Donnerstag, 12. Juli 2012

Im Westen öfter mal was Neues

Ich stehe etwas verloren in einem Zirkus der 20er Jahre. Eine grazile, blonde Schönheit hält meine Hand, während ein überdrehter, in samtrot gekleideter Zirkusdirektor schreit und wild dazu gestikuliert:

Die Weltsensation, das haben Sie noch nie gesehen. Die Frau, die mit einem Fluch belegt ist. Kommen Sie näher, überzeugen Sie sich selbst. Ob es ansteckend ist, werden Sie ja die nächsten Tage selbst herausfinden! Hö Hö.“

Ein bisschen freue ich mich ja schon, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, von Menschen, die mich am besten kennen und versuchen, mir zu helfen. Ich armes Ding.
Da hab ich mir also so einen blöden Fluch angezogen, der ist in der Tat sehr ansteckend, ich weiß nämlich ganz genau, von wem ich ihn habe, nur meiden kann und will ich den Menschen nicht, also müssen wir da jetzt zusammen durch. Und verdoppelten unser Pech in den letzten Tag stehts direkt proportional zu den Aktivitäten, die anstanden.

Jeden Morgen sage ich mittlerweile „Heute wird ein guter Tag!“ und zwei Stunden später werde ich eines besseren belehrt. Zum Beispiel steige ich seelenruhig in die falsche S-Bahn, fahre noch seelenruhiger vor mich hin, steige gedankenverloren aus und laufe los. Irgendwann (!) merke ich, dass das Städtchen mir ein wenig, nun ja, portugiesisch vorkommt, ich drehe mich um und lese, dass ich zwar sehr willkommen hier sei, jedoch leider nicht dort angekommen war, wo ich hin musste. Das Ende vom Lied war, dass ich die S-Bahn zurück genau verpasste und im Endeffekt fast 40 Minuten zu spät kam. Naja, so was macht einen ja sympathisch. Manchmal auch nicht.

Nach diesem grandiosen Einstieg in einen Mittwoch, kramte ich ein altes WG-Rezept heraus und versuchte mich daran, schwelgend in schönen Mädchen-WG-Abend-Erinnerungen. Ich schob den fertigen, unglaublich aussehenden und bald auch unfassbar riechenden Auflauf in den Ofen und verfasste in der Zwischenzeit eine Email an meine Freundin. Die fragte, wie es mir ginge, also erzählte ich ihr eher belustigt über meine anhaltende Pechsträhne. Abgetippt, abgeschickt, Ofen klingelte. Ich stieg auf meinen Stuhl, mein Ofen befindet sich nämlich platzsparenderweise (das Mädchen ist ja so ein Fuchs) im ersten Stock, direkt über meinem Herd. Und ich wusste da schon, ich würde ihn fallen lassen, obwohl ich schon so oft da irgendwas rausbekommen hatte. Ohne Unfälle und Verluste. Aber ich wusste es und ich hätte es einfach lassen sollen, hab ich aber nicht (doch kein Fuchs), und so jonglierte ich das Ganze, gestand mir in Sekundenschnelle ein, dass das nichts mehr werden würde und kippte die Form noch rechtzeitig in meine Spüle, anstatt über mich (wie gesagt, sie ist ein Fuchs). Trotzdem zersprang mir die Glasform in tausend Stücke, eins davon machte es sich in meinem großen Zeh bequem und der blutete los – auf meinen weißen Stuhl. Meine Küche war überzogen mit vor sich hinlaufenden Parmesan, überall lagen Gemüsestücke und ich stand da – in T-Shirt und Buxe, und weil ich nicht mehr klarkam mit diesem Fluch, fing ich an zu heulen. Dann musste ich wieder lachen, bis ich letztendlich Tränen überströmt die Gabel in die Hand nahm und anfing, meinen weit verbreiteten Auflauf zu essen – aus Frust und Trotz. Schnell hab ich es gelassen – die Scherben, die Scherben, die knirschen.

Und nachdem mich seit Tagen meine Freunde fragen, was denn los sei, was mich so beschäftigen würde, ob alles ok sei, da fing ich auch mal an nachzudenken.
Ist da irgendwas, was mir auf der Seele brennt? Sind es die Versöhnungswochen, die meine Gesellin und ich ins Leben gerufen hatten? Nachdem der einen nach einem Jahr der Exfreund mitsamt neuer Freundin über den Weg lief, sich der Exfreund bei der Anderen gemeldet hatte und die Dritte mit einer ehemaligen Affäre konfrontiert wurde, beschlossen wir, ein paar Leichen aus dem Keller zu holen, nochmal zu betrachten und eventuell die lang ersehnte Ruhe zu gewähren. So befand ich mich auch inmitten meiner Aufgabe, ich söhnte mich mit jemandem aus, mit dem es mir lange schwer fiel, aber als ich die strahlenden Augen sah und merkte, wie sehr diese Person sich freute, mich zu sehen, da brauchte es gar kein Gespräch mehr. Nur einen Wein und ein bisschen Smalltalk.

Versöhnungswochen haben es in sich. Man springt über den eigenen Schatten, für sich und Andere. Vielleicht ist es das, was mich gerade so aushebelt, kann gut sein. Vielleicht ist es auch ein Mix aus allem, vielleicht ist ja Vollmond, vielleicht ist es die anhaltende Schwüle (wie im Wilden Westen, der ist nämlich gefährlich und da schießen alle immer gleich drauf los, das kann auch verwirren).

