(neulich am Telefon)
„Hallo, ig rufen an wegen Mitfahrgelegenheit, du noch haben Platz, dann bitte mitnehmen meine Cousine. Wann sind Sie denn in XY?“
„Das wird schwierig, wenn Sie erst in XY zusteigen wollen, da kann ich mich schwer drauf verlassen, weil ich somit das Geld für die Mitfahrgelegenheit nicht von Anfang an bekomme und das ehrlich gesagt nicht so gerne mache.“
„Aber ig haben Geld, wenn Sie sagen „Ja“, dann ig anrufen mein Cousine, Sie gerade aus USA gekommen. Ist das Gleiche, wie wenn Sie Leute von Anfang an mitnehmen, ist gleiche Geld.“
„Ich weiß schon, dass es der gleiche Betrag ist, aber ich möchte eigentlich nur Leute von XZ aus mitnehmen, verstehen Sie? Von Anfang an.“
„Ich zahlen gleichen Betrag, wie andere!!! Ich haben Geld, sonst ich hätte Sie nicht angerufen! Meine Cousine aus USA gekommen, Sie muss 14h in ZX sein! Wann sind Sie in XY?“
„Das habe ich nicht im Kopf. Schauen Sie doch erst einmal auf die Bahnseite und suchen Sie sich eine passende Verbindung heraus. Auch in XY finden Sie viele Mitfahrgelegenheiten.“
„Ich nicht Leute fragen will an Gleis, das ist mir unangenehm. Ich haben extra nachgeschaut und Sie jetzt angerufen!! Meine Cousine muss um 14h in ZX sein, Sie jetzt mitnehmen?“
„Ja, aber, Moment mal: um 14h bin ich doch auf keinen Fall in ZX, wenn ich um 11h erst losfahre. Schauen Sie doch bitte vorher erst einmal auf die Zugverbindungen, bevor Sie anrufen! Und schreien Sie mich doch jetzt nicht an, es funktioniert ja zeitlich sowieso nicht!!!“
„Ja, gut, dann wir nicht müssen streiten.“
„Ja, schön. Tschüß!“
„Schüß!“
So laufen Gespräche morgens, halb 10, in Deutschland ab.
Ich fühlte mich in den letzten Tagen von diesem und ähnlichen Themen ein bisschen verfolgt, angesichts dessen, dass ich erst gestern in unschuldiger Kaffeekränzchenrunde ein Teil der für mich bisher politisch inkorrektesten Diskussion meines Lebens wurde.
Der Ursprung des Gespräches ist offiziell unbekannt, inoffiziell einfach eher unpassend, zu erwähnen, führte aber zu einigen witzigen Anekdoten. So erzählte mir meine verträumte Freundin zum Beispiel, dass sie nach einem Jahr Aufenthalt in Australien ein Sprichwort gelernt hätte, welches den Satz „grab a nigger by the toe“ beinhalten würde. Während ich versuchte, mein Lachen politisch korrekt zu unterdrücken, merkte ich immer mehr, wie steif unsere Gesellschaft in puncto Gratwanderungen geworden ist. Schließlich war meine Freundin mit einem Augenzwinkern sehr schnell das „German NAZI girl“ geworden, was ich dann so dermaßen unpassend fand, dass ich vor Lachen fast vom Stuhl fiel.
Es wird gesagt, dass uns Menschen verschiedene Sprachen gegeben wurden, um uns zu verwirren. Aus sprachlichen Missverständnissen und verschiedenen Hautfarben wurden Streitereien zu Kriegen und wir selbst haben uns das Boot erschaffen, in dem wir doch alle zusammen sitzen. Die Einen schweigen sich an, weil sie sich nichts zu sagen haben, die Anderen machen ausländerfeindliche Witze, um die Situation zu entschärfen und wiederum Andere lernen Sprachen und bereisen Länder, um den Horizont zu erweitern – mal abgesehen vom Kapitän, der aus Versehen in das Rettungsboot fällt und denkt, er wäre fein raus aus der ganzen Sache.
Ich glaube, dass ausländerfeindliche Witze und Anekdoten, die sich Klischees anderer Länder bedienen, definitiv das Potenzial haben, zum Zusammenwachsen beizutragen. Ich selbst habe oft in Runden mit anderssprachigen Freunden die Vorurteile über Deutsche diskutiert und am Ende festgestellt, dass man darüber viel mehr lachen und zustimmend nicken, als wütend sein kann.
