Donnerstag, 20. Dezember 2012

In den Schuhen meiner Beziehung


Ich sitze mit dem Anderen am Esstisch, als er sich die Küchenrolle zur Hand nimmt, an seinen Mund hält und irgendetwas Unverständliches in mein Ohr brüllt. Daraufhin lacht er - so, wie er eben immer lacht - während ich versuche, mir ein Lächeln zu verkneifen (was ich gerade übrigens auch tue) und bitte ihn, doch erwachsen zu werden.

Wenn ich meinen Freundinnen erzähle, er müsse anscheinend sein inneres Kind ausleben, dann lachen die Vergebenen und sagen, sie hätten ebenfalls einen Michel aus Lönneberga zu Hause sitzen.

So unterschiedlich zwei Menschen auch sein können – stecken sie in einer Beziehung, so haben sie die besten Chancen, genau daran zu (er)wachsen. Zu erkennen, dass das, was sie am meisten kritisieren, oftmals das ist, was sie selbst wollen. Oder nicht können. Oder beides. Dann sollte man handeln, denn wenn die Leichtigkeit geht, dann geht auch langsam alles andere.

Ich lerne zum Beispiel gerade, mehr Selbstbewusstsein aufzubauen. Obwohl ich Schauspielerin bin und die Menschen, die mich gut kennen auch sehr oft die Bekanntschaft mit meiner großen Klappe machen, kann ich auch ganz schnell ganz schüchtern und zurückhaltend sein. Lächeln, obwohl mir eher nach Weinen ist. Die Klappe halten, obwohl ich doch so viel zu sagen habe.
Also lerne ich es jetzt. Von ihm. Und bei den Dingen, die mich dann immer noch nerven, frage ich mich, was mich wirklich daran stört. Und warum überhaupt. Was dahintersteckt. Und ob ich darüber hinwegschauen kann, weil es doch eigentlich so nichtig ist.

Das mag vielleicht sehr anstrengend oder pseudo-psychologisch klingen, aber mir hilft es dabei, immer wieder an den Punkt zu kommen, an dem ich dankbar für meinen Anderen bin - weil ich mich lieber mal divenhaft aufrege, als niemanden zu haben, über den ich mich aufregen kann. Und danach trotzdem küssen darf. Har Har Har.

Im Grunde ist es aber immer gleich: Wenn er mir auf die Nerven geht, dann giggelt mein kleines Mädchen und die Frau in mir rollt gleichzeitig die Augen. Auf hohem Absatz und im Kinderschuh - kein Wunder, dass ich so oft verwirrt bin.
Wir stehen uns manchmal selbst im Weg, wissen gerade noch, wo wir herkommen, aber manchmal so gar nicht, wo wir hinwollen. Wir suchen uns jemanden dazu, dem es vielleicht genauso geht und gerade dann hilft nur die gute, alte Leichtigkeit, mit der man Hand in Hand durch die junge Beziehung schreiten kann. Oder hüpfen.

Manche sind ja der Meinung, Gegensätze würden sich anziehen. Und wiederum andere behaupten, dass man genug Gemeinsamkeiten für eine funktionierende Beziehung haben muss. Ich persönlich habe keine Ahnung. Wer gemeinsam gerne Ski fahren geht, ist nicht davor gefeit, sich trotzdem im Urlaub zu trennen. Eventuell, weil einer von beiden schlechter unterwegs ist und den Partner umfährt. Und wer anfangs die Unstimmigkeiten anziehend fand und immer von leidenschaftlichem Feuer geredet hat, kann sich schnell erschöpft bei der Paartherapie einfinden. Sparflamme auf dem Sofa.
Und irgendwo, zwischen all diesen Beziehungs-Irrungen und –Wirrungen versuche ich, meine ganz Eigene zu gestalten. Versuche, an den Herausforderungen zu wachsen, die Unterschiede zu überbrücken und die Gemeinsamkeiten auszuleben. "Klingt ja ziemlich erwachsen", sagte das verliebte Mädchen in mir und trat schmollend mit ihrem Glitzerschuh gegen mein Schienbein. Also habe ich eingeräumt und was daraufhin passierte, war Folgendes:

Gestern Abend bin ich vergnügt durch die Wohnung gehüpft, mit meinem Glas Weißwein in der Hand. Als wir dann am Esstisch saßen, meinte der Andere spitzbübig:
„Schön, dass du wieder gut drauf bist! Im Gegensatz zu gestern, da warst du ja eher schlecht gelaunt.“ Ich fühlte mich ein wenig ertappt und erwiderte räuspernd. „Ja und? Ich habe eben einen facettenreichen Charakter.“ Die zwei paar Schuhe gefallen mir ehrlich gesagt beide ganz gut.

Als ich übrigens gefordert hatte, er solle erwachsen werden, tat mir die Aussage im gleichen Moment schon fast wieder leid und ich dachte sofort: Verlange ich schon wieder zu viel? Wo versteckt sich die Leichtigkeit, wenn man sie so dringend braucht? Und wo sind meine blöden Glitzer-Ballerinas? Hallo? Hallo...!?

Ganz lieb sagte er dann: „Versprochen“. Und leckte mir über die Nase.

