Freitag, 15. Februar 2013

Mein Schwein pfeift


Ich stehe im Supermarkt meines Heimatortes. Ein Mann kommt herein. Mein Vater, der neben mir steht, ruft dem Mann zu, ob er morgen schlachten würde. Daraufhin grinst der Mann meinen Vater nickend an. Und ich muss mich auf dem Kassenband übergeben.

Ich bin kein Weltverbesserer. Wirklich nicht. Dafür trenne ich den Müll nicht gut genug und ich fliege auch zu viel durch die Gegend. Weil ich es liebe zu reisen. Da ich allerdings kein Auto habe, mit dem ich die Luft verpesten kann, bin ich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und hoffe insgeheim, dass ich den Hang zum Fliegen dadurch ein bisschen ausgleichen kann.

Nein, ich bin keiner. Dafür bin ich auch oft zu egoistisch. Aber ich versuche immer mehr, meinen Teil dazu beizutragen. Das war ein langer Weg. Lange Zeit war ich Schlüsselkind, meine Nachmittage bestanden darin, stundenlang Bekloppten-TV zu schauen und Fertigpackungen zu mampfen. Wären im Topf noch Reste der Verpackung gewesen, ich hätte es wohl kaum gemerkt. Mein unfassbar nahrhaftes Mittagessen krönte ich dann mit Unmengen an Schokolade. Irgendwie schade, dass ich nie den genetischen Hang zum Übergewicht hatte, besser wäre das mal gewesen.

Und heute? Die Sucht nach der Schokolade ist bestehen geblieben. Nur glaube ich, dass ich sie weniger in mich stopfe, als zumindest versuche, sie zu genießen. Mit dem Alter habe ich einen latenten Hang zum Wein entwickelt. Aber auch diesen schütte ich nur manchmal unbedacht in mich hinein, er ist eher ein treuer Wegbegleiter geworden – beim Kochen, beim Essen, beim gemütlichen Zusammensitzen. Ansonsten habe ich eine ziemlich gute Drehung hingelegt und ich bin fast schon ein bisschen stolz, dass die von selbst gekommen ist und nicht – wie bei einigen, die ich kenne – im Zuge einer Midlife-Crisis Ende 40, gepaart mit diversen körperlichen Erkrankungen. Sie kam freiwillig, ohne Zwang. Das ist doch was.
Irgendwann hatte ich einfach gecheckt, dass Fertigpackungen teurer sind, als alles frisch zuzubereiten. Dann habe ich angefangen, die Inhaltsstoffe zu lesen, und mir wurde immer öfter schlecht. Ich habe einen ganz tollen Spruch gelesen, der mich fast täglich begleitet, und dieser heißt: „Alles, was du auf der Zutatenliste liest und nicht verstehst, versteht dein Körper auch nicht.“ Einfach und doch so genial. Wieso sollte ich meinem TEMPEL etwas hinzufügen, mit dem er nicht weiß, wie er umgehen soll? Bei Schoki ist das natürlich etwas anderes, die wird im Winter als Wärmereserven angelegt – super praktisch – und im Sommer ohne Umwege ausgeschieden. Ganz einfach!

Und sonst? Seit Mai esse ich kein Fleisch mehr. Und es ist nicht so, dass ich es nicht vermisse. Mein Opa war Metzger, mein Papa ist ein Fleischfan und ein Teil meiner Familie schlachtet bis heute. Also ja, ich bin praktisch mit Fleisch groß geworden. Vielleicht ist es das, was es nun so unausweichlich macht, mir Gedanken über diesen irrsinnigen Fleischkonsum zu machen.
Ich liebe Spaghetti Bolognese und ich bin ein Gegner von Fleisch-Ersatz. Nein, Sojastückchen schmecken nicht wie Hackfleisch, das ist mir klar. Deswegen verzichte ich auf dieses Gericht. Und auch auf meine geliebte Lasagne. Angesichts des Pferdefleisch-Skandals kann ich da auch gerade sehr entspannen und lachen – über die doofen Menschen, die diesen gepressten Müll kaufen und in ihre überaus gesundheitsfördernde Mikrowelle packen. Tja.

Ich versuche wirklich, meinen Teil dazu beizutragen. Das, was ich kann, ohne mir dabei ein Bein ausreißen zu müssen. Ohne ein Leben im Verzicht zu führen und dabei die Lebensqualität unter’m Bett zu suchen. Seitdem ich nämlich frische Zutaten verwende und auf Gammelfleisch verzichte, lebe ich automatisch gesund und habe Rezepte entdeckt, die mich auf andere Wolken direkt neben meiner Trüffelnougat-Wolke katapultieren.

Jeder sollte etwas finden, bei dem er das Gefühl hat, einen großen Schritt zu machen. Für sich und für unsere Welt. Und für unsere Mitmenschen. Ich missioniere nicht. Aber spitze Kommentare gönne ich mir. Im Stillen. Oder hier, da ist jeder selbst schuld, wenn er es liest.
Abgesehen davon versuche ich auch, jeden Menschen so zu akzeptieren, wie er ist und DAS ist wirklich eine Lebensaufgabe. Das ist etwas, was mir jemand jeden Tag vorlebt. Weil er es kann. Und ich denke mir: Wenn du das kannst, kann ich es auch. Also versuche ich es. Bis zum Schluss.
Und ich suche mir Projekte, die mich berühren und die es schaffen, dass ich sie unbedingt unterstützen möchte – auch wenn der Geldbeutel noch so leer ist. Denn darum geht es doch: Passion. Leidenschaft, die so groß ist, dass der Verzicht auf etwas (anderes) in den Schatten rückt. Derzeit ist es übrigens „Catching Dreams Afghanistan“.