Wenn die Versöhnungswochen vorbei sind, geht mit ihnen eventuell ja auch mein Fluch. Der kann gerne gehen, der hat mich jetzt sowohl bereichert, als auch blockiert, ich finde, das reicht. Will nicht mehr im Zirkus stehen.

Wichtig an solchen Tagen wie gestern ist dann natürlich, dass man sich – wie meine Freundin riet und was so gut zum Wilden Westen passt – sich wieder zurück aufs Pferdchen schwingt und weiterreitet. Das habe ich dann auch gemacht. Ich habe meine Küche geputzt, meinen Boden, mein Auflauf-Highlight in den Müll geschmissen und mich ins Bett gelegt. Per Link bekam ich die passendste SATC-Folge empfohlen, angeschaut, gelacht, geheult, glücklich geworden. Später am Tag habe ich mich voller Inbrunst nochmals an den Auflauf gewagt. Nur diesmal habe ich ihn im Ofen meiner Freundin schmoren lassen und dazu zwei Gläser Weißwein getrunken – für den Fall, dass ich wieder nichts zu essen bekommen würde.

Also Freunde, die ihr auch verflucht seid, tretet dem einfach mal kräftig in den Arsch. Und vergesst nicht die Leichen in eurem Keller, die haben mehr Macht über euch, als ihr denkt. Dann werdet ihr nach und nach auch aus dem Zirkus entlassen und könnt wieder losreiten. In den Sonnenuntergang. Hach. Verschwitzte Frauen auf Pferden, mit Leichen am Wegesrand und eigentlich nur auf der Suche nach einem Segen. Und einem Whiskey. Das braucht die Welt. Ja, das seh ich auch so.

© Ani 2012

Freitag, 6. Juli 2012

Rede einer Außerirdischen

Ich befinde mich in einer Parallelwelt. Und ich habe reichlich wenig Interesse, sie in nächster Zeit zu verlassen.

Ich bin der absoluten Überzeugung, dass wenn ein Teil im Leben klappt, ja sozusagen reibungslos funktioniert, dann ziehen die anderen Teile nach. Und bis dahin ist es auf einmal einfacher, die Dinge zu akzeptieren, so, wie sie sind. Ich habe das immer verinnerlicht, immer daran geglaubt, auch wenn ich es manchmal nicht zeigen konnte. Und so lange daran festgehalten, bis es eintrat.

Eine Woche Filmfest geht zu Ende. Da gab es langweilige Diskussionen, in denen die Suche nach dem Handy meiner Freundin auf dem Kinofußboden wesentlich bereichender war, als das Geschwätz vorne auf der Bühne. Negativ auffallen und giggeln wie zwei kleine Kinder ist und bleibt eine wunderbare Sache. Mit Schnarchgeräuschen signalisieren, dass man anderer Meinung sei, als die werten Gäste, die es ja besser wissen, ist schier unumgänglich. Schließlich sind wir ja Schauspieler, wir müssen uns von der Menge abheben. Wir sind verdammt dazu, aufzufallen, wollen tun wir das natürlich nicht. Das ist quasi „die Arbeit mit nach Hause nehmen.“

Und dann gab es da aber auch tolle Filmpremieren, nette Gespräche, talentierte Menschen. Oder eine hitzige Diskussion („wir sind keine no-names, wir sind not-yet-names), an deren Ende wir doch festgestellt haben, dass wir alle im gleichen Boot sitzen – und die, die es verlassen, bevor es untergeht, waren eh nicht eingeladen. Keine gute Voraussetzung, um etwas in Gang zu bringen.

Trotzdem habe ich mir die ganze Woche eine gewisse Klarheit und Leichtigkeit bewahrt. Es ist halt so, wie es ist. Natürlich würde ich gerne sofort aus meiner privaten Dachsauna ausziehen können, einziehen in mein neues Loft, finanziert durch mein unvorstellbar hohes Gehalt, weil Hauptrolle und so. Ich möchte heute Abend meinen neuen, fabelhaften Film vorstellen und morgen früh nach Hawaii fliegen. First class.

Aber ich merke währenddessen, dass es keinen Sinn macht, das Geld oder andere Sorgen als Feind anzusehen. Alles, was du wegschiebst, alles, was du verteufelst, wird nur noch größer und irgendwann ist es das riesige Monster unter deinem Bett, was niemals wieder verschwinden wird.

Und gerade jetzt wurde mir einer meiner größten Wünsche erfüllt und es ist ein Kinderspiel, in diese parallele Welt zu schlüpfen und sich vor der Realität zu verstecken. Beziehungsweise, nein, ich verstecke mich nicht, ich beobachte sie mit Abstand, mit Ruhe und Bewusstsein. Manche mögen mich gerade belächeln, weil sie denken, sie würden die naive Seite in mir entdecken. Und selbst das ist mir egal, weil ich selbst weiß, dass ein Portiönchen Naivität noch keinem geschadet hat, im Gegenteil, es lässt Raum zum Träumen und öffnet Türen, weil man dauergrinst - und wer verschließt schon die Türen den Menschen, die naiv-lächelnd behaupten, sie hätten eine Karte, diese nur leider gerade verlegt?

Abgesehen davon ist meine Parallelwelt alles andere als naiv, denn sie ist komplett real. Ich bewohne sie nicht alleine, ich habe einen Zeugen, der mir jeden Morgen bestätigt, dass sie existiert und dass ich aber auch genauso jeden Tag mein Köfferchen packen kann, um für ein paar Stunden mein Leben zu leben. Dazu gehört das absolute Wohlbefinden beim Schreiben dieser Zeilen oder das Stehen in der gleichen Kloschlange mit einer tollen Schauspielerin. Auch die Arbeit, die ich nicht machen möchte oder das Hinterherrennen öffentlicher Verkehrsmittel gehört dazu. Wer zu faul ist, zum Rad fahren, der rennt halt.

