal alles.
Wenn man Händchen haltend in Wartezimmern sitzt und das Testergebnis abwartet, wenn die Freizeit über der Karriere steht, wenn Freunde morgens anrufen und fragen, ob deine Halsschmerzen weg sind... dann läuft ein großer Teil in deinem Leben rund.

Als ich neulich ein Date hatte und beschloss, dies vorzeitig zu verlassen, hat mich das Mädchen neben mir an der Bar nach meiner Nummer gefragt und ich war kurz hin und weg.
Der Nachname wie der Komponist... dann freu ich mich, wenn wir uns mal treffen!“. 
Das war vielleicht `ne Nummer. Jedes mal, wenn ich alleine an der Bar saß, weil meine Begleitung kurz, äh, verschwand, setzte sie sich neben mich und unterhielt mich. Schön, dass sich freundschaftliche Verhaltensweisen aufzeigen können, noch bevor die Freundschaft entstanden ist. So bin ich an dem Abend mit einer neuen Nummer nach Hause gegangen und musste lachen, als ich die Nacht rekonstruierte und im Zuge dessen ihren Namen auf meinem Display las. Großartig. Nummer ist Nummer und solche bereiten wenigstens keinen Kummer, reimte ich stolz vor mich hin.

Weiter geht’s zu den Leuten, die um halb sieben am Morgen ein Frühstück – wenn auch nicht ganz uneigennützig – zubereiten und du faul daneben sitzen kannst. Von der Avocado bis zum frisch gepressten Orangensaft war alles dabei. Während der Körper jauchzte, frohlockte das Herz und rief:

Ja! Ja!! Ich will mehr davon. Mehr von der Gelassenheit, der Sympathie und Herzlichkeit – wo verstecken sich diese Dinge eigentlich so oft?

Wenn dann alle zusammen ins Bett fallen, auf der Schulter des Anderen einschlafen und lieber den ganzen Morgen zusammengequetscht, drunter und drüber und einfach irgendwie pennen, anstatt in´s eigenen Nest umzuziehen, ist man irgendwie gerettet worden. Denn einmal von so etwas gekostet, wird man nie wieder darauf verzichten wollen. Zusammen ist man weniger allein und zusammen verkorkst sein zu dürfen, Tierlaute von sich geben, darüber wie kleine Kinder zu giggeln und in keinem Fall sich fragen müssen, ob man dabei blöd aussah, sich doof verhalten hat oder der Lidstrich noch sitzt (was er übrigens noch tat und mich schwer begeisterte), ist einfach mal das Größte.

Alles in allem eine tolle Erfindung, diese Freundschaft. Man erlebt die besten Sachen und bereichert das Leben des Anderen im höchsten Maße. Man kann alles zusammen erleben und wenn man sich am Ende des Tages streitet, weiß man ganz genau, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man sich wieder verträgt, während es in Partnerschaften meist eine Frage der Beziehung ist. 
 
Und übrigens kennt Freundschaft auch kein Alter. Während wir uns für viel zu wichtig nehmen, durch den Alltag im Kostümchen (hellgrau, frecher Schnitt) spazieren und uns am Abend auf die Tagesschau freuen, bekommt man in der Freundschaft die Chance, seine Kindheit aufzufrischen. Man kann das mit Hörspielkassetten tun, mit Pyjama-Partys, mit Erinnerungen über Fury, Fuchur und Black Beauty.

Ich kenne meine Freundin seit 15 Jahren. Wir haben uns einmal gestritten. Damals wie heute ist es same, same... but different.

© 2012 Ani

Dienstag, 21. Februar 2012

Die Geschichte vom im Kern erschütterten Kartenhaus


Der Kernerschütterer ist nicht befugt, ein Kernerschütterer zu sein, wenn er sich entweder nicht dessen bewusst ist oder diesen Posten gar nicht möchte, ihn aber unbewusst ausübt.
(2. Buch, 1. Gesetz, A&K Gesetzbuch über den Umgang mit der Liebe)

Carrie sagt, dass es Menschen gibt, die dich im Kern erschüttern und diejenigen, die für dich da sind, wenn du im Kern erschüttert bist. Zweites sind meistens gute Freunde, Familie - oder Partner, für die du nicht mehr als Sympathie und Zuneigung empfindest.

