Sonntag, 23. Oktober 2011

Ein kalter Kindergarten-Krieg.

Was mich beschäftigt ist so hochexplosiv, dass ich es kaum wage, in die Tasten zu hauen.

Was verboten ist, das will man. Und was man kriegt, das will man nicht. 

Eine so alte Aussage, die mich nie wirklich beschäftigt hat, habe ich doch als liebenswertes Einzelkind immer alles bekommen, was ich wollte. Manchmal bevor ich wusste, dass ich es wollte.

Doch neuerdings ist das anders. Man wird mehr als spontan und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Erwachsenen-Sein geschmissen, man findet sich in seinem ersten, eigenen Apartment wieder und sobald die Anfangseuphorie vorbei ist, klingelt leider nicht der Milchmann, sondern der GEZ-Mann.

Man sieht den Tatsachen ins Auge, bald seine erste Steuererklärung machen zu müssen und man findet sich alleine in Yoga-Kursen wieder, weil man gesund und städtisch sein will, aber gleichzeitig ist man doch immer noch das kleine Mädchen, das verschüchtert in der Ecke steht.

Früher war halt alles früher, die Weisheit aus meinem Elternhaus. Hilft nichts, man will ja auch die Schattenseiten, damit man seinen Enkelkindern was zu erzählen hat.
Dass man Dinge möchte, die man sich bis dato nicht leisten kann, ist eine Sache. Dass man Dinge will, die verboten oder moralisch verwerflich sind, ist eine andere.

Wie weit geht man im Leben, um glücklich zu sein? Was darf man und was nicht und wo ist die Grenze, die man einhalten sollte? Wie viele machen genau das, was sie möchten, obwohl ihnen jeder davon abrät? Und wo bleibt es die eigene Entscheidung für das eigene Leben oder wird zur bockigen Trotzentscheidung gerade, weil jeder mit dem Kopf schüttelt?

So allgemein diese Fragen formuliert sind, so treffend findet sie doch jeder in seinem eigenen Leben. Es fängt bei Kleinigkeiten an und hört bei gesellschaftlich diskutierten Problemen auf, z.B.: darf ich ein mir anvertrautes Geheimnis ausplaudern, um einer anderen Person zu helfen? Kann ich einen Mann küssen, von dem ich sicher weiß, dass er verheiratet ist? Soll ich endlich den Pelz-Laden ums Eck nachts verschandeln und somit ein Denkmal setzen? Dürfen, können, sollen – wo hört die eigene Verantwortung auf und wo fängt die des anderen an?

Bei dir ist immer alles so spannend. Ja, schon klar, Spannung ist super, gut für die Nerven, atemberaubend für die Figur und am allerbesten fürs Schreiben. Trotzdem findet man sich im Laufe hunderter Gewissensbisse und Grübeleien oft an einem Punkt, wo man sich an Kindergartentage zurücksehnt. Wobei da bei mir leider immer nur drei Erinnerungen sich ins Gedächtnis schleichen:

  • Dass ich aus Versehen eine Heuschrecke zerquetschte, als ich eigentlich versuchte, sie einzufangen und zu beobachten.
  • Dass ich mit meiner Freundin über eine Stunde vor dem im Kindergarten selbstgemachten Pudding saß und keinen Bissen aß, weil wir beide die Puddinghaut verabscheuten (und heute übrigens immer noch meiden). Sitzen bleiben mussten wir trotzdem, denn „nicht essen“ ist gleichzusetzen mit „ungezogen“. Dafür grinsen wir uns heute noch an, wenn wir einen Pudding vor uns stehen haben.
  • Ich die Rutsche auf dem Bauch liegend und mit dem Kopf voraus runtergerutscht bin und mich somit im Sandkasten mit einem vollen Mund herrlich-dreckigen Sand wiederfand.
Ich stelle fest: auch das Leben früher war nicht einfach, es war Kindergarten-Krieg der feinsten Sorte und man wurde mindestens genauso oft geschimpft, wahrscheinlich sogar noch mehr, denn heute wird man eher mit Kopfschütteln und Ignoranz bestraft.
Trotzdem lernt man nie aus. Beispielsweise will ich immer noch das, was verboten ist. Und das will ich so lange, bis ich es kriege und es danach nicht mehr möchte.