Ich beobachte. Mich. Mein Leben. Die Höhen, die ich nun auskoste bis zum Äußersten. Und die Tiefen, über die ich mir nun sicher sein kann, dass sie dazugehören, mich ausfüllen und mich ab einem bestimmten Punkt auch weiterbringen. Vielleicht sogar mehr, als die Höhen.

Also strukturiere ich mich neu, ich sehe klar, was ich machen will und weiß, was ich nicht will und das alles, obwohl ich mich in einem absoluten Lebenschaos befinde. Ich schlafe jede Nacht und doch habe ich das Gefühl am Morgen, ich wäre die ganze Zeit wach gewesen. Ich möchte alle meine Freunde sehen und frage mich langsam, ob ich mich teilen kann. Ich komme meinen Verpflichtungen nicht hinterher und arbeite mittlerweile auch gerne an einem Freitag Abend. Und das alles, weil mir meine Parallelwelt so viel wert ist, wie schon lange nicht mehr etwas. Weil sie mir mehr gibt, als so vieles, von dem ich dachte, dass es mir etwas geben würde. Manchmal muss man sich gewaltig täuschen, um die Wahrheit sehen zu können.

Ich bleib hier noch ne Weile. Eventuell sogar länger, als ne Weile. Von hier aus sieht alles so schön aus. Von hier aus winke ich allen zu, die auch in ihren Welten sitzen. Von hier aus kann ich besser arbeiten. Und auch wenn ich dauermüde bin, weil man Leben so aktiv, chaotisch und abwechslungsreich ist, so bin ich doch ständig wach. Und lebendig. Und mehr als bereit dafür, dass alle anderen Bereiche in meinem Leben nachziehen und endlich verstehen, dass ich sie alle verdient habe, weil ich sie möchte. Wer das arrogant findet, sitzt auch in einer Parallelwelt, nur leider in einer ganz anderen Galaxie.

© Ani 2012

Dienstag, 26. Juni 2012

Und was kann deine Moral so?

Wann hat man selbst zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, dass man etwas tut, was im Allgemeinen schief angeschaut wird? Was ist besser: Sich etwas zu verbieten, weil es Andere nicht gut finden, vielleicht sogar jemanden verletzen, oder aber Versuchungen nachzugeben, weil sie den eigenen Wunsch repräsentieren? Wie vereinbart man den Grundsatz, der wichtigste Mensch im eigenen Leben zu sein und doch nicht blindlings über andere Köpfe zu stolpern?

Ich habe oftmals Probleme, mich vom Handeln Anderer abzugrenzen. Als ich am Wochenende etwas mitbekam, was ich für moralisch grenzwertig hielt, konnte ich ganz leicht die Stufen der mentalen Verarbeitung bei mir beobachten. Erst war ich neugieriger Zuhörer, dann habe ich angefangen nachzudenken und letztendlich verurteilt. Ziemlich schnell sogar. Ich war nicht ganz unbefangen, weil es sich um einen Freund drehte, aber ich merkte, wie schnell ich verurteilte und Probleme damit hatte, sein Handeln einfach an mir vorbeiziehen zu lassen. Im Endeffekt hatte es nämlich rein gar nichts mit mir zu tun.
Und dann habe ich mir die ganze Zeit im Geist zugeredet und gesagt, dass ich es jetzt einfach sein lassen sollte, dass es eh nichts bringt und dass Verurteilen noch schlimmer ist, als das, was er getan hatte, weil man nie in den Schuhen eines Anderen stecken kann. Und am Ende des ganzen Gedankenkarussells habe ich beobachten müssen, wie ich mich verurteilte – dafür, dass ich voreingenommen war, dass ich mir Gedanken gemacht hatte, bevor ich die ganze Geschichte wusste oder im Allgemeinen dafür, dass ich mir überhaupt ein Urteil gebildet hatte. Klar, das ist menschlich, aber schon so lange arbeite ich an dieser Sache und immer zu sagen, dass es in der menschlichen Natur liegen würde, finde ich ziemlich einfach gestrickt.

Aber was ist denn jetzt mit der Moral von der Geschichte? Wer ist denn dieser Irre gewesen, der beschlossen hatte, uns allen unterschiedliche Vorstellungen von Sitte, Knigge und Tugenden im sozialen Nahverkehr zu geben?

Beispiel: Rauchen. Simpel. Jedes Kind weiß, dass es ungesund ist und trotzdem hat es einen festen Platz im heutigen Leben. Warum? Weil die Verlockung das ist, was die Spannung im Leben ausmacht. Verurteilen kann man es ja aber trotzdem. Die Einen rauchen, trinken aber dafür keinen Alkohol und meinen, das somit wieder auszugleichen. Die Anderen arbeiten in der Tabakindustrie und sind strikte Nichtraucher. Es gibt irgendwie alles, doch ist es schwer, es zu verstehen.
Viele machen es so: Mal hier und da eine Zigarette zum Rotwein, die Kettenraucher aber schief anschauen, so gefällt uns das, da ist man gerne Klugscheißer und die Halbtoten haben eben einfach keine Selbstbeherrschung.