Und dann ist da dieser Mensch, bei dem auf einmal alles still steht. Die Tür geht auf, du siehst ihn und alles, wirklich alles um ihn herum verschwimmt. Du merkst gar nicht, wie dich ständig andere anrempeln, wie viele dich ansprechen, weil du einfach gar nicht darauf eingehst. Du spürst diesen einen Blick und nur den und der zählt. Und wenn man sich dann berührt, bewusst oder unbewusst – und selbst das unbewusste Berühren ist definitiv ein bewusstes Suchen –, dann durchfährt es den kompletten Körper wie ein Blitz und genau in dem Moment hast du das Gefühl, dass alles gut ist. Nichts kann dir passieren, niemand kann dir weh tun, niemand kann dich übertrumpfen, hübscher oder intelligenter sein, interessanter wirken oder auf dich herabsehen. Alles ist perfekt. Und dann ist der Moment vorbei.

Ich kenne das ja nur aus Erzählungen und habe mir sagen lassen, dass es wohl ziemlich schwierig ist, mit so einem Kernerschütterer im Leben. Hat man ihn mal kennengelernt, fängt es an, dass man sich selbst wohl auch wiedermal kennenlernt.

Diese Menschen, die einem den Boden wegziehen, sind so faszinierend, angesichts dessen, dass sie es meist überhaupt nicht wissen. Sie haben keine Ahnung von ihrer unglaublichen Ausstrahlung und Anziehung. Sie machen das mit links und lächeln ein Elmex-Lächeln, was auch noch unglaublich sympathisch, anstatt aufgesetzt, ist. Sie sind locker, fröhlich und leicht, jedenfalls in deinen eigenen Augen. Sie machen irgendwie alles richtig, was du falsch machst. Aber wohlgemerkt alles nur so nebenbei und das ist der Punkt, der dann so unfair erscheint.
Hat jeder das Potenzial, ein Kernerschütterer zu sein? Rufst du vielleicht gerade auch deine Mama an, um ihr zu erzählen, dass du mich nicht aus dem Kopf bekommst – oder bin das nur ich? Ist man überhaupt fähig, in der Umgebung eines solchen Menschen eine klare Entscheidung zu treffen?

Die rauben einem doch nur den Schlaf und sie wissen es nicht, weil sie unbekümmert schlummern und nach dem Aufstehen überlegen, ob Montag oder doch Freitag sei. Machen sich Kernerschütterer auch so ihre Gedanken und fragen sich, ob es da jemanden gibt, der sie mag? Können die selbst erschüttert sein? Das wäre ja was.

Im Kern erschüttert zu sein, ist eine Bezeichnung, die schon vor langer Zeit mal meinen Weg gekreuzt hat und mich seither so fasziniert. Das ist schließlich mein eigener Kern, um den es da geht. Kein Mensch kann mehr eingreifen, als auf diese Art und Weise. Dem eigentlichen Nichts-Tun.

Und dann fragt sie, warum man sich denn drauf eingelassen hätte und die Andere entgegnet:

Sag mir, wie man eine weise Entscheidung trifft, wenn ein Erdbeben über einen hereinbricht? Wenn du mir das sagen kannst, wäre ich sehr dankbar, denn dann wüsste ich nämlich ansatzweise, wie ich wieder heil nach Hause komme.

In solchen Angelegenheiten bietet sich mir oft der Vergleich des Kartenhauses. Was eine unglaublich konzentrierte Arbeit darstellt, ist am Ende so fragil und instabil. Aber es steht, das Haus, und sieht erhaben aus. Und dann kommt einer daher und zieht die unterste Karte raus.

Ich wage zu behaupten, dass man immer, wirklich immer, mit entscheidet, ob da jemand dein Häuschen zum Einsturz bringen darf.

© Ani 2012

Montag, 6. Februar 2012

Eine Liebeserklärung

Es ist halt immer ein bisschen dramatischer, als beim pragmatischen Typen.

Wir Künstler brauchen aus den unterschiedlichsten Gründen eine Plattform des Ausdrucks. Und es zählt gar nicht, wie gut oder schlecht jemand ist, sondern, dass es so ist.

Was vielleicht den Künstler vom Otto-Normal-Menschen unterscheidet, ist, dass er sein Talent früher entdeckt und das Gefühl hat, es ausleben zu müssen. Andererseits beschleicht uns doch alle eine Leere, die kaum auszuhalten ist. Das ist übrigens der Moment im Leben, in dem sich jeder auf die Suche nach seinem Talent machen sollte.