So ist das eben mit dem Erwachsenen-Leben.
(c) 2011 Ani

Dienstag, 11. Oktober 2011

Deutsche Sprache, verlässliche Sprache.

Als ich im Duden das Verb „verlassen“ nachschlagen wollte, fiel mir schnell auf, was für gegensätzliche Bedeutungen es hat. Grundsätzlich wollte ich eine schöne Definition bzgl. Freundschaft finden. Sich auf Menschen verlassen können, in jeglicher Hinsicht.
Doch wenn man vom Akkusativ in den Dativ wechselt, dann kommt dieses Wort hinterhältig aus einer dunkeln Seitengasse gehüpft und erinnert einen daran, dass man auf genauso hinterhältige Weise verlassen werden kann. Jedenfalls schlägt der Duden diese Variante vor.
Wie kann es denn bitte sein, dass dieses Wort so unterschiedliche Bedeutungen haben kann? Ich finde das verwirrend. Oder, dachte ich mir, hat es damit zu tun, dass man sich öfter mal auf die Intuition verlassen sollte (aha?), dass man früher oder später sowieso von dem einen oder anderen verlassen wird?
Grübelnd saß ich da und versuchte mein Gespinst im Kopf zurecht zu spinnen, ohne mich weiter zu verzwicken.

Auf wen kann man sich also verlassen? Geistig zog ich meine Uroma zu Rate, die meiner Mama und somit auch mir immer geraten hatte, nicht mehr gute Freunde zu haben, wie man an einer Hand abzählen kann. Gut, damals im Krieg, da musste man schon aufpassen! Also darf man heutzutage so ein bis zwei  Menschen dazuzählen. Leise zähle ich ab und stimme schnell zu. Passt.

Auf was noch?
Mein persönlicher Guru sagt: sei dir selbst der beste Freund. Das finde ich auch unglaublich passend, schließlich trage ich selbst ja jeden Tag meine Probleme, meinen Speck, meinen Wirrwarr im Kopf und Herzen mit mir selbst herum – wow, jetzt merke ich erst, was ich mir da immer aufhalse. Ok, gebongt, ich habe gar keine andere Wahl, ich muss mir selbst die beste Freundin sein.

Und was ist mit dem anderen, mit diesem blöden verlassen werden? Statistisch gesehen trennt sich jedes zweite Pärchen innerhalb der darauffolgenden 18 Monaten. Schon seltsam und irgendwie auch passend, denn ich kann wirklich an einer Hand die Streitereien mit Freundinnen abzählen, während ich gedanklich zu der Göttin Kali mutiere, sobald ich versuche, die Auseinandersetzungen mit Männern erfassen zu können. Klar, macht Sinn,  da wir Frauen uns auf unser Recht verlassen können, gibt’s halt Streit mit den Männern.
 
Ich mag den Akkusativ lieber. Ich habe definitiv die 5+ Freunde, die ich nachts um 5 Uhr rausklingeln darf (ohne schlechtes Gewissen). Ich kann mich auch darauf verlassen, ab übermorgen bei Wein, Weib (Freundin) und Gesang in einem kroatischen Hafenrestaurant zu sitzen, eventuell darüber philosophierend, welche Freundin kürzlich mal wieder verlassen wurde. Oder sogar selbst verlassen hat? Dieses Wort hat es definitiv in sich.
Ein Beispiel zum Abschluss, welches Männer und das Verb vereint: wenn ein Mann krank wird, kann man sich immer darauf verlassen, dass er qualvoll stirbt, immer und immer wieder. Denn mein Vater liegt mit zwei gezogenen Weisheitszähnen zuhause und kann nicht sprechen. Meinen ersten Gedanken „wie angenehm“ schob ich schnell weg und schrieb ihm eine aufmunternte SMS: „Armer Papa. Kussi auf Zahni.“ Auf was ich mich verlassen konnte war, dass binnen Sekunden folgende Nachricht zurückkam: „Ich sterbe…“
© 2011 Ani

Montag, 3. Oktober 2011

better be vaunted, not haunted.

