Donnerstag, 17. Januar 2013

Das Müsli-Experiment


An Weihnachten habe ich meine Uhr bei meinen Eltern liegen gelassen. Da könnte man jetzt hineininterpretieren, dass ich mich unbedingt entschleunigen, will, muss, sollte, könnte... oder, dass sie mir einfach nicht mehr gefällt. Es ist eine goldene Casio-Uhr, Neuauflage der 80er-Jahre-Version. Ich hatte sie vor über zwei Jahren gekauft, als sie KEINER trug und mag sie nicht mehr so sehr, seitdem sie wirklich JEDER hat. Abgesehen davon, habe ich eigentlich gerne eine Uhr am Handgelenk, denn ich bin ein überaus wissbegieriger Mensch, wenn es um die aktuelle Uhrzeit geht. Und sie ist ein unumstrittenes Hilfsmittel im Kampf gegen die Unpünktlichkeit. Denn ich möchte sowohl im Moment leben als auch pünktlich sein!

Trotzdem. Ich bin dieser Tage sehr rastlos und das liegt nicht (nur) am neuen Jahr, sondern war auch schon die Wochen vorher so. Ich komme kaum zum Meditieren (das war gelogen, ich meditiere gerade gar nicht) und das letzte Mal Joggen an der Isar habe ich noch durchgezogen, als es so etwas wie Sonnenschein gab. Obwohl das für mich lange Zeit ein richtiges Ritual darstellte, um abzuschalten und für mich zu sein. Rennen für die Entschleunigung – klingt komisch, hat aber immer wunderbar funktioniert. Zurückgekommen von der Tour bin ich immer als fast neuer Mensch voller Motivation, Tatendrang und guter Laune. Eine mittelgroße Schande soll mich überkommen, angesichts dessen, dass ich mir dieser Tatsachen bewusst bin und sie nicht genügen, um mich bei meinem derzeitigen Aufenthalt in Hamburg dazu zu bewegen (Wortwitz), um die Alster zu joggen.

Ich muss mich anderweitig entschleunigen, mich wenigstens sekundenweise dazu zwingen. Wenn ich es schon nicht schaffe, großartige Dinge derzeit zu leisten  - für mich, meine ich – dann müssen kleine Schrittchen her. Angefangen habe ich damit, morgens mein Müsli zu futtern, dabei Kaffee zu schlürfen und – und? Nichts weiter. Oha, das ist so unglaublich schwer am Anfang. An die Wand gucken. Oder aus dem zweiten Stock, wo es nichts zu sehen gibt, außer der Reklame gegenüber. Augen schließen ist leider auch keine Option.
Etwas zu tun, was einem nicht leicht fällt, und das auch noch über einen längeren Zeitraum hinweg, kann einen schon ein bisschen stolz machen. Egal, wie kinderleicht es für andere scheint – oder meinetwegen sinnlos.

Kleine Schritte können ganz groß werden, schon klar. Aber irgendwie sehne ich mich nach mehr. Und Meer. Ich möchte wiedermal komplett aus dem Alltag aussteigen und lernen, wie es auch anders gehen kann. Ohne Uhrzeit, ohne Pünktlichkeit, ohne Zwänge, ohne gesellschaftliche Verpflichtungen und Knigge. Nicht dass ich mich an Letztere halten würde, aber beeinflusst wird man ja sehr in dieser westlichen Welt – wenn man nicht will, grenzt das schon fast an eine Rebellion. Also zieht es mich im März gen Osten, da hin, wo ich schon seit zwei Jahren hin möchte. Immer wieder kam etwas dazwischen, immer wieder hatte ich niemanden, der mich begleiten wollte, also lies ich die Chance wieder und wieder vorbeiziehen - somit auch die Zeit - und harrte es aus, das Warten auf ein Zeichen von oben. Aber jetzt ist es so weit.
Ich möchte mich entschleunigen, im wohl chaotischsten Straßenverkehr der Welt, weil ich mir sicher bin, es da am besten lernen zu können. Barfuß in den schönsten Tempeln, beim Meditieren zum Sonnenaufgang und am Sandstrand mit Kokosmilch. Direkt aus der Nuss, nicht aus der Verpackung. Ja, man gönnt sich ja sonst nichts und schließlich ist das ein wichtiges Vorhaben für mein Seelenheil.

Am Abend vor meinem Geburtstag werde ich zurück sein und ich hoffe, dass ich alle Eindrücke ins neue Lebensjahr mitnehmen kann. Um die Gelassenheit, die mal mindestens mein fünfter Vorname war, auch hier wieder zu haben. Ohne viel dafür tun zu müssen, schließlich würde ich gerne alle paar Wochen so lange verreisen, bis ich es schaffe, für mich still zu stehen und angekommen zu sein. Aber ich finde es auf Dauer zu einfach, das mit "Urlaub" herzustellen. Sich überschütten zu lassen mit fremden Eindrücken zeugt nicht gerade von einer kreativen Lösung. Deshalb meine kleinen Lösungen vor Ort und bis dahin, wie eben beispielsweise mein Müsli-Experiment.

