Montag, 1. Oktober 2012

Darf ich vorstellen: Der Unsympath


Wir finden jemanden sympathisch, wenn wir mit ihm auf einer Wellenlänge sind. Quasi einen Gleichklang ergeben, das sagt die Psychologie.

Hört sich hochtrabend an, ist aber im Grunde total einfach. Jemand betritt einen Raum, man schaut sich den Menschen an und hat dann innerhalb von drei Sekunden entschieden, ihn zu mögen oder nicht. Nettes Lächeln und Blickkontakt schreibe ich hier mal riskant auf die Seite „sympathisch“. Derjenige hat erstmal gewonnen.

Kommt aber jemand zur Tür herein, lässt den Blick nur über dich hinweg wandern, stellt sich also nicht vor und zeigt auch sonst keinerlei Interesse, dann muss diese Person männlich und äußerst attraktiv sein, denn in allen anderen Fällen (beispielsweise weiblich und äußerst attraktiv) hat derjenige, sprich diejenige, sofort verloren und dann kann es eine Weile dauern, bis man es sich anders überlegt.

Wir sind alle voller Vorurteile und das macht es beim Kennenlernen oftmals schwierig, denn so einige unserer Zeitgenossen bauen Mauern aus Coolness um sich auf, während das, was dahinterliegt, vielleicht genau die Wellenlänge wäre, auf der man selbst reitet. Dahinterzublicken ist eine Option, zu der wir aber meist keine Lust und zu wenig Zeit haben, es gibt zu viele von ihnen.
Also hangeln wir uns an Richtlinien entlang, beispielsweise guter Humor, die Fähigkeit, dem Gegenüber zuzuhören, Gemeinsamkeiten. Deswegen lernen z. B. Raucher im Schnitt viel schneller jemanden kennen, weil es mittlerweile anerkannte Raucherpausen in Büros gibt und auch vor den Bars tümmeln sich die Leidensgenossen – man hat gemeinsame Themen (Feuer, Wetter, Zigarettenmarke) und schwupps ist die Schnittstelle gemeistert. Stellt sich dann heraus, dass das Gegenüber aber trotzdem irgendwie doof ist, kann man sich weiterhin auf Small-Talk-Niveau unterhalten (Feuer, Wetter, Zigarettenmarke) und das für sich aus der Konversation mitnehmen, was wichtig ist (Zigarette schnorren).

Über Menschen, mit denen ich nichts anfangen kann, kann ich mich wenigstens exorbitant aufregen. Z. B. saß ich neulich in der S-Bahn und unterhielt mich angeregt mit einer Freundin am Telefon, von der ich seit Monaten nichts gehört hatte, als mich ein wildfremder Mann ohne „Entschuldigung“ zu sagen oder sich zu erklären, mittendrin anspricht und unterbricht. Nachdem ich kurz geantwortet , dies aber mit einem strafenden Blick unterlegt hatte, tat er es immer wieder. Frage mich bis heute, was der an mir wohl sympathisch fand, als er sich am Ende bedankte und mit einem Lächeln ausstieg.

Was ich auch ungemein nervtötend finde, ist, wenn jemand, den ich sowieso nicht mag, dann auch noch anfängt, eine Diskussion über meine eigenen Vorlieben zu führen.
Ein zeitgenössisches Beispiel: Vor einigen Monaten habe ich aufgehört, Fleisch zu essen – aus Gründen, die ich niemandem in der heutigen Fleischkonsumzeit eigentlich erläutern müsste.
Zum Verständnis möchte ich sagen, dass meine engsten Freunde Fleischesser sind und ich weder missioniere, noch im Stillen Tofu ins Essen schnippele. Sein eigenes Essverhalten soll, darf und kann jeder für sich selbst entscheiden.
Was mich aber so unfassbar uffrescht ist, wenn sich da jetzt jemand hinstellt und so dermaßen intelligente Sätze von sich gibt, wie „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“ (Achtung, alles lacht) oder, mein persönlicher Klassiker, „warum sollte ich auf Fleisch verzichten? Ist ja voll bescheuert!“ Da fange ich dann leider an, dezent von innen heraus zu schäumen und rot anzulaufen, denn nein, ich bin kein Übermensch und schaffe es trotzdem und nein, ich mache das nicht, weil mir langweilig ist und ich sonst nichts mit mir anzufangen weiß. Des Weiteren setze ich mich dir, du schlaues Kerlchen, auch nicht in Kambodscha am Tisch gegenüber und sage „Lass ihn dir schmecken, den kleinen Welpen. Vielleicht isst du ja heraus, dass er nur noch drei Beine hatte.“
Damit würde ich mich ja leider auf das gleiche Niveau begeben, also esse ich stillschweigend vor mich hin und wünsche mir so sehr die Eier(stöcke) zu haben, um einfach zu sagen: Es tut mir leid, aber du bist mir unsympathisch und das ist gar nicht schlimm, aber aus diesem Grunde bin ich an keinem Gespräch interessiert.