Wenn man von seinen Freunden gesagt bekommt:
„Tu es nicht. Aber wenn du es tun musst, dann komm ich mit.“
… dann weiß man zwei Dinge.

  1. Die Chance, dass man etwas dummes tut, ist sehr hoch.
  2. Man hat tolle Freunde.

Die meisten Menschen lernen aus ihren Fehlern, indem sie diese schätzungsweise zehn mal begehen. Daher kommt wohl auch die Annahme, dass man erst im Alter weise sein wird. Zehn Mal den gleichen Fehler zu begehen braucht halt auch seine Zeit.
Aus Fehlern zu lernen ist eine Erkenntnis, die jeder ganz unterschiedlich erlangt. Im Groben, finde ich, kann man da sogar zwischen Männern und Frauen (wie überraschend) unterscheiden. 

Während der Mann seine urmännlichen Fehler jahrelang sehr männlich verdrängen kann, indem er pro Bier und contra Tränen ist, und (nehmen wir mal an, es handelt sich um eine schwere Trennung) seine große Liebe durch darauffolgende, nichtssagende Beziehungen ersetzt, so findet Frau keine Ruhe. Sie beginnt nachzuforschen, zu grübeln, sie fängt an, Coelho-Romane zu lesen und wendet ihren Mund dem Rotwein zu, denn ohne Wein kann man nicht über das Leben und die Liebe reden.
Männer gestehen sich eigene Fehler oft sehr spät und manchmal sogar nie ein. Sie rennen weg, solange es möglich ist und verständlich ist das irgendwie auch noch. Aber die Frauen, die nie so wirklich aufgeben,  beschäftigen sich jahrelang mit ein und demselben Thema. Unweigerlich stellt sich jedesmal die Frage:

Warum?
Warum kehren wir immer wieder zu unseren Leichen im Keller zurück? Ist es ein Fehler, bei einer Person festzusitzen oder hat jeder Mensch diesen einen Menschen im Leben, zu dem er immer wieder zurückkehrt? Der persönliche Hausgeist, der einen heimsucht, auch wenn man schon zwei mal umgezogen ist?
Ich tue mir manchmal schwer, zu unterscheiden, ob ich einen Fehler mache oder, ob es ein Teil meiner Entwicklung ist, Schritte zu gehen, die unangenehm werden können.  Ist das eigene Verhalten ein Teil der Persönlichkeit oder ist diese Theorie einfach nur ein riesiger Bockmist?
Ich kenne Leute, die sich einreden, ihre alltäglichen Probleme nicht zu haben, wenn sie woanders leben würden. Und ich rede hier nicht vom aktuellen Steuerbetrüger, der still und leise seinen Flug nach Hawaii bucht.
Doch dann denke ich mir oft, dass das schon irgendwie witzig ist. So sehr mich mein Hausgeist auch nervt – egal, wo ich hingehe, um vor ihm zu fliehen, er kommt ja doch hinterher und bleibt solange, bis ich entscheide, angekommen zu sein.  Angekommen dort, wo es keine Geister gibt.  Jedenfalls keine, die mich heimsuchen.
© 2011 Ani

Dienstag, 27. September 2011

"Der Hacker-Schottenhamel-Komplex"

Wiesn or not Wiesn…. Eine der Fragen, die seit Tagen in meinem Kopf kreist.
Ich habe so viele unterschiedliche Meinungen über das Oktoberfest, pardon, die Wiesn, (das wäre schon mal die erste) gesammelt, dass ich mich erstmal selbst sammeln muss. Und dann hab mich gefragt:
Und was hältst eigentlich du davon?