Und wieso sind gerade so viele ruhelos? Ist die Antwort einfach nur, weil das alte Jahr noch nicht abgeschlossen ist und das neue Jahr noch komplett unklar? So erklärte es zumindest kürzlich eine Stresstherapeutin. Weil wir uns so schwer tun, gelassen zu sein, wenn der Terminkalender noch leer ist, und wir aber gleichzeitig doch so viele Herzenswünsche und Vorsätze mit uns tragen? Es ist schwer, Gelassenheit zu üben, wenn man quasi auch noch dazu verdonnert wird. Weil eben alles noch so in der Schwebe hängt. Vielleicht hilft es ja, sich zu sagen, dass das neue Jahr nur leer ist, weil wir es dazu gemacht haben. Gäbe es kein neues Jahr, gäbe es auch keine Deadline vorher und somit würden wir uns wahrscheinlich eher in einer Endlosschleife befinden. Ob die allerdings be- oder entschleunigen würde, kann ich so jetzt auch nicht adhoc sagen.

Gelassen bin ich persönlich, wenn alles reibungslos funktioniert. In allen anderen Fällen nicht. Oft bin ich hibbelig, zumindest im Kopf, denn bis in die Füße reicht es derzeit ja leider nicht. Ich bin zum Beispiel einer der Menschen, die regelmäßig mit anderen zusammenstoßen, weil ich SMS schreibe, während ich laufe. Warum? Weil ich ein schlechtes Gewissen kriege, wenn ich eine Nachricht gelesen habe, aber nicht antworte. Oder aber die Shuffle-Funktion meines Handys befriedigt mich nicht schnell genug und ich klicke minutenlang weiter, anstatt die Lieder einfach anzuhören. 


Ein alter Schulfreund und wunderbarer Musiker singt dazu: 


"Völlig gleich, wie oft du auf die Uhr schaust, es bleibt jetzt. Egal, wie du dich hetzt. (...) Keine Sorge, es tut dir nichts, wenn du es ignorierst. Und einfach nur passierst." (Spacemann Spiff - Ab heute immer jetzt)

Ich möchte eine Balance finden. 
Die Großstadt, in der ich mich verlieren kann, wenn ich möchte. Meditieren, damit ich Antworten finde auf Fragen, die mir die Großstadt stellt. 
Hummeln im Hintern, wenn ich sie brauche, um weiterzukommen. Gelassenheit, wenn ich im Stau stehe und mir Hummeln nur noch mehr im Weg stehen. 
Mich streiten, damit die Fetzen fliegen, aber währenddessen bei mir bleiben. Und innerlich lächeln.

Brauche ich dazu eine Uhr? Die Zeit wird es zeigen.

(c) Ani 2013


In diesem Sinne:



Mittwoch, 2. Januar 2013

Nein, ich will


Ok. Als ich über Weihnachten viele alte Freunde besucht und gleichzeitig viele neue Gesichter kennengelernt habe, bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Die Mädels und Jungs fangen an zu heiraten. Oder Häuser zu bauen. Wahlweise auch beides, teilweise gleichzeitig.
Zu Gast war ich bei Bekannten, die nicht viel älter sind, als ich selbst, und gerade ein riesiges Neubauhaus in eine noch riesigere Neubausiedlung gestellt haben. Schön, relativ leer, supermodern, mit Bildschirmen in Wänden, wo ich sie nicht verstehe und tollem Kamin, der die Kombination aus Wohlfühlatmosphäre und kühlem Trend zur Geltung bringt. Hach.
Vom ersten Moment an hatte ich das Gefühl, ich sei ein Teenager, der irgendetwas kaputt machen könnte. Und daran hatte aber weder das Haus Schuld, noch die Leute – es lag einzig und alleine an mir.

Auf der Heimfahrt habe ich überlegt, wie viele verschiedene Arten des Lebens und Zusammenlebens es gibt. Und wie man dazu neigt, sie zu pauschalisieren – und zwar in zwei Kategorien. Die Menschen, die eher ländlich wohnen, und die, die es vorerst in die Städte gezogen hat. Die meisten meiner Freunde, die dort zurückgeblieben sind, wo ich aufgewachsen bin, befinden sich in oben genannten Angelegenheiten im absoluten Schnelldurchlauf. Ausbildung, Zusammenziehen, Heiratsantrag, Haus bauen, inklusive leerem Zimmer als Alibi-Arbeitsbereich. Ich frage mich, wie und wann die das in der Zeit hinbekommen haben, während ich mit meiner besten Freundin über unglaublich lausige Dates gelästert habe und immer wieder weitschweifend darüber nachdachte, was ich denn jetzt mit meinem Leben so anstellen solle.
Die Menschen, die ich in der Stadt kennengelernt habe, Menschen mit ähnlichen Lebensvorstellungen wie ich, die bewohnen noch WGs oder kleine Apartments, in denen die Küche neben dem Bett ist. Sie sind entweder Langzeit-Singles oder befinden sich in Beziehungen, die sie allerdings nicht daran hindern, ordentlich feiern zu gehen oder Auslandspläne zu schmieden. Und wenn sie das Wort Baby hören, kriegen die meisten einen Hustenanfall. Alles ein bisschen chaotisch, alles ein bisschen ohne roten Faden – vielleicht gerade deswegen gefällt es mir so sehr.

Vor einigen Jahren habe ich im Schaufenster eines kleinen spanischen Designerladens ein Brautkleid im Schaufenster gesehen. Ich habe mich auf der Stelle unsterblich verliebt und es abfotografiert. Seitdem habe ich es vielen Leuten gezeigt, vor allem Männern, die potenzielle Heiratskandidaten waren. Ich dachte, wenn sie es schaffen, sich ein Brautkleid anzusehen ohne wegzurennen, dann könnte es was Ernstes werden. Jedenfalls fanden es alle meine Freundinnen wunderschön, die Männer jedoch hatten immer etwas daran auszusetzen. Mir ist das egal, das Kleid wurde ohne Zweifel nur für mich geschneidert (ironischerweise ist es mir in dieser Boutique übrigens aufgefallen, als meine damalige Beziehung in Trümmern lag).

