Dienstag, 29. November 2011

Ich springe. Und freue mich, wenn jemand mitspringt.


Wenn ich in den Himmel schaue und ein Flugzeug sehe, frage ich mich immer, wohin es fliegen wird. Immer. Und jedes Mal merke ich, dass ich drin sitzen möchte, egal, wohin es fliegt.
An einen Ort zu fliegen, wo man einfach nur sein kann – 



Jetzt, wo die Weihnachtszeit beginnt, fange ich an darüber nachzudenken. Dieses vergangene Jahr war für mich (und für viele andere auch) das turbulenteste Jahr in meinem ganzen Leben und ich kann nicht mal sagen, ob ich es schlimm fand. Es gab so unendlich viele Entscheidungen zu treffen, dass ich an einen Punkt kam, an dem mir die Letzte behutsam aus den Händen genommen wurde.

Ich habe meinen Abschluss Ende letzten Jahres gemacht und stelle mich seitdem jeden Morgen einem freiberuflichen Dasein. Es war mein größter Traum und ich bereue nichts, keine Entscheidungen, die ich getroffen habe oder sinnlose Montage, die ich im Bett verbrachte, weil es nichts zu tun gab. All das macht doch nur reifer und wenn man mal weiß, was man nicht will, dann kommt man irgendwann auch da an, wo man tief durchatmet, weil man weiß, was man will.

Mir wurde dieses Jahr das Herz gebrochen und trotzdem ist es immer wieder ein kleines Wunder, wie es sich selbst zusammenflickt. Im März habe ich mich gezwungen gefühlt zu entscheiden, dass ich der partnerschaftlichen Liebe erst einmal den Rücken kehren muss. Was sich dermaßen beschissen anfühlt, um es mal ganz unpassend auszudrücken. Daraufhin bin ich drei Wochen nur gelaufen, dem Meer und der Sonne entgegen und hab trotz aller Tränen zurück zur Liebe gefunden – sie war überall: im Sonnenaufgang über galizischen Bergen, in Gesprächen, im Wein und in länderübergreifenden Freundschaften, von denen ich weiß, dass sie noch lange halten werden. Ich habe sogar gelernt, mit meinen Blasen an den Füßen zu reden und zumindest Freundschaft  mit ihnen zu schließen – bringt ja nichts und außerdem soll man sich doch sowieso immer mit seinen Feinen verbinden. Die sind wenigstens ehrlich.

Im Sommer musste ich dann wiedermal entscheiden, eine Entscheidung, die man niemandem wünscht. Doch man muss und man trifft sie auch und letzten Endes hat man doch das Gefühl, dass sie jemand anders für einen gefällt hat – und alles schaut wieder ganz anders aus.

Nun neigt sich das Jahr mit einer Explosion dem Ende zu, ich habe gegen erneute Entscheidungen wie blöde angestrampelt und mich gewehrt, bis ich zum ersten Mal erleichtert war, dass da wirklich jemand ist, der einem die Tragik aus den Händen nimmt und einen selbst in den Arm.

Alles in allem habe ich dieses Jahr jedoch auch die erstaunlichsten Menschen überhaupt kennengelernt. Menschen, mit denen du  die allseits bekannten Pferde stehlen kannst, mit denen du nächtelang einfach durchlachen kannst, mit denen du Gloria Gaynor-Songs beim Karaoke grölst. Menschen, die dir genau das sagen, was du hören musst. Menschen, die dich auf der Straße erst anlächeln, dann ansprechen.  Die herzlicher zu dir sind, als Teile deiner eigenen Familie. Die sich ins Flugzeug setzen, nur um dich zu sehen. Und zu guter Letzt Menschen, die mehr in dir sehen, als du selbst und sie dir deswegen die Chance geben, von der du so lange geträumt hast.
Wegen all dieser tollen Leute stehe ich nun Ende des Jahres zwar ziemlich geschafft, aber glücklich da und ich bin bereit  zu springen. Ins neue Jahr. Ins Risiko. Ins Flugzeug. 

- Für Mama und Papa -
© Ani 2011

Sonntag, 20. November 2011

Omi, erzähl doch mal!

Heimaturlaub bei den Eltern auf dem Land bedeutet für mich, dass ich so gut wie nie meine Schlafanzughose ausziehe – auch nicht zum Auto fahren – , dass ich mich tagelang nicht schminke, dass ich statt zu duschen, mich in die Badewanne lege (auch im Sommer), dass ich nonstop esse und es genieße, durch das sehr zu wünschen übrig lassende TV-Programm zu zappen – ich selbst besitze nämlich keinen.