Oder: Fremdgehen. Psychologisch betrachtet sind wir zur Monogamie gar nicht gemacht, was wieder zu diesem Ur-Verrückten zurückführt, der festgesetzt hatte, Fremdgehen sei schamlos und ein Vergehen und deswegen fing jeder an, ein Problem damit zu haben. Im Endeffekt ist es aus dem Haben-Will-Besitzer-Streben entstanden, hat sich etabliert und nun ist es fast keinem so wirklich Recht, den Partner zu teilen. Mittlerweile ist Fremdgehen ein absolutes Tabu, von Betroffenen wird es oftmals tot geschwiegen, aber zumindest oberflächlich lässt sich jeder darüber aus und trotzdem gibt es kaum einen, der diesbezüglich eine weiße Weste trägt. Ich bin da Mitläufer, ich habe diese Sache hinter mir und möchte es nicht nochmal tun, weil ich weiß, dass es jedem Beteiligten weh tut und meist nur den Katalysator darstellt für ein Problem, das schon längst offen liegt. Trotzdem bleibt es eines der heißdiskutiertesten Themen heutzutage und jeder baut sich sein eigenens Meinungsschlösschen darauf.

Es gibt aber auch Menschen, die bewusst allem nachgeben, was sie anzieht, weil sie psychologisch betrachtet der Ansicht sind, dass sie ihrer eigenen Natur treu bleiben, wenn sie das tun, was sie möchten. Das kann man egoistisch nennen, vielleicht sogar so weit gehen und sagen, dass anstelle der Selbstbeherrschung ein schwarzes Loch vorliegt, mich interessiert aber viel mehr, ob da nicht einfach der Neid aus uns spricht? Wer hat je behauptet, man müsse sich zurückhalten, zügeln, den angesehen Platz in der Gesellschaft verteidigen, obwohl man sich prinzipiell, nun ja, moralisch ausprobieren möchte? Da Wertvorstellungen so weit auseinanderliegen, wie Golf und Dosenbier, liegt es doch eher im Auge jedes Einzelnen, was er wirklich mit den Aufgaben in seinem Leben anstellen möchte.

Natürlich ist es schwierig, sein eigenes Ding durchzuziehen und dabei nicht auf den Werten und Herzen anderer Menschen herumzutrampeln – doch im Endeffekt geht es um einen selbst und man sollte sich die Frage stellen:

Wo berührt mein Wunsch, mein Vorgehen, mein Verlangen die Grenze eines Anderen?
Und warum macht man es sich so leicht und handelt grundsätzlich unüberlegter, wenn man den Leidtragenden nicht mag oder nicht persönlich kennt?

Es ist wichtig, dass sich jeder seine eigene Wahrheit baut, aber die sollte auch dem eigenen Charakter entsprechen und nicht gestaltet sein, einfach so mal zwischendurch, damit die Freunde ein Bild haben, was ihnen passt, dem betreffenden Menschen aber irgendwie so gar nicht.
Vielleicht ist ja ein kleiner Leitfaden folgender: Zuhören, andere Schuhe anprobieren, kommunizieren, sich in der Mitte treffen.
Was mich angeht, so versuche ich seit langem, mir keine feste Meinung über Dinge zu bilden, mit denen ich noch keine Erfahrungen gemacht habe.
Denn ich war schon öfter in Situationen, in denen ich auf einmal völlig anders gehandelt habe, als ich vermutet hätte – und im Vorfeld lautstark auf meiner eigenen kleinen Kanzel verkündet hatte.

© Ani 2012

Sonntag, 17. Juni 2012

Willst du mit mir still stehen?

Platz da, jetzt komm ich!

Eine Aussage, die auf den ersten Blick oft missverstanden wird, mit der Ellenbogen-Gesellschaft in einem Atemzug genannt wird und auch sicherlich manchmal so zu deuten ist.
Es gibt Menschen, die sich überall und ständig alles nehmen, von dem sie denken, dass es ihnen zustehe. Oftmals läuft das auch gut, es sind im Grunde genommen Menschen, die sich mehr trauen, als Andere – ob sie mit fairen Mitteln spielen oder nicht.

In meiner Widder-Natur liegt es sehr, dass ich oftmals schon den Kopf an der Wand habe und mich kaum zurückhalten kann, da durchzuwollen. Immer und mit allen Mitteln. Solche Willenskraft hat mich schon oft weit gebracht, sie trägt über Zweifel und Rückschläge hinweg und manchmal ans Ziel hin.

Doch wie schaut es mit Gefühlen aus? Wenn zwei Menschen sich kennenlernen, kommen sie irgendwann an den Punkt, an dem man für den Anderen ein bisschen Platz machen muss – sofern man das möchte. Ich habe in Liebesangelegenheiten schon oft erlebt, dass ein Vorgehen mit dem Ellenbogen einen eher von der Zielgeraden abbringt, als da hinträgt, wo man hin möchte - ins Herz des Anderen.
Mit meiner frisch vergebenen Freundin habe ich erst kürzlich darüber geredet, wie es denn ist, sich für jemanden zu entscheiden, sei der Zeitpunkt auch noch so ungünstig. Und wir sagten uns beide sehr schnell, dass das Leben einfach so ist, wie es ist, so spielt, wie es spielt und wer auf den Zug nicht aufspringt, der bleibt halt stehen und winkt ein bisschen.
Es macht keinen Sinn, keinen Platz zu machen, obwohl man möchte. Eine Erfahrung, die ich selbst mal machen musste und die vorerst nichts anderes verursacht hatte, als sehr weh zu tun. Ich wollte da rein, in dieses Herz, der Andere irgendwie auch und trotzdem stand er sich selbst im Weg und hat mir regelmäßig den Riegel vor die Tür geschoben. Da hilft kein Klopfen, Flehen oder gar das Eintreten - es gibt nur das Warten oder Weitergehen, letzten Endes führt meist die Variante 2 über die Variante 1.