Ich selbst sehe mich als emotionale Planerin – ich möchte immer verliebt, überrascht und neugierig sein, jedoch den Rahmen des Ganzen spanne ich. Zum Beispiel wusste ich schon immer ganz genau, wie so ein perfekter Antrag auszusehen hat, aber würde ich ihn vorher schon wittern und somit nicht überwältigt sein, würde ich ihn wohl trotzig ablehnen und erwarten, dass das Ganze nochmal neu geplant werden würde. Auch auf den Ring soll meine beste Freundin gerne im Vorfeld einen Blick werfen.
Aber, um ehrlich zu sein, all das sage ich nur, weil mir noch kein Antrag gemacht wurde. Weil ich nicht weiß, wie es sich anfühlen muss, wenn sich der Mensch, den man liebt, allen Mut zusammennimmt und fragt, ob man den Rest des Lebens mit ihm verbringen will. Weil man sich so einen Zauber in der heutigen Schnelllebigkeit kaum vorstellen kann. Denn irgendeiner wettert immer dagegen, kommt mit Scheidungsstatistiken, ansteigenden Zahlen von Eheberatern, der finanziellen Unsumme einer Scheidung und so weiter.

Eine Bekannte kam kürzlich in den Genuss eines Antrages. Und auch wenn dieser aus einem Missverständnis und Aufregung heraus total schief gelaufen war, so war ich dennoch unglaublich gerührt, als ich davon gehört hatte. Denn was ja eigentlich und nur zählt, ist das Versprechen, welches sich beide gegeben haben. Egal, ob es vielleicht irgendwann gebrochen wird. Wir sind alle nur Menschen, wir können die Zukunft nicht sehen und wir können auch nicht beeinflussen, ob sich Menschen verändern. Aber wir können zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas wollen. Uns sicher sein. Es versuchen und versprechen. Für unser Gegenüber und für uns selbst.

Tendenziell werden wir aber immer älter, bis wir solche Schritte wagen. Ich kann das gut nachvollziehen. Weil ich noch so viel vorhabe, was mit Familie nicht möglich ist. Oder vielleicht, weil ich noch ein bisschen auf mich selbst aufpassen möchte, bevor ich wirklich Verantwortung für andere übernehmen will. Aber im Grunde sprechen wir hier von den Dingen des Lebens, für die wir doch alle leben. Am Ende des Tages wird kaum einer Nein sagen zum Häuschen im Grünen, mit Hund im Garten, Bio-Eiern und netten Nachbarn.

Doch muss man dazu heiraten? Ich frage das, weil es in meinem Bekanntenkreis häufig diskutiert wird. Muss man sich also auf einmal wieder mit der Kirche anfreunden, nur, weil man mit charmanten Vorstellungen eines solchen Tages aufgewachsen ist? Wird deswegen das Heiraten am Sandstrand unter freiem Himmel immer populärer? Weil das Mädchen nicht auf das Kleid, die Romantik und das Versprechen verzichten möchte, der Mann aber aus der Kirche ausgetreten ist? Kann man die Kirche an dem Tag ausblenden und trotzdem sein Versprechen vor Gott leisten?

Meine (sehr gebildete) Freundin klärte mich ja übrigens kürzlich darüber auf, dass von früher her gesagt wird, die Ehe sei schon immer ein Entgegenkommen für das schwache Geschlecht gewesen. Man gebe ihm dadurch Sicherheit. Aha, da hat sich aber so Einiges, äh, weiterentwickelt. Angesichts dessen, wie viele Ehen über die Jahre einschlafen und man am Ende pleite wegen der Scheidung ist, vermittelt sie vieles, nur nicht Sicherheit.

Viele Städter leben übrigens in wilder Ehe und bauen kein Haus, sondern mieten sich eine schnieke Altbauwohnung. Und bei diesem Gedanken höre ich wieder das Landei in mir, dem das irgendwie auch nicht so recht wäre.
Was genau ich wirklich will, das kann ich weiterhin planen. Um dann alles zu verwerfen, weil mein Gegenüber andere Pläne geschmiedet hat – es gehören ja unglücklicherweise immer zwei zum Heiraten.

Und da muss ich an einen Satz aus meinem Lieblingsbuch denken, da heißt es von Steffi von Wolff: „Würde mich jemand heiraten, wenn ich verspreche, nein zu sagen?“ 
Vielleicht müssen wir ja, um all die Zweifel und Zukunftsängste weglächeln zu können, erst mal Nein sagen, um uns Ja zu trauen.

Ich hätte ja übrigens ein Kleid. Und wenn mir niemand einen Antrag macht, dann trage ich es trotzdem irgendwann. Am Strand oder so.

© 2013 Ani

Donnerstag, 20. Dezember 2012

In den Schuhen meiner Beziehung


Ich sitze mit dem Anderen am Esstisch, als er sich die Küchenrolle zur Hand nimmt, an seinen Mund hält und irgendetwas Unverständliches in mein Ohr brüllt. Daraufhin lacht er - so, wie er eben immer lacht - während ich versuche, mir ein Lächeln zu verkneifen (was ich gerade übrigens auch tue) und bitte ihn, doch erwachsen zu werden.

Wenn ich meinen Freundinnen erzähle, er müsse anscheinend sein inneres Kind ausleben, dann lachen die Vergebenen und sagen, sie hätten ebenfalls einen Michel aus Lönneberga zu Hause sitzen.