Und wenn dann auf der anderen Seite ein dunkelhäutiger Freund die Aussage bringt: „Ich bin hier der einzige Deutsche!“, legt er eine Steilvorlage für alle kommenden Witze und vereint damit seine erste Heimat mit seiner zweiten.
Ich finde ja im Allgemeinen, dass die Gegensätze immer mehr verschmelzen und wir alle mehr zusammenkommen – wurde ja auch langsam mal Zeit, wenn man bedenkt, dass die USA schon immer das kleine Europa als ein Land gesehen hat. Und wir sind es doch auch, wir ticken alle ähnlich, nur drücken wir uns unterschiedlich aus.
Selbst optisch orientiert man sich z. B. bei der Partnerwahl mehr oder weniger automatisch am Gegensatz zu einem selbst. Erst kürzlich haben meine Freundin und ich festgestellt, dass man ganz oft den dunkelhäutigen Iraner Hand in Hand mit der langbeinigen Schwedin durch Münchens Straßen flanieren sieht – Zufall? Laune der Natur? Ich denke eher an ein genetisches Kalkül, man stelle sich nur die cappuccinofarbigen Nachkommen mit hellen Augen und süßen Löckchen vor.
Und während ich weiter vor mich hin träume, wo ich demnächst hinreisen möchte und welche Sprache ich nun endgültig mal anfangen sollte zu lernen, schreibe ich einem spanischen Freund eine Geburtstags-SMS. Auf Englisch. Denn dieses Rettungsboot haben wir uns schon vor langer Zeit gemeinschaftlich gebaut und es hat jeder die Chance, darin Platz zu nehmen und an den Rande des (eigenen) Horizonts zu fahren.
© 2012 Ani
Ani ist ausgebildete Schauspielerin, Kolumnistin (u.a. für den Ankerherz Verlag), Lektorin, Unterwasser-Darstellerin, aber auch Fühlerin, Fernweh-Erkrankte, Grüblerin, eine wie alle, die ein bisschen mehr wollen. Hier gibt es in regelmäßigen Abständen was für die Augen, den Kopf und das Herz. Egal, wo und was euch berührt oder gar nur streift - Hauptsache, dass!
Mittwoch, 25. Januar 2012
Freitag, 13. Januar 2012
Nantes
ver l mis l sen
sich mit Bedauern bewusst sein, dass jemand, etwas nicht mehr in der Nähe ist, nicht mehr zur Verfügung steht, und dies als persönlichen Mangel empfinden.
Na ja, persönlicher Mangel? Ist das nicht ein bisschen krass formuliert? Oder gesteht man sich selbst während des Aktes akuter Vermissung (ich weiß, dieses Wort gibt es nicht) gar nicht so wirklich ein, wie sehr das einen Mangel darstellt? Nur für einen selbst natürlich, denn objektiv betrachtet hat das Ganze ja eh weder Hand noch Fuß (die Redewendungen...!).
Ach, vermissen. Ohne dieses Gefühl gäbe es nur halb so viele Filme und fast keine Musik. Und ich müsste mich heute mit Arbeiten beschäftigen, anstelle dem Schreiben, was wiederum heißt, dass jemanden zu vermissen zumindest in dieser Hinsicht förderlich ist. Gefühle zum Ausdruck zu bringen als Zeichen persönlicher Weiterentwicklung. Oder, um mal ehrlich zu sein, eine Plattform zu haben, wo man jammern und sich einreden darf, es wäre, ähem, niveauvoll.
Die Frage ist doch eher die: Warum ist das eigene Leben nicht ausfüllend genug, damit man sich dagegen entscheidet, jemanden zu vermissen?
Und das soll jetzt gar nicht so hart sein, wie es klingt. Schließlich muss es ja mindestens einen guten Grund geben, warum die Person nicht (mehr) da ist.
Urlaub.
Trennung.
Untertauchen.
Und dann gibt es natürlich auch die Frage, warum man sich – im Fall einer Funkstille – nicht selbst zur Kontaktaufnahme entscheidet. Doch bevor dies geschieht, müssten hunderte von Fragen und Wegkreuzungen durchdacht werden, abgesehen davon muss man sich ja anhand einer Kontaktaufnahme öffentlich dazu bekennen, unter dem Akt des Vermissens zu leiden und – noch viel schlimmer – diesem zu unterliegen.