(c) Ani 2012

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Das Gespräch der Hirnlosen

Was macht man, wenn man mit einem Menschen nicht über das Small-Talk-Niveau hinauskommt? Klar, akzeptieren, dass derjenige einfach nicht mit mir auf einer Wellenlänge ist, das wäre eine einfache, aber klare Lösung. Nur was, wenn der Mensch sich auf unbestimmte Zeit ins eigene Leben gesetzt hat, also z. B. die Partnerin des Bruders oder der beste Freund der allerbesten Freundin ist? Ja, da wird es schon schwieriger.

Ich hasse Small-Talk und hoffe, dass ich da für die meisten (bitte alle) spreche. Wenn ich mit jemandem über Belanglosigkeiten rede, weil man sich noch nicht gut genug kennt für Intimitäten oder, weil man sich einfach nicht genauer kennenlernen möchte, dann beobachte ich mich immer von außen und könnte mir direkt vor die Füße kotzen. Ein nettes Lächeln hier, ein Plausch über das triste, norddeutsche Wetter da, zack ist es fertig, das Geschwätz der leeren Hirne – und ich bin eins davon. „Mittendrin, statt nur dabei!“, schreit die eine, noch funktionierende Hälfte, bevor auch sie gänzlich verstummt.

Ich bin ja eher Typ Herz auf der Zunge. Wenn ich ein Gläschen Wein intus habe und mir jemand vorgestellt wird, den ich sofort r-e-i-z-e-n-d finde, dann bin ich ab dem ersten Moment ungehalten. Gerne erinnere ich mich zurück an das Kennenlernen eine meiner Freundinnen. Wir dateten damals den gleichen Typen kurz hintereinander. Ich war die Erste, als kleine Randinformation. Als er sie dann zu einer Feier mitbrachte, trank ich mir Mut an, denn es gab nur eine Mission für mich an diesem Abend: Ausspionieren. Also habe ich mich dezent schwankend an sie herangepirscht und pseudo-unwissend angesprochen.  „Na, und mit wem bischd duuu hieaa?“
Zehn Minuten später lagen wir uns in den Armen, hatten eine gemeinsame Weltreise geplant und beide zugegeben, dass der Mann, den sie gerade und ich vorher gedatet hatte, irgendwie eher eine Frage, als eine Antwort sei. Ich gebe zu, der Alkohol hatte diese große Sympathie natürlich unterstützt – wir verstehen uns aber nach wie vor genauso gut, übrigens auch während ihrer Schwangerschaft, da tranken wir nämlich beide nichts.
Im Allgemeinen habe ich es bis jetzt noch nie bereut, sehr schnell den in meinen Augen wunderbaren Menschen näherzukommen. Wozu auch über das Wetter reden, wenn jeder die App dafür auf seinem Handy hat? Wozu Komplimente über das Kleid machen, wenn es immens unvorteilhaft geschnitten ist? Eben.

Was aber tun, wenn man weiß, dass da jemand ist, mit dem man sich früher oder später auseinandersetzen muss, aber jedes mal nach Worten ringt, weil einem nichts, einfach nichts einfällt? Leere im Kopf. Es ist ja auch einfach eine traurige Sache, schließlich ist man sich nicht automatisch unsympathisch, nur, weil man keine Gemeinsamkeiten hat. Ich bin unsportlich, mal abgesehen von Yoga und einer auf Eis gelegten Ballettkarriere – wie soll ich mich also mit jemandem unterhalten, der alle Sportarten dieser Welt beherrscht und ich schon Ausschlag kriege, wenn ich nur an eine davon denke? Ist es denn zwischenmenschlich legitim, mit jemandem auf einem oberflächlichen Niveau zu bleiben, obwohl er ein wichtiger Bestandteil im Leben eines mir wichtigen Menschen ist? Ausweglos, scheint es mir, aber beim Small-Talk will ich es eben nicht belassen.

Eventuell hilft ja auch hier ein Gläschen – oder eine Flasche – Wein. Dann überschütte ich die betreffende Person einfach mit peinlichen Anekdoten aus meinem Leben (oder dem Leben meiner Freunde) – soll, wie wir seit Bridget Jones wissen, ungemein sympathisch wirken. Damit ist dann vielleicht der Weg für gemeinsame Peinlichkeiten geebnet – und die schweißen bekanntlich am stärksten zusammen.

© Ani 2012

Samstag, 1. Dezember 2012

Ich kaufe einen Kompromiss und möchte lösen


Macht man einen Kompromiss für sich oder für jemand anderen? Oder für beide? 
Wenn ich will, dann bin ich gut im Kompromisse machen. Zum Beispiel bin ich dazu bereit, einen grauen, nebligen Tag im Bett zu verbringen und mich nicht zu bewegen, obwohl ich eigentlich so viel geplant hatte. Kein Problem, ich bin ja flexibel.