So unterschiedlich zwei Menschen auch sein können – stecken sie in einer Beziehung, so haben sie die besten Chancen, genau daran zu (er)wachsen. Zu erkennen, dass das, was sie am meisten kritisieren, oftmals das ist, was sie selbst wollen. Oder nicht können. Oder beides. Dann sollte man handeln, denn wenn die Leichtigkeit geht, dann geht auch langsam alles andere.

Ich lerne zum Beispiel gerade, mehr Selbstbewusstsein aufzubauen. Obwohl ich Schauspielerin bin und die Menschen, die mich gut kennen auch sehr oft die Bekanntschaft mit meiner großen Klappe machen, kann ich auch ganz schnell ganz schüchtern und zurückhaltend sein. Lächeln, obwohl mir eher nach Weinen ist. Die Klappe halten, obwohl ich doch so viel zu sagen habe.
Also lerne ich es jetzt. Von ihm. Und bei den Dingen, die mich dann immer noch nerven, frage ich mich, was mich wirklich daran stört. Und warum überhaupt. Was dahintersteckt. Und ob ich darüber hinwegschauen kann, weil es doch eigentlich so nichtig ist.

Das mag vielleicht sehr anstrengend oder pseudo-psychologisch klingen, aber mir hilft es dabei, immer wieder an den Punkt zu kommen, an dem ich dankbar für meinen Anderen bin - weil ich mich lieber mal divenhaft aufrege, als niemanden zu haben, über den ich mich aufregen kann. Und danach trotzdem küssen darf. Har Har Har.

Im Grunde ist es aber immer gleich: Wenn er mir auf die Nerven geht, dann giggelt mein kleines Mädchen und die Frau in mir rollt gleichzeitig die Augen. Auf hohem Absatz und im Kinderschuh - kein Wunder, dass ich so oft verwirrt bin.
Wir stehen uns manchmal selbst im Weg, wissen gerade noch, wo wir herkommen, aber manchmal so gar nicht, wo wir hinwollen. Wir suchen uns jemanden dazu, dem es vielleicht genauso geht und gerade dann hilft nur die gute, alte Leichtigkeit, mit der man Hand in Hand durch die junge Beziehung schreiten kann. Oder hüpfen.

Manche sind ja der Meinung, Gegensätze würden sich anziehen. Und wiederum andere behaupten, dass man genug Gemeinsamkeiten für eine funktionierende Beziehung haben muss. Ich persönlich habe keine Ahnung. Wer gemeinsam gerne Ski fahren geht, ist nicht davor gefeit, sich trotzdem im Urlaub zu trennen. Eventuell, weil einer von beiden schlechter unterwegs ist und den Partner umfährt. Und wer anfangs die Unstimmigkeiten anziehend fand und immer von leidenschaftlichem Feuer geredet hat, kann sich schnell erschöpft bei der Paartherapie einfinden. Sparflamme auf dem Sofa.
Und irgendwo, zwischen all diesen Beziehungs-Irrungen und –Wirrungen versuche ich, meine ganz Eigene zu gestalten. Versuche, an den Herausforderungen zu wachsen, die Unterschiede zu überbrücken und die Gemeinsamkeiten auszuleben. "Klingt ja ziemlich erwachsen", sagte das verliebte Mädchen in mir und trat schmollend mit ihrem Glitzerschuh gegen mein Schienbein. Also habe ich eingeräumt und was daraufhin passierte, war Folgendes:

Gestern Abend bin ich vergnügt durch die Wohnung gehüpft, mit meinem Glas Weißwein in der Hand. Als wir dann am Esstisch saßen, meinte der Andere spitzbübig:
„Schön, dass du wieder gut drauf bist! Im Gegensatz zu gestern, da warst du ja eher schlecht gelaunt.“ Ich fühlte mich ein wenig ertappt und erwiderte räuspernd. „Ja und? Ich habe eben einen facettenreichen Charakter.“ Die zwei paar Schuhe gefallen mir ehrlich gesagt beide ganz gut.

Als ich übrigens gefordert hatte, er solle erwachsen werden, tat mir die Aussage im gleichen Moment schon fast wieder leid und ich dachte sofort: Verlange ich schon wieder zu viel? Wo versteckt sich die Leichtigkeit, wenn man sie so dringend braucht? Und wo sind meine blöden Glitzer-Ballerinas? Hallo? Hallo...!?

Ganz lieb sagte er dann: „Versprochen“. Und leckte mir über die Nase.

(c) Ani 2012

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Das Gespräch der Hirnlosen

Was macht man, wenn man mit einem Menschen nicht über das Small-Talk-Niveau hinauskommt? Klar, akzeptieren, dass derjenige einfach nicht mit mir auf einer Wellenlänge ist, das wäre eine einfache, aber klare Lösung. Nur was, wenn der Mensch sich auf unbestimmte Zeit ins eigene Leben gesetzt hat, also z. B. die Partnerin des Bruders oder der beste Freund der allerbesten Freundin ist? Ja, da wird es schon schwieriger.

Ich hasse Small-Talk und hoffe, dass ich da für die meisten (bitte alle) spreche. Wenn ich mit jemandem über Belanglosigkeiten rede, weil man sich noch nicht gut genug kennt für Intimitäten oder, weil man sich einfach nicht genauer kennenlernen möchte, dann beobachte ich mich immer von außen und könnte mir direkt vor die Füße kotzen. Ein nettes Lächeln hier, ein Plausch über das triste, norddeutsche Wetter da, zack ist es fertig, das Geschwätz der leeren Hirne – und ich bin eins davon. „Mittendrin, statt nur dabei!“, schreit die eine, noch funktionierende Hälfte, bevor auch sie gänzlich verstummt.