Ich gebe zu, ich bin schnell bei meiner Meinungsfindung. Und da auch ein bisschen radikal. Aber nur, weil ich das selbst oft erlebe und es ja nicht so ist, dass man diese nicht ab und an revidieren kann.
Meine Freundin wird regelmäßig auf den ersten Blick für arrogant gehalten – ein Mädchen, das keiner Fliege was zu Leide tun kann und mit ihrer Tollpatschigkeit so manches Herz zum Schmelzen bringt.
Eine andere Freundin hat mich monatelang argwöhnisch an der Schule beobachtet, sodass ich sowohl Angst vor ihr, als auch Respekt ihr gegenüber verspürte. Als wir dann zufällig ins Gespräch kamen und merkten, wie sehr wir uns mochten, schmissen wir kurze Zeit später eine Pyjamaparty.
Und wiederum eine andere Freundin trug jahrelang ihre Bibel mit sich, selbst übervolle Bars und Clubs hielten sie nicht davon ab, betrunkenen Menschen daraus vorzulesen. Auch wenn ich sie in dem Bezug für äußerst verrückt halte, so liebe und schätze ich sie dadurch umso mehr.

Was sagt uns das? Klar, es ist menschlich zu urteilen und Meinungen zu festigen, auch strahlen wir oftmals etwas aus, was wir gar nicht wollen.

Im Großen und Ganzen sollte man also natürlich dazu bereit sein, ein paar Minuten länger im Unklaren zu verweilen und sich erst dann eine Meinung zu bilden. Das ist schwer, vor allem, wenn ich schon beim Hände schütteln merke, dass das mit uns beiden nichts wird. Sorry.
Das eigentlich größte Dilemma stellt sich dann heraus, wenn der Unsympath #1 dich total nett findet und gerne mal mit dir einen Kaffee trinken gehen möchte – jetzt, wo man doch befreundet ist. Uff. Vielleicht erzähle ich ihm, ich würde nur grünen Tee schlürfen und Kaffee verschmähen?
Sollte das jetzt jemand unsympathisch finden, ist das ok.

Für Lisar, meine sympathischste Unsympathin.

© Ani 2012

Sonntag, 23. September 2012

Angsthase, Pfeffernase!


Ich verstehe das nicht.

Anders, ich verstehe sie nicht. Die Männer.

Lange Zeit habe ich eingesehen, dass wir Frauen durch die Bank komplizierter sind, als die Anderen. Schon klar, wir meinen ja, wenn wir nein sagen. Weil wir uns halt zieren und durchschaut werden möchten. Im Prinzip doch nicht so schwer. Wir können sehr launisch sein, wenn auch nur ein falsches Wort fällt, ach, es reicht schon eine Betonung, die sich um einen Halbton verirrt hat. Auch wahr: Frauen können im Sekundentakt ihre Meinung ändern und erwarten von den Männern, dass sie damit Schritt halten.

Gut ok, so ist es, das macht ja aber auch Spaß und das ganze Spiel interessant.
Aber neuerdings sind die Karten gemischt und die Männer fangen an, sich divenhaft zu benehmen. Es tut mir im Voraus um die männlichen Ausnahmen Leid, aber ich muss pauschalisieren, um das mal zu verdeutlichen, was ich gerade in großem Ausmaß beobachte.

Also, der Mann wird zur Maus. Da habe ich eine Freundin, die schier erobert wurde von einem Kerl. Er hat nicht locker gelassen, obwohl er wusste, dass sie noch so halb in einer scheiternden Beziehung steckte. Es folgten Dates, der perfekte Kuss zum perfekten Zeitpunkt (da hatte wohl jemand recherchiert) und darauffolgende Treffen, wie man sie sich vorstellt. Bilderbuchromanze.
Sie: Schweigt und genießt. Stellt keine unangenehmen Fragen, verzichtet auf Über-Emotionalität. Er: Kriegt Panik aus dem Nichts und lässt den allseits bekannten und meistverfolgten Satz des Planetens fallen - „mir geht das zu schnell.“ Huch? Moment, zurückspulen. Dem Mann geht es zu schnell, obwohl er ritterlich erobert hat, sich jeden Tag gemeldet hat und das Mädel kein einziges Mal nachhakte, was denn jetzt eigentlich das Ganze bedeute?
Tja, da kommt der Angsthase dahergehoppelt und nicht nur in dieser Geschichte, nein, auch in ganz anderen. Wir haben gelernt, keinen Druck auf Männer auszuüben, nicht loszuweinen, wenn unliebsame Sätze fallen und auch sonst lieber auf den Anruf warten und vergessen zu essen, zu trinken oder zur Arbeit zu gehen, als sich selbst zu melden. Wir halten alle Regeln ein, um dann am Ende zu hören, dass es zu schnell gehe, dass die Gefühle Angst machen würden, dass man sich so sporadisch melde, weil man sich ja sowieso schon vor dem nahenden Abschied fürchte.

Was ist denn bitte da los, wieso verkriecht sich die Männlichkeit derzeit in jeder noch so dunklen Ecke?
Natürlich gibt es Ausnahmen. Der ein oder andere von den Anderen wird jetzt laut schnauben und mit tausend Gegenbeispielen kommen, schon klar, aber die durchschnittliche Tendenz geht meiner Meinung nach zu einem Wort: Angsthasen.
Männer haben Angst vor Gefühlen, weil sie mal mit 15 Jahren von der Anneliese keinen Kuss bekommen haben und seitdem lieber vorsichtig sind und abends lieber gemütlich ein Bier mit dem Kumpel trinken, als auf Brautschau zu gehen. Männer haben Angst, sich zu binden, weil sie in dem Glauben leben, dass wir Frauen dann innerhalb der kommenden sechs Monate erwarten würden, dass Antrag, Haus und Kind folgen müssten – ohne Ausnahme und in genau der Reihenfolge.

Ich verstehe das nicht. Meine Freundinnen, die gerade diese Erfahrungen machen müssen, stehen da und fragen sich nächtelang, was sie denn ausgestrahlt haben, dass solche Geschichten immer wieder diese Wendung nehmen.