Ich bin ja grundsätzlich gegen grundsätzliche Meinungen. Auch wenn sich das jetzt grundsätzlich widersprüchlich anhört, aber so ist es. Fast alles auf diesem kunterbunten Planeten hat Vor-und Nachteile.
Für mich ist die Wiesn einerseits ein Spielplatz, auf dem irgendwie zu viel erlaubt ist. Ein buntes Treiben, Lachen, Unbekümmertheit und auch die Falltür ins Bodenlose. Natürlich kann sie gewaltig nerven,  wenn man z. B. vorhat, von A nach B zu kommen und das innerhalb einer bestimmten Zeitspanne. Wenn man Slalom laufen muss, weil andere einem slalomartig entgegenwanken. Wenn man (so wie ich) jedes Jahr aufs neue eine Freundin anrufen muss, damit sie vorbeikommt und man zusammen unter einem tierischen Gewaltakt den Reißverschluss des Dirndls zubekommt. Eine größere Tracht  zu kaufen, wäre, als ob man eine weiße Flagge hisst. Dann lieber doch die Schnappatmung, Gott sei dank läuft das Bier ja auch in den Bauch und somit an der Lunge vorbei.

Ich kann mich jedenfalls an unglaublich viele, tolle Momente dort auf der Theresienwiese erinnern. Ich habe witzige Ausländer kennengelernt, bin jedes Jahr (bis auf dieses) die Achterbahn gefahren, obwohl ich unglaubliche Höhenangst habe, ich esse jedes Jahr einen Eismohr und bin glücklich, weil meine Freunde mir glücklich in den Armen liegen. Trotzdem bleiben wir – gesittetes  Münchner Völkchen - natürlich kultiviert und deshalb gibt es hier eine offizielle Liste der Dinge, die einfach inakzeptabel sind:
  •  Schulterfreie Dirndlblusen
  • Schwarze Blusen
  •  Landhausmode auf der Wiesn
  • Um 12 Uhr mittags das erste Mal auf oder unter der Bierbank liegen/sitzen.
  • Sich übergeben, danach knutschen und das Gegenüber in vorige Information nicht einbeziehen.
  • Mini-Dirndl (Dirndllänge, die über dem Knie Halt macht, meist vorgeführt von jungen, weiß-gelbblondierten Schulmädchen)
  • Pinke Hunter-Gummistiefel (!) zur Tracht   
  • Schnupftabak (…und auf einmal tun es alle, weil – auf einmal brauchen es alle! Jede der sechs Millionen Nasen bahnt sich binnen kürzester Zeit ihren Weg zum nächsten Schnupftabak) 
  • Die Wiesn hochoffiziell dissen und trotzdem mit der Clique hingehen. Dann aber nur im dezenten Look, bitteschön.
  • Weiße Netzstrümpfe in schwarzen Pumps zu bunter Tracht.
  • Lebkuchenherz (wenn es schon sein muss) mit der Aufschrift „Oktoberfest“ – ach was?
Ich war dieses Jahr (bis jetzt) nur einmal dort und es war so gut, dass ich am nächsten Morgen mit meiner Freundin an meinem Esstisch saß, wir uns über unsere Kaffeetassen hinweg anstarrten und kurze Zeit später weinend und lachend gleichzeitig mit den Köpfen auf dem Tisch lagen. Den Abend Revue passieren zu lassen und die fehlenden Puzzleteile dank aufmerksamer Begleiter zusammen zu basteln, ist fast so schön, wie der Abend selbst.

Ich  freue mich jedes Jahr auf den Beginn des Volksfestes und genauso jauchze ich, wenn es wieder vorbei ist. Jedes Jahr stehe ich mindestens ein Mal gegen 19:30h auf der Bierbank und singe, nein, schreie zu Robbie Williams „Angels“ und nichts wird mich je davon abhalten, nicht mal peinliche Fotos oder Kommentare.
Ach ja. Wenn die Münchner sich mal zwei Wochen im Jahr gehen lassen, dann kann man das doch gar nicht verurteilen. Das Festlein ist eine kleine, schillernde Momentaufnahme. Das schönste daran ist wohl, dass alles sehr schnell passiert und man daher mit dem Verstand nicht hinterherkommt. Das nennt man übrigens den Wiesn-Modus und Mann bzw. Frau befindet sich übrigens darin, wenn sie innerhalb kürzester Zeit vom Schunkeln zum Küssen übergehen. Herr-lich.
Wiesn – i mog di. Aber nach zwei Wochen bist „guad weida!“
© 2011 Ani