Ich bin ja eher Typ Herz auf der Zunge. Wenn ich ein Gläschen Wein intus habe und mir jemand vorgestellt wird, den ich sofort r-e-i-z-e-n-d finde, dann bin ich ab dem ersten Moment ungehalten. Gerne erinnere ich mich zurück an das Kennenlernen eine meiner Freundinnen. Wir dateten damals den gleichen Typen kurz hintereinander. Ich war die Erste, als kleine Randinformation. Als er sie dann zu einer Feier mitbrachte, trank ich mir Mut an, denn es gab nur eine Mission für mich an diesem Abend: Ausspionieren. Also habe ich mich dezent schwankend an sie herangepirscht und pseudo-unwissend angesprochen.  „Na, und mit wem bischd duuu hieaa?“
Zehn Minuten später lagen wir uns in den Armen, hatten eine gemeinsame Weltreise geplant und beide zugegeben, dass der Mann, den sie gerade und ich vorher gedatet hatte, irgendwie eher eine Frage, als eine Antwort sei. Ich gebe zu, der Alkohol hatte diese große Sympathie natürlich unterstützt – wir verstehen uns aber nach wie vor genauso gut, übrigens auch während ihrer Schwangerschaft, da tranken wir nämlich beide nichts.
Im Allgemeinen habe ich es bis jetzt noch nie bereut, sehr schnell den in meinen Augen wunderbaren Menschen näherzukommen. Wozu auch über das Wetter reden, wenn jeder die App dafür auf seinem Handy hat? Wozu Komplimente über das Kleid machen, wenn es immens unvorteilhaft geschnitten ist? Eben.

Was aber tun, wenn man weiß, dass da jemand ist, mit dem man sich früher oder später auseinandersetzen muss, aber jedes mal nach Worten ringt, weil einem nichts, einfach nichts einfällt? Leere im Kopf. Es ist ja auch einfach eine traurige Sache, schließlich ist man sich nicht automatisch unsympathisch, nur, weil man keine Gemeinsamkeiten hat. Ich bin unsportlich, mal abgesehen von Yoga und einer auf Eis gelegten Ballettkarriere – wie soll ich mich also mit jemandem unterhalten, der alle Sportarten dieser Welt beherrscht und ich schon Ausschlag kriege, wenn ich nur an eine davon denke? Ist es denn zwischenmenschlich legitim, mit jemandem auf einem oberflächlichen Niveau zu bleiben, obwohl er ein wichtiger Bestandteil im Leben eines mir wichtigen Menschen ist? Ausweglos, scheint es mir, aber beim Small-Talk will ich es eben nicht belassen.

Eventuell hilft ja auch hier ein Gläschen – oder eine Flasche – Wein. Dann überschütte ich die betreffende Person einfach mit peinlichen Anekdoten aus meinem Leben (oder dem Leben meiner Freunde) – soll, wie wir seit Bridget Jones wissen, ungemein sympathisch wirken. Damit ist dann vielleicht der Weg für gemeinsame Peinlichkeiten geebnet – und die schweißen bekanntlich am stärksten zusammen.

© Ani 2012

Samstag, 1. Dezember 2012

Ich kaufe einen Kompromiss und möchte lösen


Macht man einen Kompromiss für sich oder für jemand anderen? Oder für beide? 
Wenn ich will, dann bin ich gut im Kompromisse machen. Zum Beispiel bin ich dazu bereit, einen grauen, nebligen Tag im Bett zu verbringen und mich nicht zu bewegen, obwohl ich eigentlich so viel geplant hatte. Kein Problem, ich bin ja flexibel.

Aber bei so manch anderen Kompromissen stecken große Erwartungen dahinter, die zu zerplatzen drohen in dem Moment, in dem die Erwartung enttäuscht wird und ein Kompromiss vor der Tür steht. 
Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse viel gestritten, sowohl mit guten Freunden als auch mit meinem Anderen oder meiner Mutter. Manchmal ging es von mir aus, manchmal waren es überschäumende Situationen oder lange, totgeschwiegene Probleme, die langsam aber sicher an die Oberfläche wollten. Und jedes Mal stand man vor der Wahl, einen Kompromiss anzunehmen, einen zu offerieren oder - im schlimmsten Fall - sich erstmal umzudrehen, weil eine Schnittstelle so weit entfernt lag, wie weiße Weihnachten in Australien. 

Die Frage ist doch eigentlich immer die: Wie viel bin ich bereit zu geben, um etwas, das mir wichtig ist, zu halten? Also, wie lange möchte ich streiten, um keinen Kompromiss eingehen zu müssen und wann ist mir alles Recht, nur damit man wieder gemeinsam lachen kann?

Ich persönlich kam in letzter Zeit oft an den Punkt, an dem ich gezwungen wurde, mich immer wieder zu fragen, ob ich zu viel verlangen würde. Vor allem vom Partner, da greift man ja nur zu gerne zu. Ich versuche mir dann immer vorzustellen, was ich tun würde, wäre ich in der Situation des mir Gegenüberstehenden - und zu meinem eigenen Leid musste ich mir oft eingestehen, dass mir sicherlich das Gleiche passiert wäre, sprich: Ich hätte mich oftmals genauso verhalten. Doch nur, weil wir in der anderen Position sind, nehmen wir uns so oft heraus, zu urteilen, zu verlangen und einfach so zu tun, als würden wir es immer und zu jeder Zeit besser wissen. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich an einem seidenen Faden hänge, eine brennende Schlucht unter mir und trotzdem hätte ich alle meine Termine im Kopf, während ich dem Anderen fast minütlich vorwerfe, irgendetwas, in meinen Augen unglaublich Wichtiges, wiedermal vergessen zu haben - trotz Kalender und ohne brennende Schlucht. 