Es ist ja nicht so, dass wir diese Ängste nicht selbst kennen. Mit uns wurde z. B. schon per Skype Schluss gemacht, was definitiv mehr weh getan hat, als die Sache mit der Anneliese. Und trotzdem sagen mir aktuelle Beobachtungen immer wieder, dass Frauen in Sachen Liebe einmal mehr aufstehen. Ob wir nun allgemein mutiger sind oder wir uns evolutionsbedingt dauerhaft dazu angetrieben fühlen, den richtigen Mann zur Familiengründung zu finden, bleibt ungewiss.

Wenn man die Schlagworte „Männer Bindungsangst“ googelt, kommen 23.600 Ergebnisse, darunter Buchvorschläge (für Frauen, die einen Mann mit Bindungsangst an der Backe haben), Foreneinträge, wo man sich austauscht (Frauen, nicht Männer) und Artikel aus...? Genau, Frauenzeitschriften. Zufall?

Interessant. Ein Thema, das beide Geschlechter betrifft, aber nur von der weiblichen Seite thematisiert wird. Hat da jemand vielleicht Angst vor der Wahrheit?

Mein Anderer schaut ja neuerdings Sex and the City. Die Begründung liegt darin, dass er glaubt, mich dadurch besser verstehen zu können. Manchmal lacht er sogar und Mr. Big mag er. Klar, der hat ja sechs Staffeln lang Bindungsangst.

© Ani 2012

Freitag, 14. September 2012

Danke, du Depp!


Danke sagen ist manchmal gar nicht so einfach. Danke auch wirklich zu meinen, kann mitunter so manchen Zeitgenossen richtig nervös machen.

Für was soll ich denn bitte dankbar sein?

Jaja, das kennt man, das Leben ist gegen mich, nichts funktioniert, ich habe nur das, was ich unbedingt brauche und darüber zu reden, was ich möchte, damit fangen wir lieber gar nicht erst an. Huch, da wird aber ganz schön gemeckert, eigentlich erstaunlich, dass wir uns so oft in unseren Kopfwindungen verirren, aber trotzdem Raum zum Meckern da oben finden.

Neulich Abend saß ich da, schaute auf mein leeres Dokument auf meinem Bildschirm und versuchte angestrengt, nicht sauer zu sein, weil ich versetzt worden war. Ich versuchte das, weil sauer zu sein mir manchmal ganz gut in den Widder-Kram passt und ich aber neuerdings etwas Fabelhaftes ausprobiere: gelassen zu sein.
Jedenfalls kreisten meine Gedanken darum, dass ich versetzt worden war und sprangen dann aber immer wieder in eine kleine Hirnspalte, die ziemlich locker verkündete: na und?
Und da erinnerte ich mich an Zeiten zurück, an denen ich intensiv versuchte, meinen Abend auszufüllen, damit ich bloß nicht merken würde, wie traurig und unglücklich ich war. Weil ich wusste, dass die Tür heute Abend nicht aufgehen und jemand hineinschlüpfen würde. Also habe ich beschlossen, mich nur ein bisschen (und irgendwann gar nicht mehr) darüber aufzuregen, dass ich versetzt wurde, als mich damit auseinandersetzen zu müssen, dass überhaupt keiner nach Hause kommt.
Ist doch egal, wann und wie und überhaupt – so unterm Strich. Hauptsache ist, dass der, den du willst, irgendwann die Tür aufmacht. Weil er es will.

Wir sind schon eine anstrengende Spezies. Denn was wir Menschen unglaublich gut können, ist, die Unzufriedenheit an die Lebensumstände binnen kürzester Zeit anzupassen. Haben wir keinen Partner, wünschen wir ihn uns sehnlichst her und lassen dabei so gar nichts anbrennen. Da werden die New-Age-Bücher gewälzt und auch wird fleißig beim Universum der Traummann bestellt. Wir tanzen ums Feuer und reißen allen süßen Typen heimlich ein paar Löckchen heraus, um den Liebestrunk zu vollenden. Steht er dann vor uns, können wir es gar nicht abwarten, ihn zu verändern. Und sollte doch wirklich mal alles an dem Gegenüber passen, dann suchen wir wie die Deppen den Haken. Denn auch eine funktionierende Beziehung kann ja so un-glaub-lich schwer sein, denn dann fällt ja das Gewohnte weg, das einen so lange begleitet hatte: Misstrauen, Streitereien, Eifersucht. Schwierig, wenn man nicht vorgewarnt wird, dass man auf einmal in etwas steckt, was zu funktionieren scheint.

Suchen wir jahrelang den Traumjob, gibt es gute Gründe zu meckern. Unerfüllt zu sein und vielleicht sogar arbeitslos vor sich hinversauern, sind Zustände, die jeder als unangenehm nachvollziehen kann. Finden wir aber von heute auf morgen eine Beschäftigung, die uns vorkommt, als wäre sie für uns gemalt, quasi der Monet unter allen Seerosen, so stört uns da eben ganz schnell eine Kleinigkeit. Dass der Kaffee immer leer ist und der letzte Kollege nie Neuen aufsetzt. Dass die Trulla, äh Chefin, immer ein bisschen besser gekleidet ist, als man selbst. Jaaaa, die Kleinigkeiten machen's aus, das darf man nicht unterschätzen, denn wenn die sich summieren, dann ist schnell der Ofen aus, die Kacke am Dampfen, Polen offen oder wie auch immer das mit dem Affen heißt.