Hat man dann mal gefunden, was man kann und machen will, wird es in vielen Fällen weder vom Finanzamt, noch von der Künstlerkasse anerkannt. Allein das ist schon eine mittelschwere Katastrophe, aber noch lange nicht genug, denn der Künstler will mehr.
Künstler sein – und ich benutze dieses Wort ohne Wertung – ist Segen und Fluch. Aus einem bestimmten Grund möchte man das Drama leben, man möchte alles fühlen, was zur Auswahl steht, und am besten noch dafür gelobt werden. Aber gleichzeitig ist es doch meistens so, dass wir auch privat zu diesem Leben tendieren, das wir da manchmal darstellen (lassen).

Wir suchen und suchen, weil das Finden zu lange dauert.
Wir gehen zum Feiern nicht in den Keller, neuerdings aber in den Bunker.
Wir mögen vieles, was viele nicht mögen und sind grundsätzlich immer erst mal dagegen.
Wir sind nach kürzester Zeit unruhig, rastlos und fühlen uns getrieben.
Wenn wir uns gegenseitig kritisieren, sind wir entweder gnadenlos ehrlich oder verlogen.
Wir können schon von Weitem einen Künstler entlarven und bleiben auch sonst ganz gerne unter uns.

Das größte Drama der künstlerischen Welt kommt allerdings dann aus den Untiefen der Vorstellungskraft hervor, wenn sich zwei Verkappte dann auch noch verlieben.

„Weißt du, was mich so an ihm fasziniert? Seine Leidenschaft!“
„Hat dir sein Film gefallen?“
„Nein. Aber er hat ihn mit so viel Herzblut und so intim erzählt, dass er unglaublich viel Verantwortung dafür trägt.“
„Und worum geht der Film?“
„Keine Ahnung, ich war nur damit beschäftigt, ihn bei der Vorführung zu beobachten.“


Es ist die Leidenschaft, die treibt. Den eigenen Herzenswunsch voran und die des Anderen in dessen Arme. Weil Leidenschaft nun mal so unglaublich sexy ist, weil sie oftmals so unverständlich ist, weil sie anders ist und, weil sie in dieser hoffnungslos oberflächlichen Gesellschaft Einblicke in tiefe und zerstörerische Welten ermöglicht.

Leiden schafft. Sich etwas oder jemandem hinzugeben, heißt, sich zu verlieren. In der Sache oder demjenigen. Was ungesund scheint und auch ist, zaubert jedoch die tollsten Dinge hervor.
Leidenschaft schafft Leiden. Früher oder später. Viele Künstler sterben an Einsamkeit oder gebrochenem Herzen, weil sie in ihren eigenen Welten gefangen sind – nicht, weil die Kunst so böse ist, sondern, weil sie gar nicht wirklich aus dem eigens gebauten Gefängnis ausbrechen wollen.


Und Andere finden in ihrem Gegenüber auf einmal den idealen Partner. Er versteht die Hingabe, die Existenzängste, das unglaubliche Vertrauen in die eigene Arbeit und den minütlichen Verlust dessen. Er rät nicht dazu, was normales zu machen. Das schwierige an so einer Liebesbeziehung ist aber, dass beide ganz schnell die Bodenhaftung verlieren können. Es gibt ihn nicht, den pragmatischen Gegenpart, der Logik ins Gefühl bringen kann und einen ab und an sanft vom Höhenflug zurückholt.

Wir lieben unsere Kunst und doch suchen wir alle mit ihr nur das Glück. Mit der Leidenschaft im Nacken wird es halt oftmals komplizierter, als es sein müsste. Die Reise führt auf verschlungene Wege, vorbei an anderen Künstlern, die dir zunicken, während Otto mit dem Kopf schüttelt.

Ohne Leidenschaft gibt es allerdings keinen dieser tollen Filme, die uns nie wieder loslassen werden und auch nicht die Lieder, die uns immer wieder retten. Und es gäbe auch nicht das Bild, das uns fasziniert im Louvre sitzen lässt und uns dazu animiert, auch einmal auf Dinge zu achten, die vorher unwichtig erschienen.

Schon ironisch, dass ein so schönes und mit positiven Gedanken verknüpftes Wort einen so negativen Wortursprung hat. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass immer etwas Schönes entstehen kann – egal, auf welchem Mist es wächst.

© 2012 Ani