Nein, mal im Ernst. Vermissen ist scheiße. Wenn jemand nicht da ist, hat das Gründe, die verständlich sein sollten und wenn die noch blöder sind, als die eigentliche Abwesenheit an sich, dann sollten sie doch wenigstens akzeptiert werden, weil es eben verdammt noch mal so ist, wie es ist!
Aber meist ist man zu beiden Punkten nicht in der Lage. Man gibt sich dem Gefühl hin, man hört Beirut, deren Songs einem ins Ohr flüstern, bloß weiterhin so zu fühlen, man sei zumindest musikalisch auf dem richtigen Weg. Und man isst eine ganze Tafel Schokolade, nur, damit die Hände beschäftigt sind, um nicht zum Telefon zu greifen und der Mund voll ist, um nicht sprechen zu können.
Ob Männer auch vermissen? Ach ne, die stehen ja in der Zwischenzeit vor´m Spiegel und finden sich ziemlich geil.
Die einzigen Männer, die ich kenne und von denen ich weiß, dass sie das Vermissen praktizieren, sind mit mir befreundet. Na toll.
Ob mich jemand vermissen würde, wenn ich verspreche, mal für zwei bis drei Tage unterzutauchen...? Hallo?
Fakt ist, dass man sich dabei nur im Kreis dreht. Und ein Kreis hat kein Ende, daher fühlt man sich morgens auch genauso matschig, wie abends und beginnt den Tag genauso, wie man ihn endet. Mit einem dezenten, aber klar gesetztem Seufzen.
Unterbrechen kann man den ganzen Matsch ja bekanntermaßen nur selbst. Auch wenn eventuelle Hilfsmittel (Freunde, Tanzmusik, Wein, Witze, unfassbar tolles und einzigartiges Erlebnis) helfen können, muss man dennoch selbst ausbrechen und sich neu orientieren.
Natürlich gibt es verschiedene Arten dieses Gefühls. Der Andere kann es z. B. erwidern und somit bekommt das Ganze einen romantischen Touch mit Happy-End in Sicht. Sollte dies aber nicht der Fall sein, wird es irgendwie grau um einen herum und man muss unweigerlich die Situation in Ampel-Stufen gliedern. Befindet man sich im gelben Bereich, ist noch Hoffnung da, was aber auch kein wirkliches Ende der Situation verspricht und wir somit wieder beim Kreis angelangt sind.
Letzten Endes ist es doch so: Hat eine Person es wirklich verdient, vermisst zu werden, dann kommt sie auch zurück. Sollte dies nicht der Fall sein, stelle ich hier ein neues Gefühl vor:
Gleichgültigkeit.
© Ani 2011
sich mit Bedauern bewusst sein, dass jemand, etwas nicht mehr in der Nähe ist, nicht mehr zur Verfügung steht, und dies als persönlichen Mangel empfinden.
Na ja, persönlicher Mangel? Ist das nicht ein bisschen krass formuliert? Oder gesteht man sich selbst während des Aktes akuter Vermissung (ich weiß, dieses Wort gibt es nicht) gar nicht so wirklich ein, wie sehr das einen Mangel darstellt? Nur für einen selbst natürlich, denn objektiv betrachtet hat das Ganze ja eh weder Hand noch Fuß (die Redewendungen...!).
Ach, vermissen. Ohne dieses Gefühl gäbe es nur halb so viele Filme und fast keine Musik. Und ich müsste mich heute mit Arbeiten beschäftigen, anstelle dem Schreiben, was wiederum heißt, dass jemanden zu vermissen zumindest in dieser Hinsicht förderlich ist. Gefühle zum Ausdruck zu bringen als Zeichen persönlicher Weiterentwicklung. Oder, um mal ehrlich zu sein, eine Plattform zu haben, wo man jammern und sich einreden darf, es wäre, ähem, niveauvoll.
Die Frage ist doch eher die: Warum ist das eigene Leben nicht ausfüllend genug, damit man sich dagegen entscheidet, jemanden zu vermissen?
Und das soll jetzt gar nicht so hart sein, wie es klingt. Schließlich muss es ja mindestens einen guten Grund geben, warum die Person nicht (mehr) da ist.
Urlaub.
Trennung.
Untertauchen.