So schön es auch ist, seine Familie um sich zu haben, so oft finde ich mich nach ein paar Tagen aber unruhig durch die Wohnung laufend wieder, werfe mich von einem Sofaende zum Anderen und telefoniere stundenlang – mit meinen Freundinnen in München.
Da meine Mutter kürzlich Geburtstag hatte, gab es am folgenden Sonntag Kaffeekränzchen mit Oma und Opa, was eine so wichtige Institution in meinem Leben ist, wie das Amen in der Kirche. Bester Bio-Aldi-Kaffee in Kombination mit Pralinen und Kuchen aus der feinsten Kleinstadt-Patisserie, selbst da schlägt dann doch mein Herzilein pro Heimat!

Meine Oma, welche ich sehr für ihren Humor, weniger für ihre Erzählungen der Wir-hatten-damals-gar-nichts-Geschichten schätze, krönte das Ganze dann in folgender Konversation:

„Bist du gut beschäftigt, wenn du zu Hause bist?
„Ach, naja, geht so.“
„Na, wenn du mal den Richtigen hast, wirst du beschäftigt sein.“
„Den richtigen was? Mann!?“
„Freilich! Für dich gibt’s auch jemanden!“

Schluck. Ich beschloss nicht auszuholen und von meinen nennenswerten, sowie nicht nennenswerten Eroberungen zu erzählen. Sicherlich unglaublich süß gemeint, brachte es mich doch wiedermal zum Nachdenken, bin ich doch schließlich der Meinung, dass bei sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten (umliegende Exemplare ausgeschlossen, sollten aber vielleicht nach eher interessanten Single-Jahren demnächst mit einbezogen werden) es mehr als einen Richtigen gibt. Und wenn man schon mal dabei ist: was oder wer ist denn schon richtig für einen?

Weiter ging es in der gemütlichen Dialekt-Runde mit himmlischen Anekdoten aus Kindheitstagen meiner Mutter und dem dazugehörigen, fabelhaftem Wortspiel, dass die betreuende Internatsschwester meiner Mama Schwester Devota hieß – Gott habe sie selig . Denn während sie eher der herrschsüchtigen Gattung entsprang und ihr meine kleine Mama daher zu rebellisch war, sorgte sie wohl eher kaum mal dafür, ihrem Namen alle Ehre zu machen. Ob man da im Vorfeld durch kontrollierende Namensgebung schon mal dem Temperament entgegen wirken wollte? Man weiß es nicht und wenn Schwester Devota sich so wenig mit Latein beschäftigte, wie ich mit fettarmem Käse, dann weiß sie es leider auch nicht.

So neigt sich auch dieser Ausflug ins Grüne dem Ende zu und ich kann es kaum erwarten, dreckige Großstadtluft zu schnuppern.  Bis dahin rege ich mich ein bisschen darüber auf, dass die Geschäfte um 18Uhr schließen, dass meine geliebte Oma behauptet, ich würde nie etwas zu essen bekommen und dass diverse andere Familienangehörige selig bei Rosamunde Pilcher in Traumwelten hinabtauchen. Da gibt es übrigens immer eine Hauptdarstellerin, die so aufgesetzt nicht devot sein möchte, dass es weh tut und doch immer wieder den richtigen Mann für’s Leben findet. Seufz.
© Ani 2011

Dienstag, 15. November 2011

Anleitung zum Umgehen von Wänden

 Niels Frevert – Ich würd dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn’s nicht meine ist

„Es schlägt Mitternacht über den Sümpfen
 Du gehst mit einem Spaten voran
Und ich in nassen Strümpfen“

Wer trocknet dann meine Socken zuhause? Kommt überhaupt jemand mit nach Hause?
Ich bin verwirrt, verzweifelt, von Lethargie übermannt und dann doch wieder gebeutelt von Lachanfällen.
Wer ist da, in all diesen Situationen?
Es gibt Tage, an denen tun sich Abgründe auf und während diese sich auftun, scheint die eigene Welt unterzugehen.