Und ich kenne es selbst zu gut, sich Ausreden an Land zu ziehen, um jemandem zu vermitteln, dass da jetzt gerade keine Option auf Platzhalterung bestünde. Man stecke im Umzug, man hätte so viel Berufliches zu tun, man käme gerade aus einer langen Beziehung und bräuchte Zeit für sich... Fakt ist aber: Das Leben kennt kein schlechtes Timing. Die Dinge passieren genau dann, wenn es richtig ist und wenn sie dazu führen, dass Beziehungen ersticken, bevor sie überhaupt erblühen, dann steckt dahinter eventuell eine Lernaufgabe und leider kein Verweilen auf Wolke 7.

Forcieren bringt oftmals viel, jedoch nichts in der Liebe. Als ich wiedermal beschlossen hatte, mich auf meine sogenannte working-ani zu konzentrieren, im Schlafanzug vor dem PC saß und vor mich hin arbeitete, schrieb mir eine Freundin, über die ich mich erst ein paar Stunden vorher fragte, was sie denn die Tage so treiben würde. Ich las ihre Frage, ob ich mit ihr weggehen wollen würde mit einem breiten Grinsen und schwang mich in mein neues Kleid – irgendwie hatte sich eh alles gefügt, wäre ich sonst ein paar Stunden vorher ein wunderschönes Kleid shoppen gegangen, obwohl ich mir ausdrücklich gesagt hatte, dass ich nur ein Oberteil bräuchte? Nein, irgendwie brauchte ich das Kleid und irgendwie brauchte ich den Abend und irgendwie auch die Nacht, denn alles, was ich wollte, war ein bisschen Ablenkung und heraus kam jemand, der zum schlechtesten Zeitpunkt seines Lebens trotzdem beschließt, ein bisschen Platz zu machen. Für das Kleid und den Menschen, der drin steckte.

Und so sitze ich nun hier auf meinem Fensterbrett im fünften Stock - meine eigens ernannte Dachterasse, weil mir ein Balkon so fehlt. Ich habe Platz auf diesem Brettchen gemacht für mich, trinke Kaffee und genieße meine Aussicht, während mich Gedanken beschleichen, dass ich arbeiten müsste. Also mache ich diesen unnützen Gedanken Platz für Inspiration, schreibe meine Kolumne, weil es gerade das ist, was mich am meisten bereichert.
Denn einen Menschen gibt es auf dem riesigen Parkplatz des Lebens nicht zu vergessen: sich selbst. Ganz ehrlich, wann macht man mal Platz für sich? Man rennt teilweise 6 oder gar 7 Tage von A nach B und wenn man das Bedürfnis hat, abends zur Yoga-Stunde zu gehen, dann wird die Tiefenatmung leider durch Schnappatmung ersetzt und in der Endentspannung strukturiert man den nächsten Tag. Ja, auch wir Yogis haben immer noch Einiges zu lernen.

Jeden Tag Platz für mich für mindestens 10 Minuten – quasi still stehen mit mir selbst. Hand in Hand. Dann geht doch alles viel leichter von dieser, dann macht auf einmal sogar Routinearbeit viel mehr Spaß. Dann ist da auch auf einmal Lust auf Neues, auf Irrationales und auf Verrücktes. Und dann, irgendwann, kann man auch mit einem anderen Menschen still stehen. Wieder Hand in Hand. Einfach so.
Ich hatte ganz vergessen, wie unglaublich schön es ist, sich nicht zu bewegen.

© Ani 2012

Freitag, 8. Juni 2012

Miau Miau!

Katertage sind die besten Tage!

Ja, das ist mein voller Ernst. Nach einer feucht-fröhlichen Nacht aufzuwachen und sich eine von vielen möglichen Fragen zu stellen. Hier zwei Auszüge aus eigenem Repertoire:

...WARUM habe ich das gemacht?“ oder der Klassiker

... gerne würde ich mir die Frage nach dem WARUM stellen, wenn ich überhaupt wüsste, was passiert ist!?“

Hilfreich sind dann natürlich Freunde, die dabei waren und man somit die Puzzleteile zusammenfügen kann. Eventuell.

Ich behaupte, dass wenn man Single ist und seine Wurzeln in der weiblichen Abstammung findet, so ist das Nachtleben eines der großartigsten Dinge dieser Welt. Man umgeht gekonnt 200m lange Schlangen vor Clubs, weil man von postpubertären Abiturienten männlicher Gattung zu sich gewunken und anschließend mit hineingemogelt wird. Man kann Groupie für eine Nacht spielen, aber bitte nur, wenn man die Band nicht kennt und vom Keyboarder persönlich auf die derzeitige Chartplatzierung hingewiesen wird. Durchaus ist es daraufhin möglich, backstage ein bisschen zu chillen (oder auch nicht, dieser Teil wird später erörtert), sich alles ausgeben zu lassen und trotzdem nach Hause gehen zu können, wann man möchte. Weil frau es halt kann.