Zwischen Mann und Frau herrscht teilweise noch mehr, als eine brennende Schlucht. Während wir B sagen, denken die Männer immer noch an A und in der Zeit, in der sie versuchen, uns zu verstehen, haben wir Frauen schon wieder beschlossen, anderer Meinung zu sein. Dass ich da manchmal in ratlose Augen schaue, verstehe ich. Schon Loriot wusste die sprachlichen Probleme zwischen Mann und Frau zu verdeutlichen, indem er anhand des zu hart gekochten Frühstücksei aufzeigte, wie weit wir manchmal entfernt sind und dass wir oftmals bereit sind, uns an Kleinigkeiten hochzuschaukeln, anstatt den Kompromiss einzugehen, die Klappe zu halten. Und das Ei einfach aufzuessen.

Ich erwarte unglaublich viel und zwar vor allem aus dem Grund, weil ich auch sehr viel gebe - oftmals mehr, als ich müsste. Aber Erwarten ist im Allgemeinen recht ungesund und am Ende steht man meist alleine da. 
Bewundern tue ich die Menschen, die einfach nur geben und bei dem Gedanken eines Geschenkes vor Scham ganz ehrlich rot werden und reinen Herzens den abgedroschenen Satz "Das hätte wirklich nicht sein müssen" sagen können. Ganz einfach, ganz bescheiden, keine falschen Erwartungen, ergo keine Enttäuschungen. Vielleicht liegt das in der Natur jener Menschen und für alle anderen ist es einfach zu anstrengend - einfach haben wir es ja uns schon immer gemacht.
Weihnachten steht vor der Tür. Während die Einen munter ihre Adventskalendertürchen öffnen und sich freuen, fangen die Anderen schon langsam an zu streiten. Weil das Geschenk zu klein sein wird, weil man sich ja eh etwas ganz anderes gewünscht hätte, weil man doch eigentlich gar nichts will, außer…!
Viele Familien, die ich kenne, haben übrigens den Beschluss gefasst, sich nichts mehr zu schenken. Scheint auch ein Kompromiss zu sein. Nur ist es deswegen, einfach Erwartungen aus dem Weg gehen zu können? Denn, vielleicht spreche ich hier nur für mich, aber mir macht es unglaublich viel Spaß, einen Menschen glücklich zu machen, weil wir beide wissen, dass das Geschenk von Herzen kommt und einige Denkanstöße, sprich kostbare Zeit, in Anspruch genommen hat. 

Ich gebe gerne, aber ich nehme auch gerne. Und wenn mich einer dabei schief anschaut, dann mache ich mit mir selbst einen Kompromiss. Nämlich den, dass ich so lange mit meinen Angewohnheiten friedlich unter einem Dach (hinter einem Herzen, meinem) lebe, bis ich bereit bin, mich zu ändern. Für jemand anderen oder für mich selbst - das ist und bleibt dann der größte Kompromiss, den ich machen kann. 

© 2012 Ani

Mittwoch, 14. November 2012

Schattenspiele


Raise my hands, paint my spirit gold, bow my head, keep my heart slow“


Noch vier Stunden bis zur Sonnenfinsternis.

Zwar auf der anderen Seite der Hemisphäre, aber spüren tun wir sie wohl trotzdem.
Der Guru sagt, ich soll meine Sorgen aufschreiben, quasi der schwarzen Sonne übergeben. Schön finde ich diesen Gedanken, erinnert mich an meine Sorgenpüppchen, die immer unter meinem Kopfkissen lagen, als ich noch klein war. Und erinnert mich an meinen Traumfänger, der immer dafür da war, böse Alpträume fernzuhalten.

Um 23Uhr wird’s magisch, so heißt es. Ich musste also nicht lange überlegen, den einzigen Zug, den es zur Auswahl gab, um den Anderen wiederzusehen, zu buchen – ganz zufällig soll dieser um 23h in seinen Zielbahnhof einfahren. Zeit genug, um meine Sorgen zu sortieren, eine kleine Rangliste zu erstellen und mich gebührend von ihnen zu verabschieden.

Ganz schnell wird es ganz schön anstrengend. So voller Überraschungen und toller Ereignisse dieses Jahr war, so voller Sorgen bin ich wiedermal am Ende dessen und der Druck des bevorstehenden Jahreswechsels macht das beunruhigende Gefühl nicht einfacher.
Dazu kommt, dass ich um diese Jahreszeit immer melancholisch werde, zum Glück bin ich da nicht alleine. Am späten Nachmittag wird es dunkel und pünktlich zur Tagesschau (läuft die eigentlich noch? Muss ja Traumquoten haben) hat man das Gefühl, ins Bett gehen zu müssen – kein Wunder, dass es da an Motivation und guter Laune fehlt (ich übertreibe, um zu verdeutlichen, man weiß das ja).
Wie auch immer, ich sitze im Zug – das Sinnbild für Nachdenklichkeit und Reisen – und denke nach, während ich reise.