Ich selbst war erst in so einer Situation. Ich habe mein Handy auf lautlos gestellt, ich habe die Decke bis ans Kinn gezogen und an die Wand geschaut. Wohl stundenlang, weil es Momente gibt, in denen kein Anruf etwas bringt. Keine besänftigenden Worte, keine Umarmung - nichts hilft und schon gar nicht die Frage nach einem Kaffee. Tja, manchmal fordert man wohl die ganz harte Tour.

Trotzdem macht man meist alles falsch, findet man sich in solchen Momenten wieder. Hat man ein Problem, fängt man an zu googeln und hat danach noch hundert Probleme mehr. Keine gute Idee und trotzdem lässt man die plagenden Gedanken einen von innen durchdringen.

Erst im Nachhinein laufen einem oft Tränen der Erleichterung über das Gesicht, man erzählt seinen besten Freunden davon und gesteht sich ein, dass man halt irgendwie doch hätte anders handeln können.
Ich weiß nicht, wie du so tickst, lieber Leser, aber ich bin ein Mensch, der Extreme anzieht oder von Extremen angezogen wird – zweites ist passiv und somit kann ich ein bisschen Verantwortung von mir schieben.  Jedenfalls, um mal auf den Punkt zu kommen:  wird es lahm, dann tue ich irgendetwas –  nein,  ich lasse etwas zu - , was  die ganze Langeweile aus meinem Leben katapultiert und mich hineinwirft… in andere Zeitzonen, in fremde Arme, in neue Umlaufbahnen oder doch nur nächtelanges Warten auf Perfektion.

Doch wenn dann Momente kommen, die einen ausbremsen, dann sollte man vielleicht wirklich still stehen. So für ne  Zeit lang, bis alles wieder gut ist, sich nicht mehr das Gedankenkarussel dreht, sondern einfach wieder die Lust am Erleben. Doch solange eben nicht alles gut ist, sollte man wirklich jemanden haben, der die Leiche mit einem zusammen verschafft. Nachtaktionen sind die Impulsivsten, meist auch die Dümmsten, oft aber die Hilfreichsten.
Ich behaupte, dass die Menschen, die am wenigsten reden und zugeben, was wirklich nicht passt, schwächer sind als die, die mal zum Telefon greifen und sich einen Hilferuf gestatten. Zur Unsicherheit zu stehen ist definitiv schwieriger, als an Wände zu starren, denn reden schafft Realität. Und andere Meinungen zu sammeln schärft den Weitblick und zwingt zum Nachdenken. 

Doch was tun, solange man das stille Dasein bevorzugt, was hilft, wird man sich da einig? Wie wäre es mit: dem Internet und überflüssigen Blogs den Rücken zuwenden und anstelle dessen alles tun, was einem zur wichtigsten Emotion im Leben zurückbringt: zum Lachen.
© 2011 Ani

Sonntag, 6. November 2011

Pour toujours... Paris.

Dass Paris eine umwerfende Stadt ist und allen voran die Stadt der Liebe… tja, dafür braucht man kein Franzose zu sein, um das zu wissen. Dass aber immer im gleichen Atemzug gesagt wird, dass einfach die vielen Franzosen in dieser Stadt nerven, ist eine augenzwinkernde Tatsache, für die man nicht wirklich Deutscher sein muss, um das zu wissen.

Dass mein Urlaub sich zu etwas gewandelt hat, was ich gar nicht greifen kann und es trotzdem keine Angst macht, hätte ich niemals gedacht. Man kann ja schließlich auch mal an einer Ampel an der Bastille angesprochen werden und dann macht es halt klick.

Diese Franzosen sind schon ein Völkchen für sich. Sie sind von sich selbst überzeugt, sie sind egozentrisch, sie haben meist einen fiesen Akzent, der es unmöglich macht, ihr Englisch zu verstehen – sollte man überhaupt das Glück haben, dass sie mit einem in einer anderen Sprache als Französisch kommunizieren.
Das alles kann ich bestätigen und doch schmunzle ich vor mich hin, denn neuerdings finde ich das tausendmal mehr charmant, als arrogant.