Aber bei so manch anderen Kompromissen stecken große Erwartungen dahinter, die zu zerplatzen drohen in dem Moment, in dem die Erwartung enttäuscht wird und ein Kompromiss vor der Tür steht. 
Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse viel gestritten, sowohl mit guten Freunden als auch mit meinem Anderen oder meiner Mutter. Manchmal ging es von mir aus, manchmal waren es überschäumende Situationen oder lange, totgeschwiegene Probleme, die langsam aber sicher an die Oberfläche wollten. Und jedes Mal stand man vor der Wahl, einen Kompromiss anzunehmen, einen zu offerieren oder - im schlimmsten Fall - sich erstmal umzudrehen, weil eine Schnittstelle so weit entfernt lag, wie weiße Weihnachten in Australien. 

Die Frage ist doch eigentlich immer die: Wie viel bin ich bereit zu geben, um etwas, das mir wichtig ist, zu halten? Also, wie lange möchte ich streiten, um keinen Kompromiss eingehen zu müssen und wann ist mir alles Recht, nur damit man wieder gemeinsam lachen kann?

Ich persönlich kam in letzter Zeit oft an den Punkt, an dem ich gezwungen wurde, mich immer wieder zu fragen, ob ich zu viel verlangen würde. Vor allem vom Partner, da greift man ja nur zu gerne zu. Ich versuche mir dann immer vorzustellen, was ich tun würde, wäre ich in der Situation des mir Gegenüberstehenden - und zu meinem eigenen Leid musste ich mir oft eingestehen, dass mir sicherlich das Gleiche passiert wäre, sprich: Ich hätte mich oftmals genauso verhalten. Doch nur, weil wir in der anderen Position sind, nehmen wir uns so oft heraus, zu urteilen, zu verlangen und einfach so zu tun, als würden wir es immer und zu jeder Zeit besser wissen. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich an einem seidenen Faden hänge, eine brennende Schlucht unter mir und trotzdem hätte ich alle meine Termine im Kopf, während ich dem Anderen fast minütlich vorwerfe, irgendetwas, in meinen Augen unglaublich Wichtiges, wiedermal vergessen zu haben - trotz Kalender und ohne brennende Schlucht. 

Zwischen Mann und Frau herrscht teilweise noch mehr, als eine brennende Schlucht. Während wir B sagen, denken die Männer immer noch an A und in der Zeit, in der sie versuchen, uns zu verstehen, haben wir Frauen schon wieder beschlossen, anderer Meinung zu sein. Dass ich da manchmal in ratlose Augen schaue, verstehe ich. Schon Loriot wusste die sprachlichen Probleme zwischen Mann und Frau zu verdeutlichen, indem er anhand des zu hart gekochten Frühstücksei aufzeigte, wie weit wir manchmal entfernt sind und dass wir oftmals bereit sind, uns an Kleinigkeiten hochzuschaukeln, anstatt den Kompromiss einzugehen, die Klappe zu halten. Und das Ei einfach aufzuessen.

Ich erwarte unglaublich viel und zwar vor allem aus dem Grund, weil ich auch sehr viel gebe - oftmals mehr, als ich müsste. Aber Erwarten ist im Allgemeinen recht ungesund und am Ende steht man meist alleine da. 
Bewundern tue ich die Menschen, die einfach nur geben und bei dem Gedanken eines Geschenkes vor Scham ganz ehrlich rot werden und reinen Herzens den abgedroschenen Satz "Das hätte wirklich nicht sein müssen" sagen können. Ganz einfach, ganz bescheiden, keine falschen Erwartungen, ergo keine Enttäuschungen. Vielleicht liegt das in der Natur jener Menschen und für alle anderen ist es einfach zu anstrengend - einfach haben wir es ja uns schon immer gemacht.
Weihnachten steht vor der Tür. Während die Einen munter ihre Adventskalendertürchen öffnen und sich freuen, fangen die Anderen schon langsam an zu streiten. Weil das Geschenk zu klein sein wird, weil man sich ja eh etwas ganz anderes gewünscht hätte, weil man doch eigentlich gar nichts will, außer…!
Viele Familien, die ich kenne, haben übrigens den Beschluss gefasst, sich nichts mehr zu schenken. Scheint auch ein Kompromiss zu sein. Nur ist es deswegen, einfach Erwartungen aus dem Weg gehen zu können? Denn, vielleicht spreche ich hier nur für mich, aber mir macht es unglaublich viel Spaß, einen Menschen glücklich zu machen, weil wir beide wissen, dass das Geschenk von Herzen kommt und einige Denkanstöße, sprich kostbare Zeit, in Anspruch genommen hat. 

Ich gebe gerne, aber ich nehme auch gerne. Und wenn mich einer dabei schief anschaut, dann mache ich mit mir selbst einen Kompromiss. Nämlich den, dass ich so lange mit meinen Angewohnheiten friedlich unter einem Dach (hinter einem Herzen, meinem) lebe, bis ich bereit bin, mich zu ändern. Für jemand anderen oder für mich selbst - das ist und bleibt dann der größte Kompromiss, den ich machen kann. 

© 2012 Ani

Mittwoch, 14. November 2012

Schattenspiele


Raise my hands, paint my spirit gold, bow my head, keep my heart slow“


Noch vier Stunden bis zur Sonnenfinsternis.