Was ich gedanklich mit dem netten Schlachter von heute machen soll, weiß ich nicht. Bin noch nicht so weit, dass ich herausgefunden habe, wo ich ihn hin packen soll, in meinen vielen Gehirnwindungen. Denn er ist sicherlich kein schlechter Mensch. Vielleicht ein liebevoller Vater.
Eventuell sagt auch jemand, dass es doch besser sei, selbst zu schlachten und somit die Massentierhaltungen für einige Monate nicht zu unterstützen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht selbst Hand anlegen könnte. Ein Leben auslöschen könnte, das genau die gleiche Berechtigung auf dieser Welt hat, wie ich.

Wir müssen anfangen zu unterscheiden. Wir müssen definieren, was wir wollen. Was sich lohnt. Und was wegfallen kann. Sei es Fleisch. Oder Mülltrennung. Oder Vielfliegen. Oder Pelz kaufen.

Was sind wir uns selbst wert? Was sind uns unsere Kinder wert? Sollen sie in einer Welt leben, in der sie sich bei jedem Schritt, den sie tun, fragen müssen, ob sie mit den Konsequenzen leben können? Weil alles um sie herum am Ende ist?
Wenn jemand neben mir sitzt und sein Steak genießt, aber gleichzeitig beschließt, niemals Pelz zu tragen, dann kann ich gut damit leben. Dann sinkt meine Streitlust, dann atme ich tief ein und hoffe darauf, dass sich bei jedem auf dieser Welt irgendetwas tut.

Auch bei dem Schlachter. Vielleicht, dass er nicht lächelt, wenn er danach gefragt wird. Und sich nur einmal bewusst das schmerzerfüllte Quieken eines hilflosen Tieres anhört.

Übrigens sind der Andere und ich vor kurzem angetrunken beim Döner-Mann vorbeigekommen. Und wir haben überlegt, uns einen zu holen und niemandem davon zu erzählen. Aber wir konnten gemeinsam widerstehen. Vielleicht nicht für immer. Ich setze mich persönlich nicht unter Druck. Aber ich finde, es ist wichtig, irgendetwas zu finden, bei dem die Leidenschaft, seinen Wert zu schützen, größer ist, als der Verzicht, der damit einhergeht.


Für D.   Meinen inneren Schweinehund.

© Ani 2013

Freitag, 1. Februar 2013

Ich muss mal Pipi


Wenn der Jäger nach Hause kommt und seine Beute belächelt wird, ihm über den Kopf gestreichelt wird und er noch lange für Schmunzler sorgt, dann sind wir wohl in einer neuen Zeit angekommen. In einer Zeit, wo man sich durchaus liebevoll über den Jäger lustig machen darf. Denn auch die Frau weiß mittlerweile, wie es abseits der Höhle aussieht und welche Alltagspannen sie erwarten können. Doch vor allem eines sollte sie wissen – und das scheint sie seit gut einer Woche vergessen zu haben: Wie man mit den Pannen umgeht.

Die aktuelle Debatte um einen Politiker, dessen Namen ich angesichts seiner Unpopularität schützen möchte, und eine Journalistin, deren Namen ich wieder vergessen möchte, löst in mir allerlei Emotionen aus. Erst war ich geschockt, wie so eine Situation eine derartige Welle auslösen konnte. Dann war ich gelangweilt. Und habe ab und an ein bisschen gähnen müssen. Und dann war ich so genervt, dass ich mir dachte: Wenn das alle so interessiert, dann sage ich halt auch mal was dazu. Halten wir doch diese Debatte um HIMMELS(reichs) Willen so lange am Leben, wie es nur geht.

Männer sind Männer und Frauen sind Frauen. Daran wird sich nie etwas ändern, da können noch so viele Fußballer inoffiziell schwul sein oder hippe Familienväter beim Kauf von Baby-Gläschen ihre wahre Erfüllung finden. Auch Olivia Jones kann uns da nichts vormachen, wenn sie ihre männlichen Beine rasiert.
Männer werden immer mit ihrem Kumpel am Tresen stehen und frauenfeindliche Witze reißen, während Frauen immer die Bar betreten, um gesehen zu werden. Wem das nicht passt, der muss es trotzdem schlucken, denn passend gemacht wird hier nix. Und angesichts dieser Tatsache, die sich jedes Männlein und jedes Weiblein doch bewusst ist, finde ich es traurig, dass viele ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Von Übergriffen und Belästigungen war nie die Rede. Wer denkt, dass ein Gespräch spät am Abend an einer Hotelbar keine Einladung für harmlose Flirterei ist, der sollte zu Hause bleiben, das Dirndl im Schrank lassen oder mit seinem Bruder Einen trinken gehen. Aber nur mit dem Großen, der kann dann beschützen, falls die bösen Politiker sich einfach nur spitzzüngig wehren wollen gegen bissige Kommentare der Presse, die leider nie den Mund hält.
Hier geht es überhaupt nicht um wirkliche Übergriffe, um Frauen, die leiden, weil sie sich nicht zu helfen wissen. Hier geht es um Menschen, die ihren Job gut machen wollten und sich beide zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Von Opfern sehe ich hier keine Spur, aber wenn wir Frauen uns wieder zu Opfern machen wollen, dann sollten wir den Kampf um Gleichberechtigung und die Realisierung von Führungspositionen im dritten Monat einer Schwangerschaft aus dem Kopf schlagen. Mädels – ihr könnt nicht beides haben. Also hört auf, euch als schwaches Geschlecht darzustellen. Im Grunde wissen wir alle, dass wir die Männer in der Hand haben. Und die wissen das auch und finden es nicht mal schlecht.