Und dann gibt es natürlich auch die Frage, warum man sich – im Fall einer Funkstille – nicht selbst zur Kontaktaufnahme entscheidet. Doch bevor dies geschieht, müssten hunderte von Fragen und Wegkreuzungen durchdacht werden, abgesehen davon muss man sich ja anhand einer Kontaktaufnahme öffentlich dazu bekennen, unter dem Akt des Vermissens zu leiden und – noch viel schlimmer – diesem zu unterliegen.
Nein, mal im Ernst. Vermissen ist scheiße. Wenn jemand nicht da ist, hat das Gründe, die verständlich sein sollten und wenn die noch blöder sind, als die eigentliche Abwesenheit an sich, dann sollten sie doch wenigstens akzeptiert werden, weil es eben verdammt noch mal so ist, wie es ist!
Aber meist ist man zu beiden Punkten nicht in der Lage. Man gibt sich dem Gefühl hin, man hört Beirut, deren Songs einem ins Ohr flüstern, bloß weiterhin so zu fühlen, man sei zumindest musikalisch auf dem richtigen Weg. Und man isst eine ganze Tafel Schokolade, nur, damit die Hände beschäftigt sind, um nicht zum Telefon zu greifen und der Mund voll ist, um nicht sprechen zu können.
Ob Männer auch vermissen? Ach ne, die stehen ja in der Zwischenzeit vor´m Spiegel und finden sich ziemlich geil.
Die einzigen Männer, die ich kenne und von denen ich weiß, dass sie das Vermissen praktizieren, sind mit mir befreundet. Na toll.
Ob mich jemand vermissen würde, wenn ich verspreche, mal für zwei bis drei Tage unterzutauchen...? Hallo?
Fakt ist, dass man sich dabei nur im Kreis dreht. Und ein Kreis hat kein Ende, daher fühlt man sich morgens auch genauso matschig, wie abends und beginnt den Tag genauso, wie man ihn endet. Mit einem dezenten, aber klar gesetztem Seufzen.
Unterbrechen kann man den ganzen Matsch ja bekanntermaßen nur selbst. Auch wenn eventuelle Hilfsmittel (Freunde, Tanzmusik, Wein, Witze, unfassbar tolles und einzigartiges Erlebnis) helfen können, muss man dennoch selbst ausbrechen und sich neu orientieren.
Natürlich gibt es verschiedene Arten dieses Gefühls. Der Andere kann es z. B. erwidern und somit bekommt das Ganze einen romantischen Touch mit Happy-End in Sicht. Sollte dies aber nicht der Fall sein, wird es irgendwie grau um einen herum und man muss unweigerlich die Situation in Ampel-Stufen gliedern. Befindet man sich im gelben Bereich, ist noch Hoffnung da, was aber auch kein wirkliches Ende der Situation verspricht und wir somit wieder beim Kreis angelangt sind.
Letzten Endes ist es doch so: Hat eine Person es wirklich verdient, vermisst zu werden, dann kommt sie auch zurück. Sollte dies nicht der Fall sein, stelle ich hier ein neues Gefühl vor:
Gleichgültigkeit.
© Ani 2011
Mittwoch, 4. Januar 2012
Demnächst auch in Ihrem Leben!
Schon „The Smiths“, eine meinerseits sehr verehrte Band, sangen in den 80ern die Zeilen
"I've seen this happen in other people's lives – now it's happening in mine."
Und je älter man wird, desto mehr kann man sich mit diesem Satz identifizieren.
Man kann ein noch so einfühlsamer und mitfühlender Mensch sein, es schießt einem immer wieder der Gedanke durch den Kopf: Gott sei Dank ist mir das nicht passiert!
Und während man sich für diese Aussage innerlich entschuldigt und schlecht fühlt, quasi schon auf dem Weg zum Kerzchen anzünden in der Kirche ist, klopft das Schicksal an die Tür und serviert einem eine mindestens ähnliche Situation. Auf dem Silbertablett. So ein Fuchs aber auch, dieses Leben!
Ob das nun Ironie ist, sei dahin gestellt. Ich jedoch war lange Zeit, vor allem als ich jünger war, (man wird ja weiser mit dem Alter, ho ho ho) der unerschütterlichen Überzeugung, dass mir nichts davon passieren wird, was ich im Fernsehen gesehen und als schlimm befunden habe.
Bis das erste Mal genau das eintrat, was ich nie gedacht hatte und man merkt, dass das Leben – glücklicherweise – um keinen einen Bogen macht.