Zwar auf der anderen Seite der Hemisphäre, aber spüren tun wir sie wohl trotzdem.
Der Guru sagt, ich soll meine Sorgen aufschreiben, quasi der schwarzen Sonne übergeben. Schön finde ich diesen Gedanken, erinnert mich an meine Sorgenpüppchen, die immer unter meinem Kopfkissen lagen, als ich noch klein war. Und erinnert mich an meinen Traumfänger, der immer dafür da war, böse Alpträume fernzuhalten.

Um 23Uhr wird’s magisch, so heißt es. Ich musste also nicht lange überlegen, den einzigen Zug, den es zur Auswahl gab, um den Anderen wiederzusehen, zu buchen – ganz zufällig soll dieser um 23h in seinen Zielbahnhof einfahren. Zeit genug, um meine Sorgen zu sortieren, eine kleine Rangliste zu erstellen und mich gebührend von ihnen zu verabschieden.

Ganz schnell wird es ganz schön anstrengend. So voller Überraschungen und toller Ereignisse dieses Jahr war, so voller Sorgen bin ich wiedermal am Ende dessen und der Druck des bevorstehenden Jahreswechsels macht das beunruhigende Gefühl nicht einfacher.
Dazu kommt, dass ich um diese Jahreszeit immer melancholisch werde, zum Glück bin ich da nicht alleine. Am späten Nachmittag wird es dunkel und pünktlich zur Tagesschau (läuft die eigentlich noch? Muss ja Traumquoten haben) hat man das Gefühl, ins Bett gehen zu müssen – kein Wunder, dass es da an Motivation und guter Laune fehlt (ich übertreibe, um zu verdeutlichen, man weiß das ja).
Wie auch immer, ich sitze im Zug – das Sinnbild für Nachdenklichkeit und Reisen – und denke nach, während ich reise.

Was lief gut dieses Jahr? - Oh, so einiges.
Privat oder beruflich? - Du wirst es kaum glauben, aber in beiden Bereichen gab es Höhe- und Wendepunkte.
Schön, und worüber möchtest du dich dann beklagen? - Ich bin deutsch, ich muss mich beklagen.
Im Ernst? - Ich beklage mich nicht, ich bin nur überfordert. Das Jahr war nicht nur für mich sehr aufregend und jetzt muss ich das ordnen, wenn ich fröhlich unter dem Weihnachtsbaum sitzen möchte.

Welche Sorgen wollen als erste über Bord gehen? Kann ich die Großen einfach verschwinden lassen oder eventuell umbringen? Sitze ja schließlich nicht umsonst im Orient-Express.
Na gut, gehe ich das Ganze erwachsen an, dann weiß ich, dass ich mich mit allen auseinandersetzen muss, weil ich sonst nichts lerne und die Geister, die ich rief immer und immer wiederkommen. Ich weiß schon, aber einfach ist es nicht, denn mit so einigen Geistern möchte ich mich gar nicht beschäftigen. Ich habe bei ein paar Situationen das Gefühl, sie würden sich seit Jahren wiederholen, nur immer neu verpackt, sodass man manchmal viel zu spät erkennt, dass man sich schon wieder im gleichen Spiel befindet – manchmal möchte ich wirklich lieber Spieler sein, als Spielfigur. Denn wenn das Leben ein Spiel ist, dann möchte ich gewinnen.

Je länger ich nachdenke, desto größer wird mein Wunsch, mich mit allem und allen auszusöhnen, vor allem mit mir selbst. Die Selbstzweifel – man kennt sie – sind größer denn je. Warum, weiß ich gar nicht genau. Vielleicht ist selbst mein Unterbewusstsein dem Drama nicht abgeneigt und hat mir deswegen was Nettes gebaut, womit ich mich jetzt auseinandersetzen darf, muss, soll.

Sorgen machen bringt ja nix. So mal rein nüchtern betrachtet. Situationen lassen sich im Grunde nur mit positiver Einstellung lösen, sich Sorgen machen ändert nichts, im Gegenteil, man fühlt sich lediglich permanent schlecht, anstatt eventuell nur manchmal. Was bringt es uns, morgens in den Spiegel zu schauen und sich zu denken „Also, nein, dieses Gesicht wird langsam echt zum Problem.“ Oder „Sie hat das nicht explizit so gesagt, aber ich bin mir unglaublich sicher, dass sie es genauso meint und wenn sie das wirklich dann auch tut, dann kann sie was erleben und bis dahin rede ich mir zumindest jeden Tag ein, dass es so ist, wie ich es befürchte.“ Unglaublich hilfreich, ja.

Also, Sorgen ade. Selbstbewusstsein und Positivismus, hello, my new best friends! Or soon to be maybe. Ich arbeite dran.

Im Laufe meiner äußerst verschlungenen Gedankengänge merke ich auch, dass ich Menschen vermisse, die mein Leben verlassen haben, vielleicht nur vorübergehend, aber zumindest sind sie gerade weg und ich frage mich, was sie gerade tun, wo sie sind und ob sie dort glücklich sind. Viel zu gerne würde ich mit ihnen reden, am liebsten würde ich sie an einem magischen Ort treffen, wo man sich begegnet, innehält und redet, damit das Vermissen ein bisschen gestillt ist – aber alles hat wohl seine Zeit und seinen Sinn. Also warte ich ab und versuche, mir weniger Sorgen zu machen.