Der Spruch, der gefallen ist, ist in meinen Augen ein Kompliment. Ein noch Größeres dazu, angesichts der Provokation seitens Weiblein im Vorhinein. Hut ab, ich hätte mich wohl kaum zurückhalten können, nicht zurückzuschießen. Und ich kann absolut ehrlich sagen: Spätestens im Nachhinein habe ich mich immer über jedes Kompliment gefreut, das ich bekommen habe. Sei es absolut harmlos und nett oder gar anzüglich bis unerträglich gewesen – dahinter steckten ehrlich Absichten, die aufgrund eines hohen Alkoholpegels nicht mehr zu verdecken waren. Was ist nun schlimm daran? Fühle ich mich durch einen Kommentar so unwohl, dass ich die umliegende, gelöste Atmosphäre und die anwesenden Gäste vergesse? Und dadurch das Bedürfnis des Befreiungsschlages so groß wird, dass das ganze Land zuhören und sich unwillkürlich eine Meinung bilden muss? Zu einem Thema, das sicherlich jede Frau schon irgendwann mal erlebt hat oder erleben wird?

Ich finde es bedenklich, wie im Allgemeinen mit dem Thema der sexuellen Belästigung gerade umgegangen wird. Während die einen sich in Diskussionen über die Do’s und Don’t’s an einer spärlich beleuchteten Hotelbar verstricken, denken die Anderen, soziale Netzwerke wären DIE neue Plattform, um einen #Aufschrei zu starten. Da frage ich mich: Wem bringt es etwas, dass tausende von Frauen nun veröffentlichen, wann und wo sie sich aufgrund welcher Begebenheit einmal bedrängt gefühlt haben? Warum können wir uns auf einmal nicht wehren? Mag hart klingen, aber ich selbst kenne solche Vorfälle genügend, meine Freundinnen auch. Nicht eine von ihnen hat sich nicht gewehrt – sind wir nun die große Ausnahme? Ich denke nicht.
Was wir mit alledem nun lostreten, ist keine positive Veränderung für belästigte Frauen im Land. Was wir in Gang bringen sind Männer, die so verärgert darüber sind, dass sie erst Recht den Macho heraushängen lassen oder verängstigt reagieren, weil sie schon vorher Probleme hatten, Frauen anzusprechen. Bald haben wir die Wahl zwischen dem Kerl, der den Mund nicht hält und uns angrabscht und dem Mann, der den Mund nicht aufbekommt und Schweißausbrüche kriegt, wenn er in unseren Ausschnitt starrt. Weil er Angst hat, demnächst vom halben Land verteufelt zu werden. Großes Kino.

Es ist doch so schon nicht einfach, ein gelockertes Gespräch zwischen beiden Parteien entstehen zu lassen. Wer weiß, wie das nächtliche Zusammentreffen nun deutschlandweit weitergeht. Ich hoffe sehr, dass sich keiner einschüchtern lässt und zu sich steht. Und dem Pseudo-Opfer-Dasein den Rücken kehrt. Wo ist denn die Pipi Langstrumpf in uns? Ich selbst bin nach Annika Settergren, ihrer latent-langweiligen Freundin benannt, und weiß trotzdem, mich zu wehren. Weil Pipi immer meine Freundin war und mein Papa mir gesagt hat, dass ich jedem auf die Nase hauen darf, wenn er mir blöd kommt. Das können alle anderen auch.

Übrigens schnuppere ich selbst gerade Presseluft und habe dahingehend auf Heino getroffen. Heino, ein Softie, der jetzt auf Rocker macht. Meine vorgefestigte Meinung dazu habe ich gerne revidiert, als ein Mann vor mir saß, der zu allen Facetten seines Wesens stand: Härte und Weiche. Er spricht mit so einer tiefen und vollen Stimme, dass man ihm stundenlang zuhören möchte, sagt aber gleichzeitig, dass er keine zwei Tage von seiner Hannelore getrennt sein kann. Da kann ich gar nicht fies sein, da bin ich auf der Stelle Fan geworden, vor allem, als er das einzig Wahre sagte, von dem wir uns alle was abschneiden sollten: „Ich habe mich noch nie ernst genommen und das mache ich bis heute nicht.“
Ach, Heino. Vielleicht brauchen manche Journalisten einfach noch ein bisschen Zeit. Schließlich bist du ja auch schon 74.

Wir brauchen weiterhin die Jäger und Sammler, das ist doch klar. Wir wollen stolz sein dürfen und auch mal zurechtgewiesen werden. Aber wenn wir Frauen dann mal loslegen und zeigen, dass wir uns längst freigestrampelt haben– dann freuen sich doch ehrlich gesagt alle Männer so sehr, wie ein Dschungel-Opfer über den Spa-Bereich.

© Ani 2013

Donnerstag, 17. Januar 2013

Das Müsli-Experiment


An Weihnachten habe ich meine Uhr bei meinen Eltern liegen gelassen. Da könnte man jetzt hineininterpretieren, dass ich mich unbedingt entschleunigen, will, muss, sollte, könnte... oder, dass sie mir einfach nicht mehr gefällt. Es ist eine goldene Casio-Uhr, Neuauflage der 80er-Jahre-Version. Ich hatte sie vor über zwei Jahren gekauft, als sie KEINER trug und mag sie nicht mehr so sehr, seitdem sie wirklich JEDER hat. Abgesehen davon, habe ich eigentlich gerne eine Uhr am Handgelenk, denn ich bin ein überaus wissbegieriger Mensch, wenn es um die aktuelle Uhrzeit geht. Und sie ist ein unumstrittenes Hilfsmittel im Kampf gegen die Unpünktlichkeit. Denn ich möchte sowohl im Moment leben als auch pünktlich sein!

Trotzdem. Ich bin dieser Tage sehr rastlos und das liegt nicht (nur) am neuen Jahr, sondern war auch schon die Wochen vorher so. Ich komme kaum zum Meditieren (das war gelogen, ich meditiere gerade gar nicht) und das letzte Mal Joggen an der Isar habe ich noch durchgezogen, als es so etwas wie Sonnenschein gab. Obwohl das für mich lange Zeit ein richtiges Ritual darstellte, um abzuschalten und für mich zu sein. Rennen für die Entschleunigung – klingt komisch, hat aber immer wunderbar funktioniert. Zurückgekommen von der Tour bin ich immer als fast neuer Mensch voller Motivation, Tatendrang und guter Laune. Eine mittelgroße Schande soll mich überkommen, angesichts dessen, dass ich mir dieser Tatsachen bewusst bin und sie nicht genügen, um mich bei meinem derzeitigen Aufenthalt in Hamburg dazu zu bewegen (Wortwitz), um die Alster zu joggen.