So oder so ähnlich kann der ein oder andere Abend verlaufen und man wacht morgens auf, mit dem Stempel auf dem Bauch und dem Gewitter im Kopf. Herr-lisch. Erstmal ein Kaffee und mit der Freundin treffen. Sprich, mit überdimensionaler Ich-weiß-bald-wieder-was-ich-letzte-Nacht-getan-hab-Sonnenbrille ins Lieblingscafe einziehen, (da muss man sich nämlich nicht schämen), belächelt zu werden und das Getränk bereitgestellt zu bekommen, bevor man es bestellt. Da wird der Tag immer besser, spätestens dann, wenn die Freundin gedankenverloren aus dem Fenster schaut, ein vorbeifahrendes Auto beobachtet und im Slow-Motion-Modus scharfsinnig verlauten lässt: „Heee.... das ist doch ne Einbahnstraße..... achso...... von der Seite.“

Es ist unglaublich bereichernd, an solchen Tagen Erlebnisse vergangener Nächte zu rekonstruieren. Beispielsweise das tiefsinnige Gespräch einiger Freundinnen, die sich um ein paar Flaschen Weißwein (die Zahl darf nicht genannt werden) und super Alkohol aufsaugenden Gemüsesticks einfanden. Während die eine erzählte, dass sie in Bali einen Mann kennengelernt hatte, der nun ein 2000 Euro Flugticket gekauft hat und nächste Woche zu ihr fliegen würde, das Problem aber leider darin bestünde, dass ein anderer Mann gerade in ihrem Zimmer sitzt und für eine Prüfung lernt, so verkündet die Nächste lauthals:
Ich bin nicht spirituell – ich habe ja nicht einmal Kerzen in meinem Zimmer.“

Gerne erinnert mich aber auch eine Freundin an Katertagen immer wieder daran zurück, dass ich mir auf einem Konzert eingebildet hatte zu wissen, wo sich der Backstagebereich befand und dann im körperlich eher ungeeignetem Zustand zusammen versuchten, über die Absperrung zu klettern. Mehr schlecht als recht gelang dies, blöderweise stand nur relativ schnell ein netter Security vor uns, der uns auf noch nettere Weise darauf hinwies, dass „wenn wir Kerle wären, wir jetzt fliegen würden.“ Somit bedankten wir uns recht brav bei Mutter Natur - zurück über die Absperrung geklettert, hängen geblieben, runtergefallen und weitergetanzt. Ironischerweise kurze Zeit später einfach mit einem Bekannten in den richtigen Backstagebereich (ohne Absperrung) marschiert. Stark.
Am nächsten Morgen aufgewacht und an den Beinen entlang so entsetzliche Blutergüsse gehabt, die sage und schreibe vier Wochen geblieben sind. Warum auch nicht.

Vielleicht nicht gerade deshalb, aber wegen vielen anderen Gründen lohnt es sich, seine 20er zu genießen, Trennungsschmerzen zu begießen und über sich selbst zu lachen. Denn an Katertagen ist es ein grundsätzlich und international verbreitetes Gesetz, dass alles erlaubt ist. Man darf schrecklich aussehen, da man nachts so gut aussah und das ja auch mal ausgleichen muss. Man darf Pizza und Schokolade au masse essen, sich über alles und jeden aufregen, negativ auffallen, sprich pöbeln, und Mittagsschlaf halten. Mehrmals.

Es ist und bleibt ein Tanz, dieses (Nacht-)Leben und am nächsten Tag wartet immer die Freundin, der Lieblingskellner, Sonnenbrillen deiner Wahl und ein rettendes Gespräch auf dich.
Nur schreibe dir immer eine kleine Notiz an dich selbst: 
1. Sei gut zu deinen Freunden, damit keine der Anekdoten jemals gegen dich verwendet wird. 
2. Schicke niemals nachts SMS (auch keine Leeren), es sei denn sie dienen der Wegbeschreibung (ich sitze doch neben dir...!?). 
3. Tu immer so, als würdest du den Promi, mit dem du dich unterhältst, nicht kennen.
4. Trinke niemals aus offenen, herumstehenden Getränken. 
5. Iss auf dem Heimweg in der Bude deines Vertrauens etwas und trink ein großes Glas Wasser danach.
5. Um Himmels Willen: Schmink dich ab, bevor du ins Bett gehst.

Dann heißt es nachts Cheers! und morgens miau!

Für die Starke, die Kerzengegnerin, die Kongoexpertin, den zweiten Groupie, die Heulsuse und die Exotin.

© Ani 2012

Freitag, 1. Juni 2012

Mein Schönstes aller Biester

Als ich den Reißverschluss meine Abiballkleides ohne Probleme zubekam, sah ich mich im Spiegel an und mein erster Gedanke war: „Es passt... Krass.“
Vor 6 Jahren hatte ich es das letzte Mal getragen, habe es seither von Wohnung zu Wohnung geschleppt und trotzdem nie wieder angezogen – aber es passte, auch wenn der Mensch darin sich so verändert hatte.
Dann legte ich mich in dem Kleid auf meinen Fußboden und versuchte zu verinnerlichen, was es alles bei dem Monolog, der nun folgen sollte, zu beachten gab. Und mir kam, was für eine schöne Ironie es doch war, dass ich damals auszog, um Schauspielerin zu werden, und nun einen Monolog in meinem Abiballkleid vorbereitete, für ein Theater in der Heimat, wo meine Schulzeit geendet und ein neues Abenteuer angefangen hatte.

Es fing eine Zeitreise in die Vergangenheit an, in die Gegenwart, letztlich zu mir selbst. Wo waren die Träume hingeraten, dachte ich mir, und gestand mir schweren Herzens ein, was ich so alles in den letzten Monaten weggeworfen und innerlich aufgegeben hatte.