Was lief gut dieses Jahr? - Oh, so einiges.
Privat oder beruflich? - Du wirst es kaum glauben, aber in beiden Bereichen gab es Höhe- und Wendepunkte.
Schön, und worüber möchtest du dich dann beklagen? - Ich bin deutsch, ich muss mich beklagen.
Im Ernst? - Ich beklage mich nicht, ich bin nur überfordert. Das Jahr war nicht nur für mich sehr aufregend und jetzt muss ich das ordnen, wenn ich fröhlich unter dem Weihnachtsbaum sitzen möchte.

Welche Sorgen wollen als erste über Bord gehen? Kann ich die Großen einfach verschwinden lassen oder eventuell umbringen? Sitze ja schließlich nicht umsonst im Orient-Express.
Na gut, gehe ich das Ganze erwachsen an, dann weiß ich, dass ich mich mit allen auseinandersetzen muss, weil ich sonst nichts lerne und die Geister, die ich rief immer und immer wiederkommen. Ich weiß schon, aber einfach ist es nicht, denn mit so einigen Geistern möchte ich mich gar nicht beschäftigen. Ich habe bei ein paar Situationen das Gefühl, sie würden sich seit Jahren wiederholen, nur immer neu verpackt, sodass man manchmal viel zu spät erkennt, dass man sich schon wieder im gleichen Spiel befindet – manchmal möchte ich wirklich lieber Spieler sein, als Spielfigur. Denn wenn das Leben ein Spiel ist, dann möchte ich gewinnen.

Je länger ich nachdenke, desto größer wird mein Wunsch, mich mit allem und allen auszusöhnen, vor allem mit mir selbst. Die Selbstzweifel – man kennt sie – sind größer denn je. Warum, weiß ich gar nicht genau. Vielleicht ist selbst mein Unterbewusstsein dem Drama nicht abgeneigt und hat mir deswegen was Nettes gebaut, womit ich mich jetzt auseinandersetzen darf, muss, soll.

Sorgen machen bringt ja nix. So mal rein nüchtern betrachtet. Situationen lassen sich im Grunde nur mit positiver Einstellung lösen, sich Sorgen machen ändert nichts, im Gegenteil, man fühlt sich lediglich permanent schlecht, anstatt eventuell nur manchmal. Was bringt es uns, morgens in den Spiegel zu schauen und sich zu denken „Also, nein, dieses Gesicht wird langsam echt zum Problem.“ Oder „Sie hat das nicht explizit so gesagt, aber ich bin mir unglaublich sicher, dass sie es genauso meint und wenn sie das wirklich dann auch tut, dann kann sie was erleben und bis dahin rede ich mir zumindest jeden Tag ein, dass es so ist, wie ich es befürchte.“ Unglaublich hilfreich, ja.

Also, Sorgen ade. Selbstbewusstsein und Positivismus, hello, my new best friends! Or soon to be maybe. Ich arbeite dran.

Im Laufe meiner äußerst verschlungenen Gedankengänge merke ich auch, dass ich Menschen vermisse, die mein Leben verlassen haben, vielleicht nur vorübergehend, aber zumindest sind sie gerade weg und ich frage mich, was sie gerade tun, wo sie sind und ob sie dort glücklich sind. Viel zu gerne würde ich mit ihnen reden, am liebsten würde ich sie an einem magischen Ort treffen, wo man sich begegnet, innehält und redet, damit das Vermissen ein bisschen gestillt ist – aber alles hat wohl seine Zeit und seinen Sinn. Also warte ich ab und versuche, mir weniger Sorgen zu machen.

Und richte den Fokus auf mein Ziel. Das Ziel, das ich in drei Stunden erreichen werde. Das Ziel, welches ich nächstes Jahr im April endlich erreichen möchte. Das Ziel, das ich vor 30 erreichen möchte. Das Ziel, das ich nicht erreichen möchte, weil es immer da sein soll – Glück. Ab jetzt und mehr davon. Los.

Noch drei Stunden bis zur Sonnenfinsternis. Ich zücke meinen Stift.

Für die beste Band der Welt, meine persönliche Sonnenfinsternis.

© Ani 2012

Dienstag, 6. November 2012

Unter zwei Augen


Ja genau, auf hochdeutsch nennt man das Selbst-be-frie-di-gung. […] Das ist das, was die deutschen Frauen am meisten machen. […] Bei uns darf man das auch machen, aber die Deutschen betreiben es am meisten.“

Huch. Die orientalisch aussehende Dame in der U-Bahn kannte sich ja immens aus und das Tolle war, dass sie beschloss, ihr großartiges Wissen zu teilen – vor allem mit den deutschen, um sie herum sitzenden Frauen.

Authentisch sein in allen Situationen. Das war das Erste, was mir eingefallen war, als meine Freundin von dieser Situation erzählte und wir Tränen lachten. Für mich war die nette Ausländerin wirklich in erster Linie authentisch, denn entweder war es ihr – auf gut deutsch, haha – scheißegal, was die anderen U-Bahnfahrer/innen über sie dachten oder sie wollte bewusst ihre Meinung teilen und ein Zeichen setzen – so oder so, Selbstbewusstsein hat die Gute.

Kind, egal, was passiert, sei authentisch. Das ist das Beste, was dir und Anderen passieren kann.“ Ein Rat, den mir meine Mutter schon gab, als ich nervös vor dem Kleiderschrank herumtänzelte, weil wiedermal eins dieser allseits bekannten, ersten Dates anstand. Und auch heute noch schickt sie mich mit diesen Worten an neue Drehorte und zu Vorstellungsgesprächen.