Ich muss mich anderweitig entschleunigen, mich wenigstens sekundenweise dazu zwingen. Wenn ich es schon nicht schaffe, großartige Dinge derzeit zu leisten  - für mich, meine ich – dann müssen kleine Schrittchen her. Angefangen habe ich damit, morgens mein Müsli zu futtern, dabei Kaffee zu schlürfen und – und? Nichts weiter. Oha, das ist so unglaublich schwer am Anfang. An die Wand gucken. Oder aus dem zweiten Stock, wo es nichts zu sehen gibt, außer der Reklame gegenüber. Augen schließen ist leider auch keine Option.
Etwas zu tun, was einem nicht leicht fällt, und das auch noch über einen längeren Zeitraum hinweg, kann einen schon ein bisschen stolz machen. Egal, wie kinderleicht es für andere scheint – oder meinetwegen sinnlos.

Kleine Schritte können ganz groß werden, schon klar. Aber irgendwie sehne ich mich nach mehr. Und Meer. Ich möchte wiedermal komplett aus dem Alltag aussteigen und lernen, wie es auch anders gehen kann. Ohne Uhrzeit, ohne Pünktlichkeit, ohne Zwänge, ohne gesellschaftliche Verpflichtungen und Knigge. Nicht dass ich mich an Letztere halten würde, aber beeinflusst wird man ja sehr in dieser westlichen Welt – wenn man nicht will, grenzt das schon fast an eine Rebellion. Also zieht es mich im März gen Osten, da hin, wo ich schon seit zwei Jahren hin möchte. Immer wieder kam etwas dazwischen, immer wieder hatte ich niemanden, der mich begleiten wollte, also lies ich die Chance wieder und wieder vorbeiziehen - somit auch die Zeit - und harrte es aus, das Warten auf ein Zeichen von oben. Aber jetzt ist es so weit.
Ich möchte mich entschleunigen, im wohl chaotischsten Straßenverkehr der Welt, weil ich mir sicher bin, es da am besten lernen zu können. Barfuß in den schönsten Tempeln, beim Meditieren zum Sonnenaufgang und am Sandstrand mit Kokosmilch. Direkt aus der Nuss, nicht aus der Verpackung. Ja, man gönnt sich ja sonst nichts und schließlich ist das ein wichtiges Vorhaben für mein Seelenheil.

Am Abend vor meinem Geburtstag werde ich zurück sein und ich hoffe, dass ich alle Eindrücke ins neue Lebensjahr mitnehmen kann. Um die Gelassenheit, die mal mindestens mein fünfter Vorname war, auch hier wieder zu haben. Ohne viel dafür tun zu müssen, schließlich würde ich gerne alle paar Wochen so lange verreisen, bis ich es schaffe, für mich still zu stehen und angekommen zu sein. Aber ich finde es auf Dauer zu einfach, das mit "Urlaub" herzustellen. Sich überschütten zu lassen mit fremden Eindrücken zeugt nicht gerade von einer kreativen Lösung. Deshalb meine kleinen Lösungen vor Ort und bis dahin, wie eben beispielsweise mein Müsli-Experiment.

Und wieso sind gerade so viele ruhelos? Ist die Antwort einfach nur, weil das alte Jahr noch nicht abgeschlossen ist und das neue Jahr noch komplett unklar? So erklärte es zumindest kürzlich eine Stresstherapeutin. Weil wir uns so schwer tun, gelassen zu sein, wenn der Terminkalender noch leer ist, und wir aber gleichzeitig doch so viele Herzenswünsche und Vorsätze mit uns tragen? Es ist schwer, Gelassenheit zu üben, wenn man quasi auch noch dazu verdonnert wird. Weil eben alles noch so in der Schwebe hängt. Vielleicht hilft es ja, sich zu sagen, dass das neue Jahr nur leer ist, weil wir es dazu gemacht haben. Gäbe es kein neues Jahr, gäbe es auch keine Deadline vorher und somit würden wir uns wahrscheinlich eher in einer Endlosschleife befinden. Ob die allerdings be- oder entschleunigen würde, kann ich so jetzt auch nicht adhoc sagen.

Gelassen bin ich persönlich, wenn alles reibungslos funktioniert. In allen anderen Fällen nicht. Oft bin ich hibbelig, zumindest im Kopf, denn bis in die Füße reicht es derzeit ja leider nicht. Ich bin zum Beispiel einer der Menschen, die regelmäßig mit anderen zusammenstoßen, weil ich SMS schreibe, während ich laufe. Warum? Weil ich ein schlechtes Gewissen kriege, wenn ich eine Nachricht gelesen habe, aber nicht antworte. Oder aber die Shuffle-Funktion meines Handys befriedigt mich nicht schnell genug und ich klicke minutenlang weiter, anstatt die Lieder einfach anzuhören. 


Ein alter Schulfreund und wunderbarer Musiker singt dazu: 


"Völlig gleich, wie oft du auf die Uhr schaust, es bleibt jetzt. Egal, wie du dich hetzt. (...) Keine Sorge, es tut dir nichts, wenn du es ignorierst. Und einfach nur passierst." (Spacemann Spiff - Ab heute immer jetzt)

Ich möchte eine Balance finden. 
Die Großstadt, in der ich mich verlieren kann, wenn ich möchte. Meditieren, damit ich Antworten finde auf Fragen, die mir die Großstadt stellt. 
Hummeln im Hintern, wenn ich sie brauche, um weiterzukommen. Gelassenheit, wenn ich im Stau stehe und mir Hummeln nur noch mehr im Weg stehen. 
Mich streiten, damit die Fetzen fliegen, aber währenddessen bei mir bleiben. Und innerlich lächeln.