Donnerstag, 15. September 2011

Present = Gift

Nachts schließe ich die Tür auf, schlüpfe auf Zehenspitzen hinein und ermahne mich dabei, bloß leise zu sein, um meinen Hund nicht zu wecken, weil sie sonst schwanzwedelnd und vor Freude bellend über den glatten Holzboden fetzt, auf mich zu stürmt und damit das ganze Haus aufweckt. So, wie immer halt. Und dann merke ich, genau in dem Moment, in dem ich die Wohnung betrete, dass sie nie wieder auf mich zurasen wird, mit ihrer unglaublichen Fröhlichkeit.
So wie’s halt immer war.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er leidet wie ein Hund – wie passend – , wenn sich Dinge verändern. Er klammert sich an alltägliche Abläufe, weil er Angst hat vor Veränderung, vor Verlust und vor allem vor dem Loslassen.
Loslassen – wie oft wird dieses Thema in meinem Freundeskreis debattiert. Wann ist es Zeit, Dinge oder Menschen zu verlassen? Oder, andersrum: wie lange kann man sich Zeit lassen, festzuhalten, obwohl schon längst alles der Vergangenheit angehört? In dieser zu leben ist das beste Beispiel für Kontraproduktivität, das wissen wir alle, aber wieviele leben wirklich in der Gegenwart?

In einer der besten Serien, die jemals über den Bildschirm stolziert ist, wird festgelegt, dass man genau die Hälfte der Zeit, in der man in einer Beziehung war, zur Trauer benötigen kann... darf... vielleicht sogar muss. Interessant, dachte ich mir, und fing unweigerlich an, an meinen Fingern die Monate meiner eigenen Trauer abzuzählen, bis ich beschloss, dass knapp drei Jahre Trauer dann doch mehr als verschwendete Zeit wären. Ein neuer Plan musste her.
„Ich plane nie, wozu auch?“, ein Satz, der mich schon seit langer Zeit beeindruckt und den ich versuche zu leben und zwar jeden Tag. Wir werden heutzutage von Weisheiten erschlagen und sollten anfangen, unsere eigenen zu kreieren, sind wir doch schon lange genug hier, um mal ein bisschen schlauer geworden zu sein.
Bist du schlauer geworden? Oder baust du immer noch den gleichen Mist?

Ich glaube, wenn man sich mit dem Lauf des Lebens beschäftigt, kommt man auch besser damit klar, dass es einfach so ist, wie es ist und man seine Zeit nicht dafür hernehmen sollte, die Vergangenheit ändern zu wollen. Vorwürfe zu machen für Entscheidungen, die längst gefallen sind. Und uns meist immer an einen Punkt gebracht haben, der letztendlich dann doch der richtige war. Aha-Effekt? Aber sowas von.

Loslassen – das Zauberwort des Glücklich-Seins. Wenn man sich mal anschaut, wieviele in alten Beziehungen stecken und keinem anderen eine neue Chance geben können. Wenn man sich mal überlegt, wo oft man nicht aus seiner eigenen Haut kann, obwohl man doch so sehr möchte. Ich habe einen Freund, der öffentlich für seine Meinung eintritt und alle anderen kritisiert, die genau das leben, was er eigentlich möchte. Tragisch, diese Maskerade, denn sie trägt ihn gerade nur in die Einsamkeit.

Ich weiß nicht, ob es etwas schwierigeres gibt, als das zu akzeptieren, was man nicht akzeptieren will. Wenn man sich mit allen Mitteln dagegen wehrt und lieber mit seiner Lieblingsdecke auf dem kalten Boden nächtigt, weil man nicht weiß, wie man jetzt auch noch aufstehen soll.