Und all die vielen Erfahrungen des Lebens liegen eigentlich so nah beieinander. Während eine Freundin weint, weil sich ihre große Liebe Hals über Kopf in jemand anderen verliebt hat und sich dabei auch noch so tadellos ehrlich verhält, dass man ihn nicht mal verfluchen kann, lacht die Andere euphorisch, weil sie nach einer sehr unsauberen und schmerzvollen Trennung die Augen öffnen konnte und sah, dass ihre eigentliche Liebe jahrelang vor ihr stand und glücklicherweise noch steht.
Das Leben ist verrückt und nicht nur in Liebesangelegenheiten. Ich kenne diese Tage so gut, an denen man sich über ein Zwei-Euro-Stück in der Jackentasche freut, wie ein kleines Mädchen. Die schönste Hose im Geschäft passt und ist auch noch reduziert. Der Postbote bringt eine wunderschöne Weihnachtskarte aus dem fernen Down Under. Man tanzt in Unterwäsche durchs Zimmer, weil man neue Musik entdeckt hat, man kichert vor sich hin und auf einmal bestellt man sich nicht die kleine Cola, sondern die ganze Welt.
Am nächsten Tag wacht man auf und denkt, es geht so weiter, doch das tut es nicht, das Leben hat beschlossen, sich mal wieder zu wenden. Man liest eine Schluss-Mach-SMS, welche nachts abgeschickt wurde - noch vor dem ersten Kaffee! Im Briefkasten ist ein Brief der Bank, die einem eine nette Geschichte über einen gefundenen Trojaner auf dem eigenen Laptop berichtet (wir werden doch noch überwacht!) und dahingehend das Online-Banking gesperrt hat und einen des Weiteren bittet, doch alles zu formatieren. Und während man kurz davor ist, das eigene Leben zu formatieren, erfährt man vom Freund eines Bekannten, dass die Roswitha unfreiwillig schwanger wurde – von ihrem Exfreund, der leider seit drei Tagen ihr Exfreund ist, weil er sie betrogen hat. Das ist dann der Punkt, an dem man sehr schnell gläubig wird, auf die Knie fällt und stundenlang vor sich hin betet, dass man das jetzt bitte aber nicht auch demnächst erleben möchte.
Das Leben schreibt die besten Geschichten. Wenn sich also die Drehbuchautoren von diversen Daily-Soaps am Weltgeschehen bedienen, dann hat jeder von uns Lebens-Darstellern noch ca. 10 Entführungen, 12 Freundschafts-Kündigungen, sieben Fehlgeburten und drei Hochzeiten vor sich. Huch.
Vor meinem inneren Auge spielt sich auf einmal der Trailer eines aufregenden Lebens ab, der mir am Ende nicht die Zeilen „Demnächst in Ihrem Kino“, sondern „Demnächst in Ihrem Leben“ verspricht.
"I've seen this happen in other people's lives – now it's happening in mine."
Und je älter man wird, desto mehr kann man sich mit diesem Satz identifizieren.
Man kann ein noch so einfühlsamer und mitfühlender Mensch sein, es schießt einem immer wieder der Gedanke durch den Kopf: Gott sei Dank ist mir das nicht passiert!
Und während man sich für diese Aussage innerlich entschuldigt und schlecht fühlt, quasi schon auf dem Weg zum Kerzchen anzünden in der Kirche ist, klopft das Schicksal an die Tür und serviert einem eine mindestens ähnliche Situation. Auf dem Silbertablett. So ein Fuchs aber auch, dieses Leben!
Ob das nun Ironie ist, sei dahin gestellt. Ich jedoch war lange Zeit, vor allem als ich jünger war, (man wird ja weiser mit dem Alter, ho ho ho) der unerschütterlichen Überzeugung, dass mir nichts davon passieren wird, was ich im Fernsehen gesehen und als schlimm befunden habe.
Bis das erste Mal genau das eintrat, was ich nie gedacht hatte und man merkt, dass das Leben – glücklicherweise – um keinen einen Bogen macht.
Und all die vielen Erfahrungen des Lebens liegen eigentlich so nah beieinander. Während eine Freundin weint, weil sich ihre große Liebe Hals über Kopf in jemand anderen verliebt hat und sich dabei auch noch so tadellos ehrlich verhält, dass man ihn nicht mal verfluchen kann, lacht die Andere euphorisch, weil sie nach einer sehr unsauberen und schmerzvollen Trennung die Augen öffnen konnte und sah, dass ihre eigentliche Liebe jahrelang vor ihr stand und glücklicherweise noch steht.