Und richte den Fokus auf mein Ziel. Das Ziel, das ich in drei Stunden erreichen werde. Das Ziel, welches ich nächstes Jahr im April endlich erreichen möchte. Das Ziel, das ich vor 30 erreichen möchte. Das Ziel, das ich nicht erreichen möchte, weil es immer da sein soll – Glück. Ab jetzt und mehr davon. Los.

Noch drei Stunden bis zur Sonnenfinsternis. Ich zücke meinen Stift.

Für die beste Band der Welt, meine persönliche Sonnenfinsternis.

© Ani 2012

Dienstag, 6. November 2012

Unter zwei Augen


Ja genau, auf hochdeutsch nennt man das Selbst-be-frie-di-gung. […] Das ist das, was die deutschen Frauen am meisten machen. […] Bei uns darf man das auch machen, aber die Deutschen betreiben es am meisten.“

Huch. Die orientalisch aussehende Dame in der U-Bahn kannte sich ja immens aus und das Tolle war, dass sie beschloss, ihr großartiges Wissen zu teilen – vor allem mit den deutschen, um sie herum sitzenden Frauen.

Authentisch sein in allen Situationen. Das war das Erste, was mir eingefallen war, als meine Freundin von dieser Situation erzählte und wir Tränen lachten. Für mich war die nette Ausländerin wirklich in erster Linie authentisch, denn entweder war es ihr – auf gut deutsch, haha – scheißegal, was die anderen U-Bahnfahrer/innen über sie dachten oder sie wollte bewusst ihre Meinung teilen und ein Zeichen setzen – so oder so, Selbstbewusstsein hat die Gute.

Kind, egal, was passiert, sei authentisch. Das ist das Beste, was dir und Anderen passieren kann.“ Ein Rat, den mir meine Mutter schon gab, als ich nervös vor dem Kleiderschrank herumtänzelte, weil wiedermal eins dieser allseits bekannten, ersten Dates anstand. Und auch heute noch schickt sie mich mit diesen Worten an neue Drehorte und zu Vorstellungsgesprächen.

Mama hat immer Recht, genauso wie Oma, die das ja auch schon Mama geraten hatte. Also versuche ich es natürlich immer umzusetzen. Authentisch zu sein ist schwierig, wenn man aufgeregt ist, wenn man alleine einer ganzen, schon längst eingeschweißten Crew entgegentritt oder wenn man hofft, dass das bevorstehende Date sich endlich mal nicht als „Endstation Sehnsucht“ entpuppt.
Es ist ja dann letztendlich auch wirklich eine Gratwanderung, denn was fällt überhaupt unter diesen Begriff? Heißt es, dass ich von vorne herein Klartext sprechen kann, also dass ich z. B. meinem Gegenüber besser gleich erzähle, dass ich an verregneten Sonntagen „Die drei ???“ höre, mir ab und an um 6 Uhr morgens die Augenbrauen zupfe und jeden Tag mit mir Konversationen (teilweise vor dem Spiegel) führe? Wohl eher abschreckend, jetzt, wo ich das so geballt lese. Aber ja, so bin ich, zumindest der wahrhaftige Teil.

Ich glaube ja, dass die meisten von uns so viele Facetten an sich haben, dass sie bei verschiedenen Leuten auch selbst immer ein bisschen anders sind. Zwar bleibt der Kern stets gleich, aber man passt sich doch schnell an: Wird in einer Runde ein Thema diskutiert, von dem man keine Ahnung hat, sitzt man tendenziell eher ruhig dabei und hört zu, während man beim neuesten Klatsch und Tratsch kaum die Klappe zubekommt. Ganz schnell bekommen die Leute um einen herum ein ganz anderes Bild, als die engsten Freunde es haben. Ist man nun trotzdem in beiden Fällen authentisch und wann fängt man an, sich zu verstellen – ohne es zu merken?

Die Dame in der U-Bahn hätte sicherlich auch noch fröhlich ausgeplaudert, wie sie selbst zum Thema Selbstbefriedigung stehe, man hätte sie wohl nur fragen müssen. Vielleicht hätte sie eine kostenlose Infobroschüre gleich dabei gehabt – herrlich, je länger ich über sie nachdenke, desto beeindruckender finde ich sie. Ganz gleich, ob sie mir sympathisch ist oder nicht, sie verstellt sich nicht, ich glaube sogar, ihr würde der Gedanke nicht einmal kommen.

Ich bin eher Typ Ich-möchte-es-allen-rechtmachen. Am Drehort setze ich mich manchmal zu den Komparsen dazu, nur, um nicht irgendjemanden mit Fragen nach dem Aufenthaltsraum zu nerven. Wenn ich dann vergeblich gesucht werde, habe ich ein schlechtes Gewissen. Wenn ich auf den Hasen meiner besten Freundin aufpasse, bete ich immer leise, dass er nicht stirbt, denn das könnte ich mir nie verzeihen, nicht mal, wenn er einfach nur einschlafen würde. Und wenn Omi 80 Jahre alt wird, dann fahre ich schon mal 600km für 24 Stunden, um dann direkt danach weitere 800km zu fahren, weil ich umziehe. Ja, diese Art und Weise kann anstrengend sein, aber im Allgemeinen fahre ich damit sehr gut, es sei denn, ich halte zu lange meinen Mund, wenn mir etwas nicht passt, und schäume dann über, was zwar unter „authentischer Ausbruch meinerseits“ fällt, aber nicht unbedingt sein muss.