Bei mir war die letzten Tage ziemliches Chaos angesiedelt. Ich habe über diese neuen Wege meditiert, ich habe sie hin und wieder verflucht und auch aufgeschrieben, was mir alles nicht passt. Es hat sich nichts geändert. Dann habe ich versucht, das Positive daraus zu ziehen, das Chaos als Kreativität genutzt und innerhalb von zwei Tagen hatte sich das Blatt gewendet. Auf einmal boten sich mir neue Chancen und die Wege, die ich eigentlich gar nicht gehen wollte, schienen mir auf einmal wie Lichtungen, die vor mir strahlten und ich sie nur ergreifen musste.

Dankbar zu sein in einer konsumorientierten Luxusgesellschaft ist definitiv nicht das Einfachste. Darum berührt das Lächeln von Menschen in armen Ländern auch immer so sehr. Weil es ehrlich ist. Und weil es vielleicht einfacher ist, zu lachen, wenn man ganz unten ist und nach oben schauen kann, sehen kann, was es vielleicht doch noch alles zu entdecken gibt, als nach unten zu schauen und jeden Tag Angst vor der Fallhöhe zu haben: dem Verlust. Dem Versagen.

Meine Dankbarkeitsliste wächst. Manchmal muss ich mich überwinden, aufzuschreiben, dass ich sogar für große Hindernisse gerade dankbar bin. Aber rückblickend waren die großen Hindernisse in meinem Leben auch gleichzeitig die größten Chancen, aus dem auszubrechen, aus dem ich schon viel länger herauswollte, als mein Verstand es wusste. Mein Herz allerdings weiß immer im Voraus, wo es hin will. Dann kann es mit dem Danken ja doch nicht so weit her sein, das sollte ja schließlich von Herzen kommen.

Übrigens kann Dankbarkeit im Alltag auch sehr weiterhelfen und bereichern. Wenn der U-Bahn-Fahrer, der ja anscheinend grundsätzlich unzufrieden ist, eine ganze Minute zu früh aus dem Bahnhof fährt und dir, keuchend und freundlich wie eh und je, noch nett sagt, dass „das Leben eben so sei“, dann kann man sich in den 10 Minuten, in denen man auf die nächste Bahn warten muss, hinsetzen und sagen:

Danke, liebes Universum, dass du immer wieder so sau dämliche Menschen meinen Weg kreuzen lässt, damit ich 10 Minuten Zeit habe für mich und merke, wie schlau, freundlich, lebensfroh und bereichernd meine Wenigkeit für so viele Menschen ist, die gut und gerne auf mich warten und mich ein Stückchen mitnehmen.

© Ani 2012

Donnerstag, 6. September 2012

Bitte eine Sinnkrise und eine kleine Cola

Das Leben ist eine Baustelle.
Auf diesen unglaublich intelligenten, weil noch nie da gewesenen Satz, bin ich gekommen, als ich am Schreibtisch saß, aus dem Fenster schaute und auf einmal diverse Männer mit Werkzeugen in der Hand vorbeiliefen. Moment, dachte ich mir, ich wohne doch im fünften Stock. Quasi näher am Dach, als an der Straße.

Ach ja, richtig, die Bauarbeiten hatten begonnen. Während nun also gebohrt und gehämmert wird für läppische neun Wochen (plus minus, man weiß ja nie, wie es kommt im Leben), musste ich mir überlegen, entweder nicht mehr in Unterwäsche durch die Wohnung zu hüpfen oder den ganzen Tag im abgedunkelten Raum zu sitzen. Um mir für diese existenzielle Entscheidung ein bisschen Zeit zu nehmen, zog ich vorerst die Jalousien herunter. Ich war verwirrt, der Andere auch, der stemmt jetzt nämlich wieder Gewichte, denn die Bauarbeiter könnten ja oberkörperfrei und mit Cola in der Hand ihr Päuschen machen.

Ich schaue nach draußen.

Dann doch bitte das Oberteil anlassen, besten Dank, und weiter geht’s. Ach ja, wer reinguckt, der fliegt. Und zwar vom Gerüst – vielleicht sollte ich das kurz kommunizieren?

Jedenfalls haben diese netten Herren sich nicht nur mit ihren Werkzeugen in mein Hirn gebohrt, sondern auch ein paar Gedanken ins Rollen gebracht.
In allen Leben, die mir so über den Weg spazieren, wird gerade gebastelt und geheimwerkelt, was das Zeug hält. Während die Einen sich in einer Sinnkrise befinden und diese ausleben (ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll, ich glaube, ich promoviere einfach mal), rennen die Anderen davon, ihre Sinnkrise rennt keuchend hinterher (ähm, ich geh mal reisen, in Asien soll man sich mit Pilzen selbst finden können). Die Nächsten beenden im Schnelldurchlauf ihr Studium, nur um noch schneller die Stadt zu verlassen (als ob es woanders anders wäre) und dann gibt’s die, zu denen zähle ich mich gerade, die sitzen halt da und schauen aus dem Fenster und dann gucken sie in den Kühlschrank und dann öffnen sie auch mal die Tür und schauen da mal, ob was passiert. Manchmal muss man auch einfach mal warten, das ist teilweise eine gewisse Lethargie, die da gerade aus mir spricht, aber auch teilweise die pure Weisheit, jawohl.

Träumen, Schäumen, Plänen und Ideen hinterherzurennen, bringt manchmal gar nicht so viel. Das ist genauso, wie Krankheiten im Internet zu googlen. Du findest immer etwas, aber ob es das ist, was du finden wolltest, das ist die Frage. Und die Antwort dazu gibt es leider nicht bei Google, die findest du nur in dir, also abwarten und fest verwurzelt sitzen. Und atmen, das vergisst man ja auch ab und an.