Seitdem ich angefangen habe, ganz genaue Vorstellungen in meinem Kopf zu haben, aber damit klarzukommen, dass ich auch über Umwege ans Ziel kommen kann, fliegen mir die Dinge zu und ich laufe dauergrinsend durch den Spätsommer.
Let go. – Das ist 'ne komplette Lebenseinstellung. Heißt ja nicht, dass man nicht ein bisschen weinerlich sein darf. Oder jammern darf. Aber es muss ja nicht jeder mitbekommen, mal abgesehen vom inner circle. Das Gute daran ist ja, dass nicht nur schöne Momente vorbeiziehen, sondern, dass jede Trauer auch ein Ende hat, bzw. sich verformt und man lernt, damit zu leben und trotzdem glücklich zu sein.
Eugène Ionesco hat mal gesagt: „Die Zukunft ist unser Hemd, aber die Gegenwart ist unsere Haut.“
Genialer Satz. Ich kann der Gegenwart nie entfliehen - besser ist es - aber ich kann entscheiden, wie die Zukunft aussehen soll. Und dann ziehe ich sie mir einfach an.
© 2011 Ani

Sonntag, 4. September 2011

Wie ich versuche, meine Luxusprobleme aufzuessen und daran nicht zu ersticken

In Zeiten wie diesen und in einem Land wie diesem, habe ich oft das Gefühl, dass wir uns selbst umso mehr einschränken, je mehr Möglichkeiten wir bekommen. Das ist wie im Drogerie-Markt. Gäbe es nur zehn verschiedene Deo-Düfte, anstatt gefühlte zehntausend, würden wir alle (statistisch gesehen) öfter mal gleich riechen, könnten aber die Zeit, in der wir ratlos vor dem Regal stehen, sinnvoller nutzen.

Aber die aktuelle Gesellschaft hat sich dagegen entschieden. Wir können alles tun, alles ausprobieren, wir dürfen sein, wer wir wollen. Heute Mann, morgen Frau und solange wir es nicht wissen, können wir auch was dazwischen sein. Der einzige, der uns dabei im Wege steht, sind wir selbst und nur wir, denn alles andere ist überwindbar, ersetzbar, unnötig, Luft, Luft, Luft!

Wir können aus der Tür gehen und brauchen vor nichts Angst zu haben. Wir können nachts in den Pommesbuden dieser Stadt und unseres Vertrauens einkehren, weil sie immer offen haben. Meistens jedenfalls. Wir dürfen uns im Sommerkleidchen auf den dreckigen Asphalt setzen und uns gut dabei fühlen.  Wir dürfen auf offener Straße ein Bier in der Hand halten, ohne es intelligenterweise in einer Papiertüte verschwinden lassen zu müssen.
Wir dürfen studieren, wissen aber nicht was und wenn wir fertig sind, fragen wir uns auch, ob es das richtige war. Wir zählen am Ende des Geldes die restlichen Tage des Monats, aber irgendwie schaffen wir es doch immer wieder, auch mit zwei Jobs glücklich zu sein. Jung zu sein und das Leben zu genießen, weil es einfach so unfassbar lebenswert ist.
Wir wollen spontan verreisen und finden nicht zufällig den mysteriösen, rettenden Geldkoffer im Kofferraum unseres nicht vorhandenen Autos? Schwupps, da gibt es Billigflieger, deren Angebote günstiger sind als die Anreise zum Flughafen.
Irgendwie haben wir es immer wieder geschafft. Und je länger ich darüber nachdenke, merke ich, dass das, was mich manchmal traurig und gar unzufrieden macht, nur die Ungeduld ist, dass das letzte Fünkchen halt doch noch nicht passt. I.C.H. bin mein einziges Hindernis.

Können wir uns komplett so annehmen,wie wir sind oder schämen wir uns vor Niederlagen, Schwächen, Macken? Verheimlichen wir bewusst Fakten über uns? Werden wir von heute auf morgen Sushi-Liebhaber, weil es halt so unausweglich hip und modern ist? 