Ich habe mich in diese Stadt zum zweiten Mal verliebt. Nein, falsch. Beim ersten Mal war es Blickkontakt. Beim zweiten Mal war es Liebe auf den allerersten Blick. Dieser warme November, das Licht in den Straßen, die vielen Cafés, die unverschämten Preise, die sie sich leisten (können). Der Sing-Sang in den Straßen, das australische Pärchen, das neben mir im Restaurant saß und schon vor 26 Jahren seine Liebe in Paris gefeiert hatte… wie kann man sich in dieser Stadt jemals streiten, fragte ich mich. Und im gleichen Atemzug dieser Gedanken klingelte mein Handy, weil ich das Glück hatte, den charmantesten und witzigsten Pariser kennengelernt zu haben.
Paris, das ist für mich seit einer Woche nicht nur die plakative Stadt der Liebe, sondern viel mehr. Die Stadt der Spontanität, der Gastfreundschaft, der Geselligkeit und des Lebens. Noch niemals zuvor wurde ich so herzlich aufgenommen und an die Hand genommen, weil die Stadt dunkel wurde und ich mich bewusst fallen lies.
Als ich mitten in der Nacht beschloss, aufzubrechen, krönte meine Taxifahrt alle meiner 48h-Erfahrungen. Glücklich grinsend saß ich auf dem Rücksitz und wurde durch die nächtliche Stadt gefahren, über den Place de la Concorde, vorbei am Arc de Triomphe, angehalten kurz vor dem Eiffelturm, noch schnell den Nachtwächter aus dem Bettchen gescheucht und herzrasend ins eigene Nest geplumpst.
Dich gebe ich nicht wieder her.

Nun sind für mich Franzosen die Sorte von Menschen, die sich zwei Tage später ins Flugzeug setzen, nur um dich zu sehen. Die dich verschlafen anlächeln und im perfektesten Akzent sagen: "Du bist eine kleine Kartoffel." Oder "Lebküchen".

Wenn jemand anfängt, über diese eigenartigen Pariser zu lästern, dann werde ich mich von nun an immer räuspern und sagen: „Entschuldigen Sie, aber ich kenne da ein Mädchen, dessen Geschichte ich Ihnen gerne erzählen würde… vielleicht bei einer Tasse Kaffee und einem Croissant?“

Ich freue mich auf dich, Paris, mon amour.


© 2011 Ani

Sonntag, 23. Oktober 2011

Der Nachthimmel hängt voller Breakbeats.

Wie oft geht es dem Durchschnittsdeutschen auch so, dass er am Wochenende, das heißt wahlweise Samstag oder Sonntag aufwacht, und sich einfach nur denkt:
Uh.
Oder: huch.
Also ich kenne das ja schon ab und an. Nach dem Aufwachen meiner letzten Partynacht dachte ich mir jedoch eher so: eh?

Denn was ich in meiner Handtasche fand, war ein Zettel mit komponierter Musik und ich erinnerte mich sofort an den Typen, der mir das mit den Worten „kannste behalten“ in die Hand gedrückt hat. Wir haben vorher kein Wort ausgetauscht, nein, eher hatte ich ihn unbeholfen angegrinst, da er seinen großen, massigen Körper kaum noch balancieren konnte.
Nachdem ich den Zettel studierte und das ganze schon triumphierend und leicht romantisch auf meiner „To-do Liste in Life“ unter „einen Song für sich schreiben lassen“ abgehakt hatte, beschlich mich die Angst, er wäre ein großes Talent und bräuchte genau den Teil für seinen Durchbruch. Meine Freunde bestätigten das natürlich sofort. Also lief ich durch die Bar und suchte – und fand ihn – am DJ-Pult, wo er die Noten doch tatsächlich dem DJ verticken wollte. Hauchte er ihm wohl dabei auch ein „kannste behalten“ ins Ohr? 
Als er mich angrinste und sagte „sind Sommerferien, schreib danach was neues“ nahm die Ernüchterung seinen Lauf und fand ihren Höhepunkt darin, dass meine Freundin mich auf die Überschrift der Noten aufmerksam machte:
Breakbeats (shuffle).

Na da. Bin stolze Besitzerin von Breakbeats. Bin darüber weder shuffled, noch amused. Obwohl… witzig ist es ja schon. Hake ich es halt auf meiner anderen Liste ab. Die Liste heißt übrigens: „muss nicht sein, bereichert aber immens.“ Komischerweise ist sie länger, als die andere.