Ich bin ja grundsätzlich pro Finden. Sich in sich selber oder wahlweise in jemand Anderem, wie dem auch sei, wenn man mal was gefunden hat, womit man leben kann und will, dann ist das ja wirklich was wert. Aber dieses ständige Herumwerkeln am Leben, sich schon fast selbst zerreißen, nachts nicht schlafen zu können, um dann morgens von der Baustelle des Lebens sanft wachgehämmert zu werden, das ist ja nichts auf die Dauer.

Wir. Sind. Generation. Sinnkrise. Aber Obacht, das kann ja auch was Gutes sein. Die Auswahl an Möglichkeiten ist unbegrenzt, nur bauen wir uns selbst unser kleines Gefängnis und sitzen da jetzt drin. Wir haben uns gegenseitig hochgepusht: Was ist mittlerweile ein Lebenslauf wert ohne Studium von Fächern, die sich kaum aussprechen lassen, Auslandsaufenthalt verbunden mit der Betreuung von 20 schwerst-erziehbaren Kindern, deren Sprache man nicht spricht, Praktikum im Forschungslabor inkl. Mitwirkung an der wissenschaftlichen Stagnation diverser Pharma-Unternehmen? Eben.

Ich glaube nicht an den Druck der Gesellschaft, ich glaube, der herrscht nur in einem selbst. Und da er in den meisten herrscht, herrscht er eben größtenteils in der Gesellschaft. Wir machen ihn uns selbst und dann schieben wir ihn nach draußen, weil es einfacher ist. Wäre man glücklich und zufrieden, egal, ob man seinen Job ausgezeichnet oder vielleicht nur mittelmäßig macht, dann transportiert man das nach außen, wird automatisch besser und die Gesellschaft hat einen lieb. Hört sich einfältig und naiv an, ja, das ist die Taktik von Kindern, aber wie es Kindern so geht und was deren Meinung über den Tag mit der Mareike im Kindergarten war, das muss ich jetzt nicht ausführen, oder?

Es sagt ja keiner, dass das leicht ist, zurück in die Kinderschuhe, die müssen ja erstmal wieder angepasst werden.
Die Umstände, also die Baustelle zu akzeptieren, ist höllenschwer. Ihr dann nicht den Rücken zuzuwenden, sondern auf die Ohropax zu verzichten, hinzuhören, was sie einem zu sagen hat, und dann danach sortieren, leben und weitergehen – das ist wohl die Kunst. Diejenigen, die das machen – und ich kenne Leute, die das können – die bewundere ich sehr. Mehr davon sollen es werden, am besten wir alle.

Ich schaue weiterhin aus dem Fenster und arbeite an meiner positiven Ausstrahlung (ich muss gerade sehr lachen). Aber ich arbeite dran. Im Sitzen. Und ich glaube dran.
Da, ein Bauarbeiter. Vielleicht setze ich jetzt mal ne Kanne Kaffee für die auf. Das macht sie bestimmt glücklich, verbessert mein eigenes Karma und ich bin mindestens zwei Minuten so intensiv beschäftigt, dass ich am Abend erzählen kann, welch großen Beitrag ich für die Gesellschaft heute geleistet habe.

© 2012 Ani

Donnerstag, 30. August 2012

10 Tage/ 5 Städte

Zehn Tage Roadtrip durch Deutschland inklusive einem Kurzurlaub in der Türkei gehen zu Ende. Jetzt sitze ich hier im Auto auf einem Parkplatz im hohen Norden und versuche, Revue passieren zu lassen, was da los war in den letzten Tagen.

Ich schlüpfte in so einige Rollen auf diesem Trip. Gestartet bin ich als Freundin, mit dem Auto nach Berlin, und habe mich dort wieder einmal mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass ich dieser Stadt leider herzlich wenig abgewinnen kann. Es sei denn, das große Jobangebot würde hereinflattern, in diesem Falle freunde ich mich natürlich auch mit Siedichum an, einer wohl wirklich existierenden Gemeinde in Ostdeutschland.

Von Berlin aus ging es in die Türkei, Verwandtschaftsbesuch. Und zwar nach einigen, vorangegangen Aufenthalten meinerseits in diesem Land, vor allem in einer Zeit, als ich aufgrund meines Niedlichkeitsfaktors (wo ist der eigentlich hin?) auf einem Markt gegen drei Kamele getauscht werden sollte. Verziehen habe ich das meinem Vater bis heute nicht so wirklich, daher auch hier schwarz auf weiß für alle, die es wissen wollen. Zwar habe ich mir sagen lassen, dass drei Kamele eine ordentliche Tauschpartie gewesen sein sollen, aber auch dieses Wissen kann meine Wunden nur vorübergehend notdürftig schließen.
Nun war ich also wieder einmal in diesem schönen Land, nur diesmal war alles anders. Mit Einheimischen den Alltag zu erleben, ist nun mal Gold wert. Küsse hier, Knutschereien da, man wird in die Backe gekniffen, auch mit 25, und man gehört zur Familie, auch wenn man unterm Strich ja gar nicht zur Familie gehört.
Ein Strandhäuschen am Meer, die Füße und Seele baumeln lassen, das kann schon was. Mein größtes Luxusproblem stellte wahrhaftig das Essen dar. Wir wurden dreimal am Tag nicht verwöhnt, sondern eher gemästet, alle paar Stunden erklang die glockenhelle Stimme der Babane, wir schauten uns an, dann unsere Bäuche, dann wieder in die Augen und sahen die schiere Verzweiflung des Anderen: Wie um Himmels Willen sollte man diese Massen an unfassbar gutem, türkischem Essen in sich reinstopfen, wenn man das Hungergefühl das letzte Mal in Deutschland gespürt hatte?