Brauche ich dazu eine Uhr? Die Zeit wird es zeigen.

(c) Ani 2013


In diesem Sinne:



Mittwoch, 2. Januar 2013

Nein, ich will


Ok. Als ich über Weihnachten viele alte Freunde besucht und gleichzeitig viele neue Gesichter kennengelernt habe, bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Die Mädels und Jungs fangen an zu heiraten. Oder Häuser zu bauen. Wahlweise auch beides, teilweise gleichzeitig.
Zu Gast war ich bei Bekannten, die nicht viel älter sind, als ich selbst, und gerade ein riesiges Neubauhaus in eine noch riesigere Neubausiedlung gestellt haben. Schön, relativ leer, supermodern, mit Bildschirmen in Wänden, wo ich sie nicht verstehe und tollem Kamin, der die Kombination aus Wohlfühlatmosphäre und kühlem Trend zur Geltung bringt. Hach.
Vom ersten Moment an hatte ich das Gefühl, ich sei ein Teenager, der irgendetwas kaputt machen könnte. Und daran hatte aber weder das Haus Schuld, noch die Leute – es lag einzig und alleine an mir.

Auf der Heimfahrt habe ich überlegt, wie viele verschiedene Arten des Lebens und Zusammenlebens es gibt. Und wie man dazu neigt, sie zu pauschalisieren – und zwar in zwei Kategorien. Die Menschen, die eher ländlich wohnen, und die, die es vorerst in die Städte gezogen hat. Die meisten meiner Freunde, die dort zurückgeblieben sind, wo ich aufgewachsen bin, befinden sich in oben genannten Angelegenheiten im absoluten Schnelldurchlauf. Ausbildung, Zusammenziehen, Heiratsantrag, Haus bauen, inklusive leerem Zimmer als Alibi-Arbeitsbereich. Ich frage mich, wie und wann die das in der Zeit hinbekommen haben, während ich mit meiner besten Freundin über unglaublich lausige Dates gelästert habe und immer wieder weitschweifend darüber nachdachte, was ich denn jetzt mit meinem Leben so anstellen solle.
Die Menschen, die ich in der Stadt kennengelernt habe, Menschen mit ähnlichen Lebensvorstellungen wie ich, die bewohnen noch WGs oder kleine Apartments, in denen die Küche neben dem Bett ist. Sie sind entweder Langzeit-Singles oder befinden sich in Beziehungen, die sie allerdings nicht daran hindern, ordentlich feiern zu gehen oder Auslandspläne zu schmieden. Und wenn sie das Wort Baby hören, kriegen die meisten einen Hustenanfall. Alles ein bisschen chaotisch, alles ein bisschen ohne roten Faden – vielleicht gerade deswegen gefällt es mir so sehr.

Vor einigen Jahren habe ich im Schaufenster eines kleinen spanischen Designerladens ein Brautkleid im Schaufenster gesehen. Ich habe mich auf der Stelle unsterblich verliebt und es abfotografiert. Seitdem habe ich es vielen Leuten gezeigt, vor allem Männern, die potenzielle Heiratskandidaten waren. Ich dachte, wenn sie es schaffen, sich ein Brautkleid anzusehen ohne wegzurennen, dann könnte es was Ernstes werden. Jedenfalls fanden es alle meine Freundinnen wunderschön, die Männer jedoch hatten immer etwas daran auszusetzen. Mir ist das egal, das Kleid wurde ohne Zweifel nur für mich geschneidert (ironischerweise ist es mir in dieser Boutique übrigens aufgefallen, als meine damalige Beziehung in Trümmern lag).

Ich selbst sehe mich als emotionale Planerin – ich möchte immer verliebt, überrascht und neugierig sein, jedoch den Rahmen des Ganzen spanne ich. Zum Beispiel wusste ich schon immer ganz genau, wie so ein perfekter Antrag auszusehen hat, aber würde ich ihn vorher schon wittern und somit nicht überwältigt sein, würde ich ihn wohl trotzig ablehnen und erwarten, dass das Ganze nochmal neu geplant werden würde. Auch auf den Ring soll meine beste Freundin gerne im Vorfeld einen Blick werfen.
Aber, um ehrlich zu sein, all das sage ich nur, weil mir noch kein Antrag gemacht wurde. Weil ich nicht weiß, wie es sich anfühlen muss, wenn sich der Mensch, den man liebt, allen Mut zusammennimmt und fragt, ob man den Rest des Lebens mit ihm verbringen will. Weil man sich so einen Zauber in der heutigen Schnelllebigkeit kaum vorstellen kann. Denn irgendeiner wettert immer dagegen, kommt mit Scheidungsstatistiken, ansteigenden Zahlen von Eheberatern, der finanziellen Unsumme einer Scheidung und so weiter.

Eine Bekannte kam kürzlich in den Genuss eines Antrages. Und auch wenn dieser aus einem Missverständnis und Aufregung heraus total schief gelaufen war, so war ich dennoch unglaublich gerührt, als ich davon gehört hatte. Denn was ja eigentlich und nur zählt, ist das Versprechen, welches sich beide gegeben haben. Egal, ob es vielleicht irgendwann gebrochen wird. Wir sind alle nur Menschen, wir können die Zukunft nicht sehen und wir können auch nicht beeinflussen, ob sich Menschen verändern. Aber wir können zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas wollen. Uns sicher sein. Es versuchen und versprechen. Für unser Gegenüber und für uns selbst.