Der deutsche Künstler-Mann ist ein absolutes Phänomen. Verschenkt Kunst statt Herz und hat auch sonst nicht viel zu geben, weil er es lieber für sich behält.
Und im Radio läuft auch noch Duran Duran. An solchen Stellen sagt meine gute Freundin ja immer, dass man statistisch gesehen

1. Im Nachtleben niemanden kennenlernt, den man danach wirklich auch kennenlernen kann und, dass (und das kostet mich wirklich Überwindung, hier niederzuschreiben)

2. Der zu kennenlernde Typus doch eher Typ-BWL statt Typ-Nerdbrille mit Wuschelhaaren sein sollte. Auf letztere sei nämlich einfach kein Verlass. Außer vielleicht auf ihre Breakbeats.

Aber das ist wieder ein ganzes anderes Thema.
© 2011 Ani

Ein kalter Kindergarten-Krieg.

Was mich beschäftigt ist so hochexplosiv, dass ich es kaum wage, in die Tasten zu hauen.

Was verboten ist, das will man. Und was man kriegt, das will man nicht. 

Eine so alte Aussage, die mich nie wirklich beschäftigt hat, habe ich doch als liebenswertes Einzelkind immer alles bekommen, was ich wollte. Manchmal bevor ich wusste, dass ich es wollte.

Doch neuerdings ist das anders. Man wird mehr als spontan und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Erwachsenen-Sein geschmissen, man findet sich in seinem ersten, eigenen Apartment wieder und sobald die Anfangseuphorie vorbei ist, klingelt leider nicht der Milchmann, sondern der GEZ-Mann.

Man sieht den Tatsachen ins Auge, bald seine erste Steuererklärung machen zu müssen und man findet sich alleine in Yoga-Kursen wieder, weil man gesund und städtisch sein will, aber gleichzeitig ist man doch immer noch das kleine Mädchen, das verschüchtert in der Ecke steht.

Früher war halt alles früher, die Weisheit aus meinem Elternhaus. Hilft nichts, man will ja auch die Schattenseiten, damit man seinen Enkelkindern was zu erzählen hat.
Dass man Dinge möchte, die man sich bis dato nicht leisten kann, ist eine Sache. Dass man Dinge will, die verboten oder moralisch verwerflich sind, ist eine andere.

Wie weit geht man im Leben, um glücklich zu sein? Was darf man und was nicht und wo ist die Grenze, die man einhalten sollte? Wie viele machen genau das, was sie möchten, obwohl ihnen jeder davon abrät? Und wo bleibt es die eigene Entscheidung für das eigene Leben oder wird zur bockigen Trotzentscheidung gerade, weil jeder mit dem Kopf schüttelt?

So allgemein diese Fragen formuliert sind, so treffend findet sie doch jeder in seinem eigenen Leben. Es fängt bei Kleinigkeiten an und hört bei gesellschaftlich diskutierten Problemen auf, z.B.: darf ich ein mir anvertrautes Geheimnis ausplaudern, um einer anderen Person zu helfen? Kann ich einen Mann küssen, von dem ich sicher weiß, dass er verheiratet ist? Soll ich endlich den Pelz-Laden ums Eck nachts verschandeln und somit ein Denkmal setzen? Dürfen, können, sollen – wo hört die eigene Verantwortung auf und wo fängt die des anderen an?

Bei dir ist immer alles so spannend. Ja, schon klar, Spannung ist super, gut für die Nerven, atemberaubend für die Figur und am allerbesten fürs Schreiben. Trotzdem findet man sich im Laufe hunderter Gewissensbisse und Grübeleien oft an einem Punkt, wo man sich an Kindergartentage zurücksehnt. Wobei da bei mir leider immer nur drei Erinnerungen sich ins Gedächtnis schleichen:

  • Dass ich aus Versehen eine Heuschrecke zerquetschte, als ich eigentlich versuchte, sie einzufangen und zu beobachten.
  • Dass ich mit meiner Freundin über eine Stunde vor dem im Kindergarten selbstgemachten Pudding saß und keinen Bissen aß, weil wir beide die Puddinghaut verabscheuten (und heute übrigens immer noch meiden). Sitzen bleiben mussten wir trotzdem, denn „nicht essen“ ist gleichzusetzen mit „ungezogen“. Dafür grinsen wir uns heute noch an, wenn wir einen Pudding vor uns stehen haben.
  • Ich die Rutsche auf dem Bauch liegend und mit dem Kopf voraus runtergerutscht bin und mich somit im Sandkasten mit einem vollen Mund herrlich-dreckigen Sand wiederfand.
Ich stelle fest: auch das Leben früher war nicht einfach, es war Kindergarten-Krieg der feinsten Sorte und man wurde mindestens genauso oft geschimpft, wahrscheinlich sogar noch mehr, denn heute wird man eher mit Kopfschütteln und Ignoranz bestraft.
Trotzdem lernt man nie aus. Beispielsweise will ich immer noch das, was verboten ist. Und das will ich so lange, bis ich es kriege und es danach nicht mehr möchte.