Eine Zeit lang war ich nur geschwommen, mir war alles Recht und eigentlich so gar nichts. Tausend Ideen rauschten durch meinen Kopf, aber keine war greifbar und zurück blieb weiterhin der Traum vom Spielen, meine persönliche Hassliebe, der Teil in meinem Leben, ohne den ich noch nie konnte, aber seit kurzem auch nicht mehr mit.

Und dann? Dann ist da Raum für magische Momente, wie z. B. das Telefonat mit meiner Mutter. Wir haben zusammen in Erinnerungen gewühlt, etwa, wie ich mich jahrelang auf meinen pinken Plastikstuhl gestellt hatte, mir eine Toga aus weißem Gardinenstoff umgeworfen und dazu „Amazing Grace“ geträllert hatte. Oder all die selbst geschriebenene Theaterstücke und die teilweise genervten Blicke meiner jüngeren Cousins und Cousinen, die ich an jedem einzelnen Familiengeburtstag dazu gezwungen hatte, die Stücke auf die (Wohnzimmer-) Bühne zu bringen. Meine Lieblingserinnerung ist aber die, wie ich als 11-Jährige einen Film, der mich damals sehr bewegte, aufzeichnete, immer wieder abspielte und somit den letzten Monolog der Hauptdarstellerin abschreiben konnte.

Wir finden immer zu unserem Ursprung zurück, vielleicht dauert es manchmal länger, vielleicht brauchen wir die Hilfe derer, die uns am besten kennen. Um uns an uns selbst zu erinnern, an das, was uns ausmacht und erfüllt.
Aber im Endeffekt kommt immer irgendwann der Punkt, an dem man weiß, was einen glücklich macht und der kann sich jederzeit ändern, man muss nur die Augen offen halten.

Vor allem Film, das ist für mich ein Stückchen Wahrheit. Wenn man abends alleine im Bett liegt und sich die Seele aus dem Leib weint, weil man gerade genau das Gleiche erlebt, wie die Charaktere des Films, dann ist man nicht traurig, sondern glücklich, weil man sich dadurch wiederfinden kann. Alles, was auf der Bühne oder der Leinwand jemals zu sehen war, war vorher Teil des Lebens eines Menschen. Oder von vielen, wer weiß das schon, das Leben schreibt ja bekanntermaßen die besten Geschichten.

Dieses Gefühl der Erfüllung muss jeder in sich finden, denn Beruf kommt von Berufung und nicht von Geld, Ansehen oder Zwang, es ist auch nicht einfach irgendein Job - auch wenn es wieder nicht klappt, wieder Ängste aufkommen oder Zweifel neu erscheinen.

Die Schauspielerei und ich, das war im Prinzip schon immer eine gute Idee. Aber wir beide haben Zeiten, in denen wir nicht harmonieren. Ich habe sie zum Feind gemacht und genauso war sie mir dann auch entgegengetreten.

Aber wenn ich diese Tage die Bühne der Schauspielschule betrete, die mich abgelehnt hatte, weil ich voller Zweifel und Wut auf mich selbst damals dort oben stand, dann kann ich mir sagen, dass ich es trotzdem geschafft habe und dass ich nun hier stehe, einfach um zu üben und das, was ich kann, aufzufrischen. Somit wandle ich meinen Feind erst einmal um in meinen Endgegner. Und irgendwann demnächst freunden wir uns wieder an. Was nicht ohne einander im Leben kann, das sollte mal versuchen, das Glück im Miteinander zu finden. Vielleicht auch mal als Lebensweisheit so dahin gestellt.

Und so schnuppere ich wieder Bühnenluft, da, wo ich mal am tiefsten gefallen bin, aber nun wieder stehe. Tief in den Bauch atmen, Solarplexus öffnen, Raum nehmen, den Korken im Mund visualisieren, mit der Stimme nicht kippen, auch wenn die Emotionen hochkommen, die Brüche klar setzen – wenn das mal kein Handwerk ist, so ist es dennoch ein Teufelswerk.
Ich liebe dich, du schönes Biest.

They watch us open-mouthed
As we joke around like fools
See who can be the worst
Watch what I can do
But then the door gets slammed, slammed right in my face
And I guess this world's not always good
And nothing's real but love
Nothing's real but love
No house, no car, no job, can beat love.
(Rebecca Ferguson - Nothing's real but love)

© 2012 Ani

Donnerstag, 24. Mai 2012

Little Miss Sunshine

Das erste richtige Sommergewitter 2012. Mein Kühlschrank vibriert, meine Heizung auch. Im Halbschlaf erschrecke ich und mein Herz fängt an zu rasen.

Schon immer hatte ich Angst vor Gewitter. Was mich einerseits fasziniert und mich wegen meiner Naturverbundenheit in den Bann zieht, schreckt mich andererseits so unglaublich ab.
Ich glaube, es ist die Gewalt an sich und das Wissen, dass wenn ein Gewitter über einen hereinbricht, man absolut ausgeliefert ist. Man kann nicht selbst entscheiden, wann es aufhört und wohin es zieht, man muss es einfach durchstehen.

Wann habe ich eigentlich angefangen, so ehrfürchtig davor zu sein? Vielleicht, als meine Oma mir die Horrorgeschichte erzählte, dass mal ein Blitz in den Dachstuhl des Nachbarhauses eingeschlagen hatte und das Ganze so eine Kraft besaß, dass sie im eigenen Haus einen halben Meter über den Boden gehoben wurde. Naja gut, an dieser Stelle wird mir irgendwie schlagartig bewusst, woher ich meine Neigung zur Übertreibung habe.