Egal, wir taten es einfach. Die Bäuche wuchsen prächtig auf den schätzungsweise 6. Monat an und legten sich neben uns abends ins Bettchen. Das Schicksal annehmen und akzeptieren lautet auch hier die Devise.

Weiter ging es in schöne Städtchen, in eine Großstadt, auf Märkte, wo Genuss und Ekel nah beeinander wohnten. Von Einkaufszentrum zu Einkaufszentrum wurden wir verwöhnt, verwöhnt, verwöhnt. Herr-lich, da wollte man gar nicht mehr zurück, nicht einmal angesichts dessen, dass es jeden Tag stolze 38°C gab, die uns schlichtweg verbrutzelten.

Mit unendlich vielen Klamotten, Souvenirs und noch warmem - weil frisch gemahlenem - türkischem Kaffee im Gepäck, ging es zurück nach Berlin. Nach dem turbulentesten Flug meines Lebens (atmen), wurden wir in der Hauptstadt mit angenehmen 15°C und Regen empfangen – ach ja, man freut sich eben immer, nach dem Urlaub wieder zu Hause im schönen Deutschland zu sein. Gott sei Dank wartete dort um 7Uhr morgens ein hübsches Bettchen in einer tollen WG auf uns, in das man einfach reinfallen und einschlafen konnte. Fabelhaft, diese Freunde auf dem Weg, diese Perlen am Wegesrand.

Nun war ich also Freundin, Halbverwandte, Flugbegleiterin gewesen. Was stand danach an? Ach ja, richtig. Coach und Beifahrerin auf dem Weg zu diversen Vorstellungsgesprächen. Was braucht man dafür? Ein Auto. Warum holt man dieses nicht pünktlich ab? Man weiß es nicht. Das Ende vom Lied: Wir stehen vor einer geschlossenen Autovermietungsfiliale, mit fünf Gepäckstücken und gebügelten Hemden in der Hand, mitten in Berlin. Abends. Wann und wo war nochmal das Vorstellungsgespräch? Richtig, am nächsten Morgen, ein paar läppische Kilometer entfernt.

Am Flughafen würde noch ein Auto für uns bereit stehen? Das ist ja nett, na gut, dann fahren wir doch nochmal da hin, war ja schön dort.

Imaginäre Vorstellungsgespräche auf der Autobahn Richtung Norden bei wunderschönem Sonnenuntergang können definitiv Spaß machen - meine persönliche Notiz am Rande für irgendwann. Auch, als wir an Herzsprung vorbeigefahren sind und ich dadurch an einen meiner Lieblingsromane erinnert wurde, wurde auch mir ein bisschen warm ums Herz, dachte ich doch, der Ort sei ausgedacht gewesen. Schön, dass es nicht so war.

Endstation ist noch nicht, heute Abend düst unser Vehikel noch nach Hamburg, dort schlüpfe ich in die Rolle der Cousine, mache meinen eigenen Verwandtenbesuch und freue mich, das Meer von seiner deutschen, untürkischen Seite zu sehen.

Am Ende gab es dann doch aber auch so einige Irrungen und Wirrungen, wir sind eben einfach doch in einem Alter der ausgeprägten Sturm-und-Drang-Zeit. Es entstanden Gespräche, die nur Nährboden hatten, weil man viel zu viel Zeit zum Grübeln hatte. Also fing man an, über Dinge zu philosphieren, letztendlich zu diskutieren, die im Alltag gar keinen Raum hätten. Wir aßen ohne Hunger, wir schliefen in den bequemsten Betten und manchmal auf Luftmatratzen. Auch erfuhren wir immenses Insiderwissen über Verschleißteile an U-Bahnen und wissen nun, wann man am besten schwarz fahren könne und wann man es lieber lassen sollte. Wir checkten in einem Hotel ein, was dann doch eher ein luxuriöses Hostel war, mussten für mich, weil zweite Person, auch noch extra zahlen, und wir klauten regelmäßig den Zucker auf den Tischen. Oder Nutella. Oder Marmelade. Heute morgen sogar Brot. Ich nicht, der Andere.

Nun geht’s nach Hamburg, die Perle, schön, wie die Geschichte sich schließt, wenn man bedenkt, dass die türkische Stadt auch als Perle bezeichnet wurde. Dort war übrigens beim Abschied einer der letzten Sätze, dass wenn ein Mädchen wieder mitgebracht werden würde, dann nur ich. Dann wurde in meine Richtung gedeutet. Und spätestens da schloss ich alle in mein Herz, die Perlen auf dem Weg.

© 2012 Ani

Montag, 20. August 2012

Ich habe heute leider keine Meinung für dich

Große Klappe, viel dahinter.

So manch einer erfüllt das ganz gut. Es gibt Menschen, die sind, wie sie sind und zwar immer. Egal, ob sie schwitzend im Anzug einen Vortrag halten müssen oder mit Freunden am Tisch sitzen und ein Bierchen trinken – sie haben immer die gleichen Witze und Anekdoten parat, tragen das Herz auf der Zunge und sind allseits beliebt – zumindest bei denen, die ehrliche Kritik vertragen können.