Mama hat immer Recht, genauso wie Oma, die das ja auch schon Mama geraten hatte. Also versuche ich es natürlich immer umzusetzen. Authentisch zu sein ist schwierig, wenn man aufgeregt ist, wenn man alleine einer ganzen, schon längst eingeschweißten Crew entgegentritt oder wenn man hofft, dass das bevorstehende Date sich endlich mal nicht als „Endstation Sehnsucht“ entpuppt.
Es ist ja dann letztendlich auch wirklich eine Gratwanderung, denn was fällt überhaupt unter diesen Begriff? Heißt es, dass ich von vorne herein Klartext sprechen kann, also dass ich z. B. meinem Gegenüber besser gleich erzähle, dass ich an verregneten Sonntagen „Die drei ???“ höre, mir ab und an um 6 Uhr morgens die Augenbrauen zupfe und jeden Tag mit mir Konversationen (teilweise vor dem Spiegel) führe? Wohl eher abschreckend, jetzt, wo ich das so geballt lese. Aber ja, so bin ich, zumindest der wahrhaftige Teil.

Ich glaube ja, dass die meisten von uns so viele Facetten an sich haben, dass sie bei verschiedenen Leuten auch selbst immer ein bisschen anders sind. Zwar bleibt der Kern stets gleich, aber man passt sich doch schnell an: Wird in einer Runde ein Thema diskutiert, von dem man keine Ahnung hat, sitzt man tendenziell eher ruhig dabei und hört zu, während man beim neuesten Klatsch und Tratsch kaum die Klappe zubekommt. Ganz schnell bekommen die Leute um einen herum ein ganz anderes Bild, als die engsten Freunde es haben. Ist man nun trotzdem in beiden Fällen authentisch und wann fängt man an, sich zu verstellen – ohne es zu merken?

Die Dame in der U-Bahn hätte sicherlich auch noch fröhlich ausgeplaudert, wie sie selbst zum Thema Selbstbefriedigung stehe, man hätte sie wohl nur fragen müssen. Vielleicht hätte sie eine kostenlose Infobroschüre gleich dabei gehabt – herrlich, je länger ich über sie nachdenke, desto beeindruckender finde ich sie. Ganz gleich, ob sie mir sympathisch ist oder nicht, sie verstellt sich nicht, ich glaube sogar, ihr würde der Gedanke nicht einmal kommen.

Ich bin eher Typ Ich-möchte-es-allen-rechtmachen. Am Drehort setze ich mich manchmal zu den Komparsen dazu, nur, um nicht irgendjemanden mit Fragen nach dem Aufenthaltsraum zu nerven. Wenn ich dann vergeblich gesucht werde, habe ich ein schlechtes Gewissen. Wenn ich auf den Hasen meiner besten Freundin aufpasse, bete ich immer leise, dass er nicht stirbt, denn das könnte ich mir nie verzeihen, nicht mal, wenn er einfach nur einschlafen würde. Und wenn Omi 80 Jahre alt wird, dann fahre ich schon mal 600km für 24 Stunden, um dann direkt danach weitere 800km zu fahren, weil ich umziehe. Ja, diese Art und Weise kann anstrengend sein, aber im Allgemeinen fahre ich damit sehr gut, es sei denn, ich halte zu lange meinen Mund, wenn mir etwas nicht passt, und schäume dann über, was zwar unter „authentischer Ausbruch meinerseits“ fällt, aber nicht unbedingt sein muss.

Ich möchte immer und überall so sein und agieren, wie ich wirklich bin. Das ist mein Anspruch an mich und auch an die Menschen in meinem Leben. Das heißt natürlich nicht, dass ich meine Launen, die ich schon spüre, bevor sie überhaupt zu Tage kommen, immer und überall auslebe, nein, aber ich mache endlich mal etwas, was nicht jedem Recht ist. Z. B. habe ich kürzlich eine Party nach einer knappen Stunde verlassen, weil ich sie einfach unglaublich schlecht fand und ich dachte, dass Schlafen sinnvoller sei. Auch wenn Freunde dann blöd aus der Wäsche schauen und manche das unhöflich und voreingenommen finden, ich gehe trotzdem, weil ich es will. Und solche Entscheidungen sind dann immer richtig.
Auch höre ich mittlerweile auf, Smalltalk zu halten, wenn ich keine Lust dazu habe. Manch einer mag das als arrogant abstempeln, aber wem bringt es etwas, sich an einem Gespräch unter vier Augen zu beteiligen, an dem sich – Hand aufs Herz – keines der vier Augen eigentlich beteiligen will?

Übrigens hilft es sehr, Menschen um sich zu haben, die aus vollem Herzen zu sich selbst stehen und sich in keinem Zwiespalt mit der eigenen Persönlichkeit befinden. So kann man schnell entscheiden, ob man sie mag oder nicht, anstatt immer wieder die Meinung revidieren zu müssen, weil die eigentliche Person irgendwie nie vor einen tritt.

Mein Rat ist es, bei diesem Thema immer auf Mama zu hören, denn die kennt ihr Kind am besten, lange bevor das Kind es selbst tut. Und sich auf Liebe einlassen. Die holt alles aus einem heraus, was es da so gibt: Lachen. Weinen. Urängste. Launen. Bedürfnisse. Glück. Sehnsucht. Leben. Die geht tiefer, als jeder Tiefspüler, und wenn man durchgespült wurde, steht man selbstbewusster und liebevoller sich selbst gegenüber. Dann kann man sich anlächeln und zuzwinkern mit den Worten: Man kennt sich.

© Ani 2012