Egal, wo war ich? Genau, ich wollte einen intelligenten Schlenker vom Gewitter zum Menschen machen.
Wir alle haben sie in uns, diese Naturgewalt, irgendeine Kraft, die auf einmal auftaucht und uns irgendwo hinschiebt, vielleicht genau dahin, wo man hin muss, es aber noch gar nicht weiß. Man wacht morgens auf und fühlt es einfach. Oder das Herz klopft, wie ein Kind beim Topfschlagen, obwohl man ruhig im Bett liegt. Irgendwas ist anders oder neu und es überflutet einen, wie eine Welle, gegen die man so gar nichts machen kann. Gott sei Dank, denn meistens ist es auch richtig so.
Aber was tut man, wenn man sich inmitten eines Wirbelsturmes befindet? Die einen hören auf ihr Herz, auf ihr sogenanntes inneres Kind, und folgen diesem. Die Anderen packen ihre sieben Sachen und weigern sich, sich so einem unüberschaubaren Chaos auszusetzen.
Doch im Endeffekt ist es doch immer das Gleiche: Wir wollen nie Langeweile, nie wirklich Ruhe (außer vielleicht ein bisschen Frieden), immer alles erleben und wenn es dann soweit ist, wenn man heraufbeschworen hat, was schon längst in einem geschlummert hatte, dann übermannt es einen und man versucht es wieder zu deckeln.

Warum arbeiten viele Menschen so hart auf ein bestimmtes Ziel hin, um dann im letzten Augenblick zu zögern und kehrt zu machen? Weil es auf einmal da ist, greifbar, real und unfassbar nah.
Warum träumen wir alle von der großen Liebe und steht sie auf einmal vor uns, so zittern uns die Knie, wir trauen sie uns nicht zu, sind ihr nicht gewachsen und blenden oftmals aus, was eigentlich sowieso da ist.

Träume sind einfach, man döst vor sich hin, man wälzt sich in schönen Gedanken, geht Pfade mutig und stolz entlang und hat das Gefühl, dass man alles erreichen und verwirklichen kann. Kommt aber das Gewitter über uns herein, rüttelt uns wach und fordert, dass es an der Zeit sei, die Träume umzusetzen, sich hineinzuwerfen in Risiken, da werden wir plötzlich kleinlaut und murmeln vor uns hin, dass wir irgendwie noch nicht bereit seien.

Was wäre wenn, hätte/könnte/wollte/sollte – wer will schon sein Leben damit verbringen, sich diesen Phrasen stellen zu müssen. Sich eingestehen zu müssen, dass nie die berufliche Herausforderung, der Gedanke an das Auswandern oder die plötzlich ins Leben tretende, große Liebe es war, die Angst machte, sondern alleine die Angst, diesen wundervollen Umständen nicht gewachsen zu sein?

Ich habe keine Lust darauf, dass meine To-do-in-life-Liste immer länger wird, nur deswegen, weil ich mir einrede, dass ich für mindestens die Hälfte der Dinge noch nicht gewappnet sei. Im Endeffekt ist man es nämlich immer und zu jeder Zeit, weil nichts ins Leben tritt, was nicht zu bewältigen ist.

Natürlich sind wir nicht immer hoffnungslose Feiglinge, aber bei den großen Herzensangelegenheiten, bei denen wir das Gefühl haben, sie würden vielleicht nur einmal im Leben erscheinen, da packt uns eher die Panik, als der Enthusiasmus.
Doch wenn wir ehrlich sind, haben wir bis jetzt so einige Naturgewalten überlebt, manche davon sogar besser gemeistert, als wir uns vor dem Erklimmen des Gipfels zugetraut hatten. Rückblickend ist man immer schlauer, ja, aber wann nimmt man denn die Weisheit der Erkenntnisse einfach mal mit auf die Lebensreise?
In uns allen schlummert eine Gewalt, von der die meisten keine Ahnung haben. Jeder in meinem Freundeskreis hat Dinge erlebt, die mich nur beim Zuhören schon zusammenzucken lassen, aber sie sind allesamt auferstanden wie Phönixe aus der Asche. Und dann schaue ich auf meine eigenen jungen Jahre zurück und kann mir auf die Schulter klopfen, weil ich selbst alles perfekt gemeistert habe und nichts bereue.

Vielleicht sollten wir ab und an den Terminkalender weglegen, das Hirn ausschalten und unserer inneren Kraft vertrauen. Die war schon immer da und kennt somit keine Angst, keine Vernunft, keine Schwäche. Mit ihr kann man sich dem Gewitter stellen, man findet einen Weg durch das Chaos und am Ende – so, wie ich gerade durch meine Dachfenster erkennen kann – schiebt sich die Sonne durch die Wolken. Man nimmt wahr, was man durchgehalten hat und vor allem, für was es sich gelohnt hat, über sich hinaus zu wachsen. Und mutig zu sein. Und einen Schritt, nur einen, weiter zu gehen, als die Anderen. Denn fragt sich eigentlich mal jemand, was passiert, wenn der Plan auf einmal aufgeht?

Da fallen mir nur noch die Zeilen ein:
I can see clearly now, the rain is gone.
I can see all obstacles in my way.
Gone are the dark clouds that had me blind,
It's gonna be a bright, bright sun-shiny day.

© Ani 2012