Und dann gibt es die Leute, die nicht nur verschiedene Outfits, sondern verschiedene Charaktere tragen. Manche dieser Gattung passen sich einfach so unglaublich gut an, dass man am Ende des Abends gar nicht bemerkt hatte, ob derjenige nun anwesend war oder nicht. Das sind Leute, die sich fortbewegen wie Amöben – schleichend und anpassend, die können in jede Ritze kriechen oder sich an Ecken und Kanten anschmiegen.
Faszinierend, wie sie wohl morgens vor dem Kleiderschrank stehen und sich überlegen, ob sie heute eher sportiv, modisch oder doch casual in den Tag starten – taddaa, ist das Outfit erstmal angelegt, da zieht der Charakter nach, die Amöbe startet in den Tag und jedem, dem sie begegnet, ist sie sympathisch – klar, sie stimmt ja meist überein, ist unkompliziert und wenn's Zeit wird, dann schleicht sie sich davon.

Es gibt neben den Amöben aber auch noch die stillen Wasser und es gibt, wie wir ja sowieso wissen, die lauten Wasser. Das ist ziemlich einfach gesagt und sehr pauschalisierend, ich weiß, ich weiß.
Die Basis dieser Lebenseinstellungen ist natürlich eine Frage des Charakters, aber ich wage zu behaupten, dass mit wachsendem Selbstbewusstsein auch eine deutlichere Meinung zum Ausdruck kommt. Klar, diejenigen, die am meisten rumnörgern und bei den anderen Menschen immer gleich den wunden Punkt suchen, finden und drin herumpieken, bis es jeden im Umfeld genauso schmerzt, haben einfach keine Eier(stöcke) und wollen sich nur davon überzeugen, dass ihr Gegenüber auch keine besitzt.

Also ja, wir alle kennen diese Ausnahmen, aber im Grunde ist es doch so: Jemand, der in einer Gruppe zu seiner Meinung steht, ist oftmals das Alpha-Tierchen. Derjenige wird angehört, man respektiert ihn und lässt das Gesagte oftmals nachschwingen, weil es einfach so präsent ist.
Die stillen Wasser haben oftmals genauso interessante Ansichten, doch dauert es viel länger, diese zu erfahren, bei manchen schafft man es nie, bis auf den Grund zu kommen. Schade, denn meistens verbergen sich in den Tiefen solcher Menschen die größten Schätze. Ein stilles Wasser kann faszinierend sein, aber wenn man eben am Ende des Tages immer noch nicht den Mund aufkriegt, schwindet ganz schnell das Interesse und man hält sich wieder an diejenigen, die einen leiten, selbst wenn sie es manchmal gar nicht bemerken.

So läuft es dann auch oftmals mit Entscheidungen ab. Während die ruhigeren, in sich gekehrten Gattungen vieles mit sich selbst ausmachen, ausharren, Pro-und Contra-Listen schreiben, ist der Mensch mit dem Herz auf der Zunge doch meist ein Schnelldenker, der letztendlich mit dem Bauch entscheidet, weil ihn das viele Abwägen zu sehr quält und dadurch nichts vorwärts geht.

Es ist wirklich schwer zu entscheiden, wann man wie reagieren sollte. Ist es immer sinnvoll, komplett authentisch zu sein, auch wenn man in dem Moment jemand Anderem auf die Füße tritt, dafür aber ein paar Lacher und Schenkelklopfer einheimst? Oder ist es durchaus angebracht, auch einfach mal die Klappe zu halten und erstmal zu sinnieren?

Ein treffendes Beispiel aus meinem eigenen Repertoire: Eines Abends in einer dunklen, schummrigen, zwielichten Bar (ich übertreibe), kam ein Typ daher, atmete tief ein und setzte zu seinem unglaublich galanten Anmachspruch an. Bevor er den Satz beendet hatte, sagte ich laut – jedoch mit einem Augenzwinkern - „Nein“, was die arme Amöbe so sehr verunsicherte, dass sie schleunigst von dannen zog. Kurze Zeit später pirschte der junge Herr sich wieder an, um mich darauf hinzuweisen, dass meine Art und Weise verletzend sei. Ich entgegnete daraufhin, dass das Nein ein Spaß war und er wohl keine Eier hätte (aha!), wenn ihn so ein kleines Wörtchen davon abhielt, mich weiterhin anzusprechen. Daraufhin ging die Amöbe in sich und stimmte kleinlaut zu.
Ich gebe zu, dass ich kurz überlegt hatte, ob das zu fies gewesen war, aber im Endeffekt war ich eine Frau und er ein Mann und während wir Frauen so manche Schwachstellen in der Evolution meistern mussten (und das immer noch tun), wollte ich erwarten, dass so ein Kerl auch mal die Chance bekommt, etwas zu lernen. Und seinen Beitrag zur verkorksten Paarungswelt leisten kann.
Abgesehen davon: Aus uns hätte nie etwas werden können. Dann lieber gleich den Bauch entscheiden und das Herz auf der Zunge sprechen lassen.

Jeder ist anders, keine Frage, und ich habe so manches stille Wasser in meinem Umfeld, was mich immer wieder erstaunt, wenn es dann auf einmal einen kleinen Einblick gibt und etwas sagt, was so unglaublich klug, überdacht und außergewöhnlich ist, dass ich diesen Menschen unbedingt um mich haben möchte, egal, wie lange es dauert, bis man wiedermal auf den Grund sehen kann. Diese stillen Wasser sind ja nicht automatisch Amöben und die Amöben sind nicht automatisch stille Wasser. Eine ziemliche Arbeit leisten allerdings beide, denn während das Wässerchen lange standhält, bis es etwas preisgeben möchte, schmiegt sich die Amöbe immer wieder neu an, passt sich an, verformt sich und hat in jeder Sekunde eine passende Meinung parat – nämlich meist deine Eigene.