So ist das eben mit dem Erwachsenen-Leben.
(c) 2011 Ani

Dienstag, 11. Oktober 2011

Deutsche Sprache, verlässliche Sprache.

Als ich im Duden das Verb „verlassen“ nachschlagen wollte, fiel mir schnell auf, was für gegensätzliche Bedeutungen es hat. Grundsätzlich wollte ich eine schöne Definition bzgl. Freundschaft finden. Sich auf Menschen verlassen können, in jeglicher Hinsicht.
Doch wenn man vom Akkusativ in den Dativ wechselt, dann kommt dieses Wort hinterhältig aus einer dunkeln Seitengasse gehüpft und erinnert einen daran, dass man auf genauso hinterhältige Weise verlassen werden kann. Jedenfalls schlägt der Duden diese Variante vor.
Wie kann es denn bitte sein, dass dieses Wort so unterschiedliche Bedeutungen haben kann? Ich finde das verwirrend. Oder, dachte ich mir, hat es damit zu tun, dass man sich öfter mal auf die Intuition verlassen sollte (aha?), dass man früher oder später sowieso von dem einen oder anderen verlassen wird?
Grübelnd saß ich da und versuchte mein Gespinst im Kopf zurecht zu spinnen, ohne mich weiter zu verzwicken.

Auf wen kann man sich also verlassen? Geistig zog ich meine Uroma zu Rate, die meiner Mama und somit auch mir immer geraten hatte, nicht mehr gute Freunde zu haben, wie man an einer Hand abzählen kann. Gut, damals im Krieg, da musste man schon aufpassen! Also darf man heutzutage so ein bis zwei  Menschen dazuzählen. Leise zähle ich ab und stimme schnell zu. Passt.

Auf was noch?
Mein persönlicher Guru sagt: sei dir selbst der beste Freund. Das finde ich auch unglaublich passend, schließlich trage ich selbst ja jeden Tag meine Probleme, meinen Speck, meinen Wirrwarr im Kopf und Herzen mit mir selbst herum – wow, jetzt merke ich erst, was ich mir da immer aufhalse. Ok, gebongt, ich habe gar keine andere Wahl, ich muss mir selbst die beste Freundin sein.

Und was ist mit dem anderen, mit diesem blöden verlassen werden? Statistisch gesehen trennt sich jedes zweite Pärchen innerhalb der darauffolgenden 18 Monaten. Schon seltsam und irgendwie auch passend, denn ich kann wirklich an einer Hand die Streitereien mit Freundinnen abzählen, während ich gedanklich zu der Göttin Kali mutiere, sobald ich versuche, die Auseinandersetzungen mit Männern erfassen zu können. Klar, macht Sinn,  da wir Frauen uns auf unser Recht verlassen können, gibt’s halt Streit mit den Männern.
 
Ich mag den Akkusativ lieber. Ich habe definitiv die 5+ Freunde, die ich nachts um 5 Uhr rausklingeln darf (ohne schlechtes Gewissen). Ich kann mich auch darauf verlassen, ab übermorgen bei Wein, Weib (Freundin) und Gesang in einem kroatischen Hafenrestaurant zu sitzen, eventuell darüber philosophierend, welche Freundin kürzlich mal wieder verlassen wurde. Oder sogar selbst verlassen hat? Dieses Wort hat es definitiv in sich.
Ein Beispiel zum Abschluss, welches Männer und das Verb vereint: wenn ein Mann krank wird, kann man sich immer darauf verlassen, dass er qualvoll stirbt, immer und immer wieder. Denn mein Vater liegt mit zwei gezogenen Weisheitszähnen zuhause und kann nicht sprechen. Meinen ersten Gedanken „wie angenehm“ schob ich schnell weg und schrieb ihm eine aufmunternte SMS: „Armer Papa. Kussi auf Zahni.“ Auf was ich mich verlassen konnte war, dass binnen Sekunden folgende Nachricht zurückkam: „Ich sterbe…“
© 2011 Ani