Ich möchte immer und überall so sein und agieren, wie ich wirklich bin. Das ist mein Anspruch an mich und auch an die Menschen in meinem Leben. Das heißt natürlich nicht, dass ich meine Launen, die ich schon spüre, bevor sie überhaupt zu Tage kommen, immer und überall auslebe, nein, aber ich mache endlich mal etwas, was nicht jedem Recht ist. Z. B. habe ich kürzlich eine Party nach einer knappen Stunde verlassen, weil ich sie einfach unglaublich schlecht fand und ich dachte, dass Schlafen sinnvoller sei. Auch wenn Freunde dann blöd aus der Wäsche schauen und manche das unhöflich und voreingenommen finden, ich gehe trotzdem, weil ich es will. Und solche Entscheidungen sind dann immer richtig.
Auch höre ich mittlerweile auf, Smalltalk zu halten, wenn ich keine Lust dazu habe. Manch einer mag das als arrogant abstempeln, aber wem bringt es etwas, sich an einem Gespräch unter vier Augen zu beteiligen, an dem sich – Hand aufs Herz – keines der vier Augen eigentlich beteiligen will?

Übrigens hilft es sehr, Menschen um sich zu haben, die aus vollem Herzen zu sich selbst stehen und sich in keinem Zwiespalt mit der eigenen Persönlichkeit befinden. So kann man schnell entscheiden, ob man sie mag oder nicht, anstatt immer wieder die Meinung revidieren zu müssen, weil die eigentliche Person irgendwie nie vor einen tritt.

Mein Rat ist es, bei diesem Thema immer auf Mama zu hören, denn die kennt ihr Kind am besten, lange bevor das Kind es selbst tut. Und sich auf Liebe einlassen. Die holt alles aus einem heraus, was es da so gibt: Lachen. Weinen. Urängste. Launen. Bedürfnisse. Glück. Sehnsucht. Leben. Die geht tiefer, als jeder Tiefspüler, und wenn man durchgespült wurde, steht man selbstbewusster und liebevoller sich selbst gegenüber. Dann kann man sich anlächeln und zuzwinkern mit den Worten: Man kennt sich.

© Ani 2012

Samstag, 27. Oktober 2012

Jenseits von Afrika


Ich sitze in einem alten Mercedes-Benz-Taxi, welches so aussieht, als sei es weder vom genannten Unternehmen hergestellt, noch überhaupt in diesem Jahrhundert auf die Welt gekommen.
Das Schöne daran ist, dass ich diese dezent gefährliche Fahrt nicht mit Beinfreiheit krönen kann, sondern sie mit fünf weiteren Touristen und dem äußerst kompetenten Fahrer mit Hundeblick teilen darf. Dass man auf der Autobahn angehalten wird, weil man unangeschnallt ist, jedoch ein sogenanntes Grand Taxi erst dann losfährt, wenn vorne drei und hinten vier Menschen sitzen (Gurte nicht einmal vorhanden), ist eventuell etwas widersprüchlich. Knappe 10 Stunden Fahrt liegen vor mir, die Freude des Anderen neben mir hält sich in Grenzen, seine Magen-Darm-Grippe eher nicht.

Ja, ich hätte es besser wissen müssen. Marokko war schon 2010 nicht mein Land gewesen, hatten doch mein damaliger Freund und ich in der Medina von Rabat endgültig beschlossen, uns zu trennen.
2012 ist zwar die Liebe auf meiner Seite, das Land eher weniger. Wo soll ich anfangen?

Die Auswahl unserer Erfahrungen ist groß. Gestartet waren wir zu zweit in Marrakech – sehr chaotisch, weil statt klimatisiertem Mittelklasseauto uns ein Gefährt erwartete, das beim Anblick schon auseinanderfiel. Die Abwicklung unseres Mietautos lief auf der Motorhaube ab, die Kreditkartendaten wurden als Kautionsersatz abgepauscht – eher belustigt als genervt stiegen wir ein und schlichen drei Stunden Richtung Westen, dem Sonnenuntergang und Essaouira entgegen, um den Anderen zu überraschen, der dort schon weilte.

Es folgte ein entspannter Tag in einem mittelalterlichen Fischerdörfchen, wo man Streitereien zwischen „Happy Cake“-Verkäufern so anzetteln kann, dass der Ausbruch eines dritten Weltkrieges nicht weit entfernt scheint. Auch wissen wir dank wichtiger Recherchen meiner Freundin, dass Strandliegenverkäufer nicht das halten, was sie optisch versprechen. Schade eigentlich.