Tendenziell werden wir aber immer älter, bis wir solche Schritte wagen. Ich kann das gut nachvollziehen. Weil ich noch so viel vorhabe, was mit Familie nicht möglich ist. Oder vielleicht, weil ich noch ein bisschen auf mich selbst aufpassen möchte, bevor ich wirklich Verantwortung für andere übernehmen will. Aber im Grunde sprechen wir hier von den Dingen des Lebens, für die wir doch alle leben. Am Ende des Tages wird kaum einer Nein sagen zum Häuschen im Grünen, mit Hund im Garten, Bio-Eiern und netten Nachbarn.

Doch muss man dazu heiraten? Ich frage das, weil es in meinem Bekanntenkreis häufig diskutiert wird. Muss man sich also auf einmal wieder mit der Kirche anfreunden, nur, weil man mit charmanten Vorstellungen eines solchen Tages aufgewachsen ist? Wird deswegen das Heiraten am Sandstrand unter freiem Himmel immer populärer? Weil das Mädchen nicht auf das Kleid, die Romantik und das Versprechen verzichten möchte, der Mann aber aus der Kirche ausgetreten ist? Kann man die Kirche an dem Tag ausblenden und trotzdem sein Versprechen vor Gott leisten?

Meine (sehr gebildete) Freundin klärte mich ja übrigens kürzlich darüber auf, dass von früher her gesagt wird, die Ehe sei schon immer ein Entgegenkommen für das schwache Geschlecht gewesen. Man gebe ihm dadurch Sicherheit. Aha, da hat sich aber so Einiges, äh, weiterentwickelt. Angesichts dessen, wie viele Ehen über die Jahre einschlafen und man am Ende pleite wegen der Scheidung ist, vermittelt sie vieles, nur nicht Sicherheit.

Viele Städter leben übrigens in wilder Ehe und bauen kein Haus, sondern mieten sich eine schnieke Altbauwohnung. Und bei diesem Gedanken höre ich wieder das Landei in mir, dem das irgendwie auch nicht so recht wäre.
Was genau ich wirklich will, das kann ich weiterhin planen. Um dann alles zu verwerfen, weil mein Gegenüber andere Pläne geschmiedet hat – es gehören ja unglücklicherweise immer zwei zum Heiraten.

Und da muss ich an einen Satz aus meinem Lieblingsbuch denken, da heißt es von Steffi von Wolff: „Würde mich jemand heiraten, wenn ich verspreche, nein zu sagen?“ 
Vielleicht müssen wir ja, um all die Zweifel und Zukunftsängste weglächeln zu können, erst mal Nein sagen, um uns Ja zu trauen.

Ich hätte ja übrigens ein Kleid. Und wenn mir niemand einen Antrag macht, dann trage ich es trotzdem irgendwann. Am Strand oder so.

© 2013 Ani

Donnerstag, 20. Dezember 2012

In den Schuhen meiner Beziehung


Ich sitze mit dem Anderen am Esstisch, als er sich die Küchenrolle zur Hand nimmt, an seinen Mund hält und irgendetwas Unverständliches in mein Ohr brüllt. Daraufhin lacht er - so, wie er eben immer lacht - während ich versuche, mir ein Lächeln zu verkneifen (was ich gerade übrigens auch tue) und bitte ihn, doch erwachsen zu werden.

Wenn ich meinen Freundinnen erzähle, er müsse anscheinend sein inneres Kind ausleben, dann lachen die Vergebenen und sagen, sie hätten ebenfalls einen Michel aus Lönneberga zu Hause sitzen.

So unterschiedlich zwei Menschen auch sein können – stecken sie in einer Beziehung, so haben sie die besten Chancen, genau daran zu (er)wachsen. Zu erkennen, dass das, was sie am meisten kritisieren, oftmals das ist, was sie selbst wollen. Oder nicht können. Oder beides. Dann sollte man handeln, denn wenn die Leichtigkeit geht, dann geht auch langsam alles andere.

Ich lerne zum Beispiel gerade, mehr Selbstbewusstsein aufzubauen. Obwohl ich Schauspielerin bin und die Menschen, die mich gut kennen auch sehr oft die Bekanntschaft mit meiner großen Klappe machen, kann ich auch ganz schnell ganz schüchtern und zurückhaltend sein. Lächeln, obwohl mir eher nach Weinen ist. Die Klappe halten, obwohl ich doch so viel zu sagen habe.
Also lerne ich es jetzt. Von ihm. Und bei den Dingen, die mich dann immer noch nerven, frage ich mich, was mich wirklich daran stört. Und warum überhaupt. Was dahintersteckt. Und ob ich darüber hinwegschauen kann, weil es doch eigentlich so nichtig ist.

Das mag vielleicht sehr anstrengend oder pseudo-psychologisch klingen, aber mir hilft es dabei, immer wieder an den Punkt zu kommen, an dem ich dankbar für meinen Anderen bin - weil ich mich lieber mal divenhaft aufrege, als niemanden zu haben, über den ich mich aufregen kann. Und danach trotzdem küssen darf. Har Har Har.

Im Grunde ist es aber immer gleich: Wenn er mir auf die Nerven geht, dann giggelt mein kleines Mädchen und die Frau in mir rollt gleichzeitig die Augen. Auf hohem Absatz und im Kinderschuh - kein Wunder, dass ich so oft verwirrt bin.
Wir stehen uns manchmal selbst im Weg, wissen gerade noch, wo wir herkommen, aber manchmal so gar nicht, wo wir hinwollen. Wir suchen uns jemanden dazu, dem es vielleicht genauso geht und gerade dann hilft nur die gute, alte Leichtigkeit, mit der man Hand in Hand durch die junge Beziehung schreiten kann. Oder hüpfen.