Bleibt nur noch die Frage offen, ob die Amöbe letztendlich wirklich einen eigenen Standpunkt vertritt, aber das weiß wohl nur sie oder eventuell ihre Amöbenfreundin – es sei denn, sie stimmen überein, dass sie dies nicht wissen.

© 2012 Ani

Dienstag, 7. August 2012

Von Gegensätzen und Elefanten an falschen Plätzen

Ziehen sich Gegensätze wirklich an und wenn ja, wie weit kann man voneinander entfernt sein, um sich anzuziehen? Reicht es, nebeneinander zu sitzen? Oder erkennt man erst den Wert des Anderen, wenn er kilometerweit weg ist?

Die Einen sagen, Gegensätze ziehen sich an. Die Anderen sagen, dass man genügend Schnittfläche – also Gemeinsamkeiten – braucht, damit eine Beziehung funktioniert. Ich schwanke immer hin und her, so wirklich entscheiden kann ich mich noch nicht, vielleicht ist es ja eine Mischung? Eine Mischung aus Gegensatz und Gleichheit.

Der Partner meiner Freundin ist doppelt so alt, wie sie selbst. Reicht das, um Gegensatz zu sein oder ist das vielleicht sogar schon zu viel? Wenn ich anfange, beim Mädelsstammtisch herumzufragen und versuche, Meinungen über Themen einzuholen, dann stelle ich immer fest, dass jede meiner Freundinnnen die Dinge anders sieht. Und manchmal verwundert es mich ein bisschen, sind wir doch eigentlich uns allen so nah, so vertraut, so ähnlich in vielen Dingen - und dann doch wieder nicht?
Auf einmal stand ich da, im Kreise von tollen Frauen, von denen jede etwas Kluges von sich gab, etwas, womit ich teilweise gar nichts anfangen konnte und dann trotzdem merkte, dass es überlegte Worte waren, geprägt von Erfahrungen und Meinungsbildung.

Gegensätzlich zu sein, kann eine ziemlich heiße Angelegenheit darstellen. Es erzeugt Reibung und Spannung, doch es kann schnell passieren, dass die Vulkane überbrodeln und der Punkt kommt, an dem man auf einmal zu weit voneinander entfernt ist, um sich anzuziehen.

Und dann gibt es auch noch den Gegensatz zum Gegensatz: die Gleichheit, man kann sie auch Harmonie nennen. Zwei Menschen finden zueinander und funktionieren. Sie können unterschiedliche Interessen haben, aber die Schnittstelle am Ende des Tages, die ist sehr groß. Und dann? Während man sich darin einnistet, in diese Fast-Perfektion, hält das Leben einen Gegenpol bereit. Zumindest meistens, das Leben kann's halt. Wie folgt:

Als ich in schierer Überdrehtheit (Cuba Libre) vor mich hin sang (tüdelü), gedankenverloren (… meine Ohrringe sind so schwer) und pur glücklich, traf mich eine Nachricht, eine Neuigkeit, eine Veränderung, die mich schlagartig auf den Boden des Erwachsenseins zurückholte.
Ich atmete, hörte zu, sagte kaum was, sondern beobachtete, was die einfallenden Daten mit mir machten, mit meinem Verstand, meinem Köper, letztendlich vor allem mit meinem Herzen. Und dann fragte ich mich auch, wie ich noch vor zwei Jahren auf die gleiche Situation reagiert hätte... oder, wie meine Freundinnen darauf reagieren würden.
Bin ich im Gegensatz zu dem Menschen gegenüber zu emotional? Kann er mich verstehen, auch wenn er mich eventuell nicht verstehen kann? Wie sehr kann ich mich freuen, dass die Schnittstelle von uns beiden so groß ist, dass man den Elefanten, der auf einmal im Raum steht, realisieren und greifen kann?
Der Elefant im Raum ist nämlich das beste Beispiel für eine Tatsache, die auf einmal da ist, unausweichlich und so groß, sodass man sie kaum übersehen kann, es aber versucht. Fail. Also muss man ihn gemeinsam betrachten und überlegen, wie man das Tier nun wieder dahin schafft, wo es hingehört.

Es ist schwierig zu sagen, Beziehungen würden von Gegensätzen leben. Oder, im anderen Fall, davon, dass man im harmonischen Miteinander über alles sprechen könne. Im Grunde sind wir ja alle verschieden. Es kommt nur darauf an, inwiefern man bereit ist, sowohl Gegenpol, als auch Harmonie als Geschenk zu sehen. Am Einen zu wachsen, am Anderen zu ruhen.

Einer guten Freundin habe ich heute gesagt, dass ich ihr wünsche, sie werde glücklich - egal wo. Und das "egal wo" war gar nicht so einfach, weil wir ziemlich unterschiedlich sind und auch noch weit auseinander wohnen, was mir manchmal so gar nicht passt. Aber wenn man sich bewusst macht, dass wir alle doch nur glücklich sein wollen, dann ist da schon mal eine ziemlich große Schnittstelle - selbst, wenn man sich dazu trennen muss.
Ich habe die Hoffnung (seufz) und das Vertrauen (ja!), dass es möglich ist, gemeinsam verschiedene Wege zu gehen - und sich dabei durchgehend anzuziehen.

© Ani 2012