Nachdem ich lange überlegte, den süßesten Hundewelpen der Weltzone 4 (in dieser befanden wir uns laut Handynetzbetreiber) mitzunehmen und den Abend damit verbrachte, am Set von „Game of thrones“ die Dreharbeiten zu verfolgen, ging es am nächsten Tag mit unserem Tuk-Tuk in den Norden – die wortwörtlich atemberaubende Altstadt von Fés wartete auf uns, gefolgt von Avocado-Shakes und dem nettesten Hostelbesitzer mit dem schönsten Lächeln der Zone 4, was nach erneuter Recherchearbeit leider auch hier nicht das hielt, was es vorerst versprach (an dieser Stelle möchte gesagt sein, dass der „Lonely Planet Love: Marokko“ schon in Bearbeitung ist).

Nach zwei Tagen ging es im Morgengrauen zurück nach Marrakech, Schrottschüssel abgeben und von dort aus mit dem Bus in das Atlasgebirge. Die drei Tage, an denen es in Afrika regnet, hatten wir uns anscheinend auch reserviert, und zwar für den „good price, my friend“, und so kam es, dass wir im strömenden Regen bei Nacht auf einer verlassenen Kreuzung ankamen, wo ein Taxifahrer auf uns wartete, der uns weder Gepäck abnahm, noch begrüßte. Als er Ersteres dann in einen überfluteten (keine Pfütze, my friend) Kofferraum schmeißen wollte, bin ich kurz ausgerastet und wir verfluchten ihn die komplette Fahrt lang auf deutsch. In Cascad d' Ouzoud angekommen, wurden uns folgende Dinge angepriesen: Die beste Tajine überhaupt (schmeckte nach rein gar nichts), ein Hammam, welches sich als einzelner Duschschlauch in einem leeren, gefließten Raum entpuppte und musikalische Untermalung des Abends, proudly presented by Zahnlücken-Cowboy Isham. Wir täuschten eine exorbitante Magen-Darm-Erkrankung vor und flüchteten zu Abdul, in sein kleines, aber feines Hotel, welches direkt an den Wasserfällen lag.
Daraufhin erst einmal eine Wanderung, bei der wir ab und an vom Weg abkamen. Entschieden haben wir uns dann eher doch für die Klettertour, barfuß durch Flüsse und vorbei an einer halb verwesten, uns entgegenreckenden Ziege. Abdul erklärte uns später, dass diese Schlucht normalerweise nur mit erfahrenen Bergführern bewandert werden würde und wir Großes geleistet hätten. Aha.

Der weitere Plan war, einen Tag später den Nachtbus nach Rissani, also in die Wüste, zu nehmen und was soll ich sagen, außer: Der Bus fuhr ab, jedoch ohne uns. Ein religiöses Fest, bei dem schätzungsweise alle Schafe des Landes geopfert wurden, lies Land und Leute (auch Sofas) zu den Familien reisen und hielt für uns nur den Gepäckraum des Busses als großzügiges Angebot bereit. „Die hätten uns da bestimmt was reingebaut“, meinte der Andere wehmütig, während der Bus abfuhr und ich ihn mit bösen Blicken und Tränen in den Augen strafte. So blieb uns nur die Option, die ganze Nacht in einem kalten, stehenden Bus zu schlafen, weil der Nächste erst wieder um 5h morgens fuhr und alle Hotels überfüllt waren (das Schaffest, ich verstehe).

Nach dieser weiteren Odysee kamen wir fix und fertig in Merzouga an, ein Camp vor den Toren der Sahara, wo leider die größte finanzielle Abzocke des Urlaubs auf uns wartete. Zuerst aber ritten wir auf Dromedaren in die Dünen, überwältigt von der Wüstenschönheit konnte ich auch kurz die unglaublichen Schmerzen verdrängen, die so ein Ritt mit sich bringt.
Dort verbrachten wir den Abend mit zwei weiteren Touristen, darunter Anthony, dessen staubtrockener (siehe Wüste), britischer Humor ein großes Highlight der letzten Tage für mich war.
Als wir nachts im Beduinenzelt Zeugen einer sexuellen Belästigung einer Mitreisenden wurden, packten wir am nächsten Tag unsere Sachen und ritten zurück zum Camp. Zwei Stunden lagen vor uns, in denen wir ernsthaft darüber debattieren mussten, dass nach so einem Vorfall nur eine Lösung für uns in Frage kam: Geld zurück, und zwar alles, auch, weil wir am Abend in der Sahara noch von den Engländern erfahren hatten, wie viel mehr wir bezahlt hatten für weniger, als tatsächlich geleistet wurde. Dass eine Amerikanerin, die wir kurz danach noch kennenlernten, das 6-fache von unserem Preis für die Hälfte des zeitlichen Aufenthalts löhnen musste, brachte das Fass zum Überlaufen und für mich war Polen offen – auch in der Wüste.
Das Ende vom Lied: Nur das Geld der Mitreisenden fand seinen Weg zurück in ihren Geldbeutel, plus eine Taxifahrt nach Marrakech hatten wir bezahlt bekommen – der Anfang vom Ende.

Mein Fazit? Ich habe große Probleme mit Marokko, auch wenn ich mir versuche vorzustellen, dass sich dieses Land von einer besseren Seite zeigen kann.
Die Frage, die ich mir allerdings nebenher die ganze Zeit stelle, ist die: Wo sind all die Frauen, die all diese Männer auf die Welt gebracht haben? Eventuell auch mittlerweile jenseits von Afrika?