Manche sind ja der Meinung, Gegensätze würden sich anziehen. Und wiederum andere behaupten, dass man genug Gemeinsamkeiten für eine funktionierende Beziehung haben muss. Ich persönlich habe keine Ahnung. Wer gemeinsam gerne Ski fahren geht, ist nicht davor gefeit, sich trotzdem im Urlaub zu trennen. Eventuell, weil einer von beiden schlechter unterwegs ist und den Partner umfährt. Und wer anfangs die Unstimmigkeiten anziehend fand und immer von leidenschaftlichem Feuer geredet hat, kann sich schnell erschöpft bei der Paartherapie einfinden. Sparflamme auf dem Sofa.
Und irgendwo, zwischen all diesen Beziehungs-Irrungen und –Wirrungen versuche ich, meine ganz Eigene zu gestalten. Versuche, an den Herausforderungen zu wachsen, die Unterschiede zu überbrücken und die Gemeinsamkeiten auszuleben. "Klingt ja ziemlich erwachsen", sagte das verliebte Mädchen in mir und trat schmollend mit ihrem Glitzerschuh gegen mein Schienbein. Also habe ich eingeräumt und was daraufhin passierte, war Folgendes:

Gestern Abend bin ich vergnügt durch die Wohnung gehüpft, mit meinem Glas Weißwein in der Hand. Als wir dann am Esstisch saßen, meinte der Andere spitzbübig:
„Schön, dass du wieder gut drauf bist! Im Gegensatz zu gestern, da warst du ja eher schlecht gelaunt.“ Ich fühlte mich ein wenig ertappt und erwiderte räuspernd. „Ja und? Ich habe eben einen facettenreichen Charakter.“ Die zwei paar Schuhe gefallen mir ehrlich gesagt beide ganz gut.

Als ich übrigens gefordert hatte, er solle erwachsen werden, tat mir die Aussage im gleichen Moment schon fast wieder leid und ich dachte sofort: Verlange ich schon wieder zu viel? Wo versteckt sich die Leichtigkeit, wenn man sie so dringend braucht? Und wo sind meine blöden Glitzer-Ballerinas? Hallo? Hallo...!?

Ganz lieb sagte er dann: „Versprochen“. Und leckte mir über die Nase.

(c) Ani 2012

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Das Gespräch der Hirnlosen

Was macht man, wenn man mit einem Menschen nicht über das Small-Talk-Niveau hinauskommt? Klar, akzeptieren, dass derjenige einfach nicht mit mir auf einer Wellenlänge ist, das wäre eine einfache, aber klare Lösung. Nur was, wenn der Mensch sich auf unbestimmte Zeit ins eigene Leben gesetzt hat, also z. B. die Partnerin des Bruders oder der beste Freund der allerbesten Freundin ist? Ja, da wird es schon schwieriger.

Ich hasse Small-Talk und hoffe, dass ich da für die meisten (bitte alle) spreche. Wenn ich mit jemandem über Belanglosigkeiten rede, weil man sich noch nicht gut genug kennt für Intimitäten oder, weil man sich einfach nicht genauer kennenlernen möchte, dann beobachte ich mich immer von außen und könnte mir direkt vor die Füße kotzen. Ein nettes Lächeln hier, ein Plausch über das triste, norddeutsche Wetter da, zack ist es fertig, das Geschwätz der leeren Hirne – und ich bin eins davon. „Mittendrin, statt nur dabei!“, schreit die eine, noch funktionierende Hälfte, bevor auch sie gänzlich verstummt.

Ich bin ja eher Typ Herz auf der Zunge. Wenn ich ein Gläschen Wein intus habe und mir jemand vorgestellt wird, den ich sofort r-e-i-z-e-n-d finde, dann bin ich ab dem ersten Moment ungehalten. Gerne erinnere ich mich zurück an das Kennenlernen eine meiner Freundinnen. Wir dateten damals den gleichen Typen kurz hintereinander. Ich war die Erste, als kleine Randinformation. Als er sie dann zu einer Feier mitbrachte, trank ich mir Mut an, denn es gab nur eine Mission für mich an diesem Abend: Ausspionieren. Also habe ich mich dezent schwankend an sie herangepirscht und pseudo-unwissend angesprochen.  „Na, und mit wem bischd duuu hieaa?“
Zehn Minuten später lagen wir uns in den Armen, hatten eine gemeinsame Weltreise geplant und beide zugegeben, dass der Mann, den sie gerade und ich vorher gedatet hatte, irgendwie eher eine Frage, als eine Antwort sei. Ich gebe zu, der Alkohol hatte diese große Sympathie natürlich unterstützt – wir verstehen uns aber nach wie vor genauso gut, übrigens auch während ihrer Schwangerschaft, da tranken wir nämlich beide nichts.
Im Allgemeinen habe ich es bis jetzt noch nie bereut, sehr schnell den in meinen Augen wunderbaren Menschen näherzukommen. Wozu auch über das Wetter reden, wenn jeder die App dafür auf seinem Handy hat? Wozu Komplimente über das Kleid machen, wenn es immens unvorteilhaft geschnitten ist? Eben.

Was aber tun, wenn man weiß, dass da jemand ist, mit dem man sich früher oder später auseinandersetzen muss, aber jedes mal nach Worten ringt, weil einem nichts, einfach nichts einfällt? Leere im Kopf. Es ist ja auch einfach eine traurige Sache, schließlich ist man sich nicht automatisch unsympathisch, nur, weil man keine Gemeinsamkeiten hat. Ich bin unsportlich, mal abgesehen von Yoga und einer auf Eis gelegten Ballettkarriere – wie soll ich mich also mit jemandem unterhalten, der alle Sportarten dieser Welt beherrscht und ich schon Ausschlag kriege, wenn ich nur an eine davon denke? Ist es denn zwischenmenschlich legitim, mit jemandem auf einem oberflächlichen Niveau zu bleiben, obwohl er ein wichtiger Bestandteil im Leben eines mir wichtigen Menschen ist? Ausweglos, scheint es mir, aber beim Small-Talk will ich es eben nicht belassen.

Eventuell hilft ja auch hier ein Gläschen – oder eine Flasche – Wein. Dann überschütte ich die betreffende Person einfach mit peinlichen Anekdoten aus meinem Leben (oder dem Leben meiner Freunde) – soll, wie wir seit Bridget Jones wissen, ungemein sympathisch wirken. Damit ist dann vielleicht der Weg für gemeinsame Peinlichkeiten geebnet – und die schweißen bekanntlich am stärksten zusammen.