Ich habe ja eine Schwäche für 80er Jahre Musik, was manchmal anerkennend gewürdigt, aber meist peinlich berührt abgewiesen wird. Ich schaffe die große Schokokränze-Packung made by Netto und mir wird dabei leider einfach nicht schlecht, jedenfalls nicht so richtig. Meine High-Heels stehen neben meinen Chucks, in meinem Schrank hängen teure Fummel neben ausgeleierten Leggins und ich frage mich so oft, wer davon ich bin, anstatt zuzulassen, dass ich halt beides bin.
Ich habe eine Tätowierung, gar nicht mal so klein, neige aber trotzdem dazu, sie zu vergessen und überlege ständig, mich mal tätowieren zu lassen. Ich rede zu schnell und denke in lebensbedrohlichen Situationen zu langsam - das nehme ich zumindest an. Ich kritisiere, obwohl ich während meiner Argumentation merke, dass ich eigentlich zustimme. Und natürlich würde ich es nie zugeben. Ich besitze sowohl Kassetten von Benjamin Blümchen, als auch von Bibi Blocksberg und diskutiere immer noch gerne mit anderen Fans beider Parteien, weil ich mich einfach nicht für eine Seite entscheiden will.

Hui, krasse Sache, so ein tolles Leben und trotzdem ist ja nach zwei Gläsern Wein alles blöd, man redet über die Liebe und wie sie nicht funktioniert, selbst wenn sie funktioniert.
Oder man hat Angst vor der Zukunft, wobei ich mich ja immer frage, wovor man da immer Angst hat, schließlich ist die Zukunft ein Zeitpunkt, der niemals eintritt. Kannste noch so sehr versuchen, die klopft nicht nachts an deiner Tür, also mal was riskieren, man wird sich ja doch nicht begegnen.

Als ich mal vor knapp zwei Jahren eine schier unbeschreiblich tolle Nachricht bekam, bin ich wie eine Verrückte durch die halbe Stadt gelaufen, ich hab jeden angestrahlt und als ich auf dem Marienplatz ankam, stand da ein Mädchen. Sie hatte ein „Free Hug“ Schild um den Hals, also ging ich auf sie zu und wir haben uns umarmt. Sowas. Das ist es einfach. Davon will ich mehr und ich nehme mir es auch. Ich werde weiterhin nachts barfuß nach Hause laufen, weil ich es überleben werde, wenn ich in eine Scherbe trete. Ich werde weiterhin auf dem kalten Boden sitzen und Eis essen, weil ich in meinem ganzen Leben noch keine Blasenentzündung hatte und die doofe Oma endlich mal klar kommen soll. Und jetzt alle im Chor: I am a king of my own! Har Har Har!
(c) 2011 Ani

Donnerstag, 25. August 2011

Von Trennungen, Briefen und der Queen.

But I gave you all

And you rip it from my hands
And you swear it's all gone
And you rip out all I have
Just to say that you've won

Well now you've won
(Mumford and Sons)

Es gibt unglaublich viele, zwischenmenschliche Beziehungen, in denen einer mehr gibt, als der andere. Das ist meistens der Grund, warum sich Freundschaften verlaufen oder zum Smalltalk-Gequatsche mutieren. In Beziehungen entsteht dadurch Eifersucht und oft eine lange, schmerzvolle Trennung.
Das Gute daran ist, dass in solchen Situationen die besten Lieder entstehen. Die herzzereißendsten Drehbücher werden geschrieben und die schönste Lyrik wird ein paar Jahrzehnte später in Klassenzimmern mehr schlecht als recht interpretiert.

Frauen neigen ja grundsätzlich in solchen Situationen dazu, Briefe zu schreiben. Es sind entweder Schmachtfetzen an den Verflossenen. Oder Erinnerungsversuche a la „weißt du noch….?“ und „eigentlich war doch alles gut, bis….“. Auch ein Klassiker, häufiger verwendet, als gemutmaßt: der Brief an sich selbst. Eine Hommage an die tolle, starke Frau, die man doch eigentlich ist. Die traurige Statistik, die ich hiermit nun selbst stelle ist die, dass ca. 0 Prozent aus der Reihe „männliches Geschlecht“  ähnliches tun.
„Du hast ihm einen Liebesbrief geschrieben? Hast den aber schon getippt, oder?“ So oder so ähnlich musste sich das eine Freundin kürzlich anhören, nachdem sie beschlossen hatte, alles, was sie beschäftigte, niederzuschreiben. 