© 2012 Ani

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Von Spülmaschinen und Zeitzonen

Ich bin echt nicht gut im Verabschieden. 


Und während ich das schreibe, frage ich mich, was das eigentlich heißt, „nicht gut sein?“ Ist es also nicht gut, wenn Sturzbäche fließen, während man sich in den Armen liegt? Eigentlich doch ein schönes Kompliment und trotzdem habe ich bei meinen emotionalen Ergüssen meistens das Gefühl, es würde mein Gegenüber noch mehr stören, als mich selbst.

Na wie auch immer. Heute habe ich den Anderen verabschiedet, es sind keine Tränen geflossen, zumindest keine, die er sehen konnte (folglich ist die Existenz derer absolut unklar), denn ab dem Zeitpunkt, ab dem wir merkten, welch Untergangsstimmung wir da zusammen hochbeschworen, mussten wir wieder lachen. Trotzdem machte es mich nachdenklich an vergangene Aufbruchsstimmungen und ich habe ein bisschen darüber sinniert.

Abschiede sind meist schwierig. So an sich, meine ich. Es ist doch ziemlich egal, für wie lange man „leise servus sagt“ (das wusste schon der gute Peter Alexander), in eine leere Wohnung kommt man so oder so erst mal zurück. Wenn man derjenige ist, der den Anderen verabschiedet, schwingt immer ein bisschen Wehmut mit. Unter Umständen ist man derjenige, der die Heizung zum ersten Mal in diesem Winter aufdreht, während der Andere schwitzend durch den Orient stapft. Oder man spült das Geschirr vom Vorabend und möchte die Zeit zurückdrehen, bis einem lächelnd einfällt, dass die Zeitverschiebung ihr Übriges tut und man nun tagelang vorausrennt. Nervt, braucht kein Mensch.

Vielleicht sollten sich Exemplare mit emotionalem Hintergrund (Frauen) beim Abschied sagen, dass dieses Wort nicht bestehen würde, gäbe es das Wiedersehen nicht. Nach vorne schauen, statt aufs dreckige Geschirr, Vorfreude statt Sehnsucht. Tendenziell graben wir aber viel lieber in der Vergangenheit, als in die Zukunft zu blicken, oder – Achtung, jetzt kann es unbequem werden – in der Gegenwart zu bleiben. Warum? Ist es so denn etwa einfacher?

Auch ich tue mir schwer, in dieser und in mir zu ruhen. Ich bin der Typ Mensch, der abends den nächsten Tag durchgeht, entweder, weil es mir davor graust oder ich mich immens darauf freue. Deswegen weiß ich auch jetzt schon, dass ich dreimal neu- und umpacken werde, einfach nur, weil es so Spaß macht zu wissen, dass man das Wiedersehen bald vor sich hat und die Freude darauf durch stundenlanges, äußerst sinnloses Packen ins Unermessliche treiben kann (brauche ich ein Cocktailkleid in der Wüste? Sicher ist sicher.)

Dieser gegenwärtige Abschied ist für mich eine Lektion fürs Leben. Um mir vor Augen zu halten, dass ich jemanden – und nicht nur einen Menschen – habe, dessen Abschied mir nahe geht. Dass ich das Privileg habe, darum gebeten zu werden, jemanden bis zum Abflugsteig zu begleiten. Dass ich mein leeres Bett zu schätzen weiß, eben weil ich normalerweise nicht alleine einschlafen muss oder will. Dass ich das Bild, wo die Blicke sich trafen und nichts geredet, bis das Schönste überhaupt gesagt wurde, in mir einschließe und trage. In der Gegenwart.

Das mag unglaublich kitschig klingen, vielleicht manchen zu ehrlich und zu nah. Aber ich kehre nur das Innere von uns allen nach außen, es geht uns allen doch gleich.

Und wenn ich dann daran denke, wie bei „Love actually“ die Ankunftshalle von London Heathrow gezeigt wird, wo sich Menschen aller Kulturen in den Armen liegen, dann kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als regelmäßiges Verabschieden. Weil wir wissen, dass das Wiedersehen unbezahlbar ist. 

Neuerdings praktiziere ich dieses übrigens ein bisschen emotionaler, als man es üblicherweise tut. Manche schließen die Tür auf, murmeln eine Begrüßung und geben sich allenfalls einen flüchtigen Kuss. Ich lege da jetzt eher so ein Hollywood-Ding aufs Parkett, halte den Anderen lange im Arm und rede mir ein, gerade von einem 3-wöchigen und äußerst waghalsigen Auslandsaufenthalt zurückgekommen zu sein. Hach, so ein bisschen Dramatik braucht‘s ja dann auch wieder, wenn es an räumlichen Trennungen fehlt. 
Oder für den Fall, dass man einfach an jedem Tag anerkennen will, welche Schätze man um sich hat, als immer zu erwarten, vom Leben darauf hingewiesen zu werden. Durch Abflughallen, Bahnhöfe – oder zwei dreckigen Tellern, statt einem.
© Ani 2012