© Ani 2012

Samstag, 1. Dezember 2012

Ich kaufe einen Kompromiss und möchte lösen


Macht man einen Kompromiss für sich oder für jemand anderen? Oder für beide? 
Wenn ich will, dann bin ich gut im Kompromisse machen. Zum Beispiel bin ich dazu bereit, einen grauen, nebligen Tag im Bett zu verbringen und mich nicht zu bewegen, obwohl ich eigentlich so viel geplant hatte. Kein Problem, ich bin ja flexibel.

Aber bei so manch anderen Kompromissen stecken große Erwartungen dahinter, die zu zerplatzen drohen in dem Moment, in dem die Erwartung enttäuscht wird und ein Kompromiss vor der Tür steht. 
Ich habe in letzter Zeit für meine Verhältnisse viel gestritten, sowohl mit guten Freunden als auch mit meinem Anderen oder meiner Mutter. Manchmal ging es von mir aus, manchmal waren es überschäumende Situationen oder lange, totgeschwiegene Probleme, die langsam aber sicher an die Oberfläche wollten. Und jedes Mal stand man vor der Wahl, einen Kompromiss anzunehmen, einen zu offerieren oder - im schlimmsten Fall - sich erstmal umzudrehen, weil eine Schnittstelle so weit entfernt lag, wie weiße Weihnachten in Australien. 

Die Frage ist doch eigentlich immer die: Wie viel bin ich bereit zu geben, um etwas, das mir wichtig ist, zu halten? Also, wie lange möchte ich streiten, um keinen Kompromiss eingehen zu müssen und wann ist mir alles Recht, nur damit man wieder gemeinsam lachen kann?

Ich persönlich kam in letzter Zeit oft an den Punkt, an dem ich gezwungen wurde, mich immer wieder zu fragen, ob ich zu viel verlangen würde. Vor allem vom Partner, da greift man ja nur zu gerne zu. Ich versuche mir dann immer vorzustellen, was ich tun würde, wäre ich in der Situation des mir Gegenüberstehenden - und zu meinem eigenen Leid musste ich mir oft eingestehen, dass mir sicherlich das Gleiche passiert wäre, sprich: Ich hätte mich oftmals genauso verhalten. Doch nur, weil wir in der anderen Position sind, nehmen wir uns so oft heraus, zu urteilen, zu verlangen und einfach so zu tun, als würden wir es immer und zu jeder Zeit besser wissen. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich an einem seidenen Faden hänge, eine brennende Schlucht unter mir und trotzdem hätte ich alle meine Termine im Kopf, während ich dem Anderen fast minütlich vorwerfe, irgendetwas, in meinen Augen unglaublich Wichtiges, wiedermal vergessen zu haben - trotz Kalender und ohne brennende Schlucht. 

Zwischen Mann und Frau herrscht teilweise noch mehr, als eine brennende Schlucht. Während wir B sagen, denken die Männer immer noch an A und in der Zeit, in der sie versuchen, uns zu verstehen, haben wir Frauen schon wieder beschlossen, anderer Meinung zu sein. Dass ich da manchmal in ratlose Augen schaue, verstehe ich. Schon Loriot wusste die sprachlichen Probleme zwischen Mann und Frau zu verdeutlichen, indem er anhand des zu hart gekochten Frühstücksei aufzeigte, wie weit wir manchmal entfernt sind und dass wir oftmals bereit sind, uns an Kleinigkeiten hochzuschaukeln, anstatt den Kompromiss einzugehen, die Klappe zu halten. Und das Ei einfach aufzuessen.

Ich erwarte unglaublich viel und zwar vor allem aus dem Grund, weil ich auch sehr viel gebe - oftmals mehr, als ich müsste. Aber Erwarten ist im Allgemeinen recht ungesund und am Ende steht man meist alleine da. 
Bewundern tue ich die Menschen, die einfach nur geben und bei dem Gedanken eines Geschenkes vor Scham ganz ehrlich rot werden und reinen Herzens den abgedroschenen Satz "Das hätte wirklich nicht sein müssen" sagen können. Ganz einfach, ganz bescheiden, keine falschen Erwartungen, ergo keine Enttäuschungen. Vielleicht liegt das in der Natur jener Menschen und für alle anderen ist es einfach zu anstrengend - einfach haben wir es ja uns schon immer gemacht.
Weihnachten steht vor der Tür. Während die Einen munter ihre Adventskalendertürchen öffnen und sich freuen, fangen die Anderen schon langsam an zu streiten. Weil das Geschenk zu klein sein wird, weil man sich ja eh etwas ganz anderes gewünscht hätte, weil man doch eigentlich gar nichts will, außer…!
Viele Familien, die ich kenne, haben übrigens den Beschluss gefasst, sich nichts mehr zu schenken. Scheint auch ein Kompromiss zu sein. Nur ist es deswegen, einfach Erwartungen aus dem Weg gehen zu können? Denn, vielleicht spreche ich hier nur für mich, aber mir macht es unglaublich viel Spaß, einen Menschen glücklich zu machen, weil wir beide wissen, dass das Geschenk von Herzen kommt und einige Denkanstöße, sprich kostbare Zeit, in Anspruch genommen hat. 

Ich gebe gerne, aber ich nehme auch gerne. Und wenn mich einer dabei schief anschaut, dann mache ich mit mir selbst einen Kompromiss. Nämlich den, dass ich so lange mit meinen Angewohnheiten friedlich unter einem Dach (hinter einem Herzen, meinem) lebe, bis ich bereit bin, mich zu ändern. Für jemand anderen oder für mich selbst - das ist und bleibt dann der größte Kompromiss, den ich machen kann. 

© 2012 Ani