Mir fällt kaum eine Freundin ein, die noch keinen solchen oder ähnlichen  Brief verfasst und voller Mut in den nächsten Briefkasten geschmissen hat. Mit ihm auch ihre Hoffnung - bis auf den letzten, kleinen Strang, der doch irgendwie immer bleibt. Danach gehen dann trotzdem die meisten zu den zeitgenössischen Methoden über: bei Facebook den Beziehungssatus herausnehmen, publizieren und sich im Bad des geheuchelten Mitgefühls suhlen. Oder die Freundschaft löschen.  Ich finde ja, Freunde aus Facebook zu löschen, ist meistens mehr Kompliment oder Liebeserklärung, als ein Abschließen der Situation. Denn wäre man drüber hinweg, wäre man auch über die Statusmeldung hinweg.

Aber mir fällt kein Mann ein, von dem ich behaupten könnte, er wäre mal auf die Idee gekommen, mit einem selbstgeschriebenen Brief zu punkten. Doch. Einer. Aber der zählt nicht. Denn, so mal by the way und sowas von durch die Blume: das würde ziehen und zwar viel mehr und schneller, als ihr euch vorstellen könnt. Stattdessen hört man immer aus euren Reihen: aber ich hab doch um sie gekämpft! Sie hat aber nicht auf meine aus 27 Zeichen bestehende SMS geantwortet.

Dass man hier aber nicht falsch verstanden wird und es wieder heißt, wir Frauen erwarten halt zu viel: wir wollen keine lyrischen Ergüsse a la Rilkes „…wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt […]“. Nein, nein, nein, ein simple, besitzergreifendes und reviermarkierendes „ich will dich“, reicht vollkommen aus. Wahlweise auch getippt. Oder über fb-Nachricht geschickt. Hmpf.
Was ich damit sagen möchte ist, dass sogar bei oder nach Trennungen immernoch einer mehr gibt, als der andere. Ob es überhaupt möglich ist, mal auf ein gleiches Level zu kommen?

Es ist traurig zu sehen, wie meistens einer zugrunde geht, weil er so viel kämpft und es selbst überhaupt nicht wahrnimmt, bis ihm die Freunde den obligatorischen Spiegel vorhalten. Währenddessen zieht sich der andere nur leicht verletzt aus dem zusammenkrachenden Beziehungsmodell und überschüttet sein schwer verletztes Gegenüber mit der unsagbaren Weisheit, dass man sich ja auch hätte schützen können. Schließlich muss man ja in der heutigen Zeit immer damit rechnen, dass es nicht funktionieren könnte.
Stimmt, wie kann man das auch manchmal vergessen? Dass mal etwas nicht funktionieren könnte. Gut, dass man dann Bescheid weiß und beim Nächsten lieber mal nicht über Nacht bleibt, es könnte ja ein bisschen intim werden und dann ist man gleich wieder so…. naja, äh, nackt. Und bleibt es auch mal für eine Zeit lang, selbst wenn man wieder angezogen ist.

Ihr Lieben, die ihr euch immer schützt und denkt, dass man so durch die Welt laufen kann und trotzdem alles mitnehmen, was es so an Spaß zu entdecken gibt. Die immer gleich einen Schritt zurückgehen, weil man etwas gesagt bekommen könnte, was man nicht hören mag oder sich selbst mal eingestehen müsste, dass es Glücksgefühle auslöst, wenn das Handy klingelt: ihr fallt auch wieder auf die Schnauze, weil jeder irgendwann fällt und das ist so sicher, dass ihr dabei mal zur Abwechslung so gar keine Angst haben braucht.
Ihr lauft am größten Abenteuer vorbei. Mit obligatorischem, queen’schem Winkerer. Danke, nein, hatte ich schon.
© 2011 Ani