Das Leben ist verrückt und nicht nur in Liebesangelegenheiten. Ich kenne diese Tage so gut, an denen man sich über ein Zwei-Euro-Stück in der Jackentasche freut, wie ein kleines Mädchen. Die schönste Hose im Geschäft passt und ist auch noch reduziert. Der Postbote bringt eine wunderschöne Weihnachtskarte aus dem fernen Down Under. Man tanzt in Unterwäsche durchs Zimmer, weil man neue Musik entdeckt hat, man kichert vor sich hin und auf einmal bestellt man sich nicht die kleine Cola, sondern die ganze Welt.
Am nächsten Tag wacht man auf und denkt, es geht so weiter, doch das tut es nicht, das Leben hat beschlossen, sich mal wieder zu wenden. Man liest eine Schluss-Mach-SMS, welche nachts abgeschickt wurde - noch vor dem ersten Kaffee! Im Briefkasten ist ein Brief der Bank, die einem eine nette Geschichte über einen gefundenen Trojaner auf dem eigenen Laptop berichtet (wir werden doch noch überwacht!) und dahingehend das Online-Banking gesperrt hat und einen des Weiteren bittet, doch alles zu formatieren. Und während man kurz davor ist, das eigene Leben zu formatieren, erfährt man vom Freund eines Bekannten, dass die Roswitha unfreiwillig schwanger wurde – von ihrem Exfreund, der leider seit drei Tagen ihr Exfreund ist, weil er sie betrogen hat. Das ist dann der Punkt, an dem man sehr schnell gläubig wird, auf die Knie fällt und stundenlang vor sich hin betet, dass man das jetzt bitte aber nicht auch demnächst erleben möchte.
Das Leben schreibt die besten Geschichten. Wenn sich also die Drehbuchautoren von diversen Daily-Soaps am Weltgeschehen bedienen, dann hat jeder von uns Lebens-Darstellern noch ca. 10 Entführungen, 12 Freundschafts-Kündigungen, sieben Fehlgeburten und drei Hochzeiten vor sich. Huch.
Vor meinem inneren Auge spielt sich auf einmal der Trailer eines aufregenden Lebens ab, der mir am Ende nicht die Zeilen „Demnächst in Ihrem Kino“, sondern „Demnächst in Ihrem Leben“ verspricht.
Wenn man lange in eine Kerzenflamme schaut und danach wieder weg, sieht man für kurze Zeit überall weiße Flecken. Vielleicht ist es im Leben ja ähnlich. Immer schön sich dem Licht zuwenden, dann bleibt es einem auch länger erhalten. Und wie heißt es so schön laut Mae West: Zuviel des Guten kann wundervoll sein!
Also, ab und an mal 'ne Entführung weniger, dafür aber bitte mal einen wundervollen Heiratsantrag. Morgen. Von dem Mann, den ich noch nicht kenne - aber ich kann mich ja schon mal vorverlieben?
Liebes(-)Leben,
ich habe das schon ganz oft in anderen Leben gesehen, ich glaube, so eine Erfahrung brauche ich auch.
Danke!
© Ani 2011
Samstag, 24. Dezember 2011
Treffen wir uns in der Mitte?
“How many special people change
How many lives are living strange
Where were you when we were getting high?”
How many lives are living strange
Where were you when we were getting high?”
(Oasis – Champagne Supernova)
Bei sieben Milliarden Menschen auf der Welt frage ich mich aus gegebenem Anlass zur Zeit des Öfteren, wie jeder Einzelne so lebt. Wer hat eine Macke, wer hat zehn davon? Wer behauptet, keine zu haben?
Was aber die viel wichtigere Frage ist:
Wer nimmt sich heraus zu urteilen?
Wer nimmt sich heraus zu urteilen?
Ich habe in letzter Zeit durch wechselnde Arbeit und verschiedene Länder die unterschiedlichsten Menschen kennen gelernt und mittlerweile gemerkt, dass ich so viele davon zu schätzen weiß, selbst wenn sie komplett anders leben, als ich es tue, andere Wertvorstellungen pflegen oder mich als Menschen viel weniger wahrnehmen, als ich sie.
Das alles zählt aber nicht. Viel wichtiger ist es doch, von jedem etwas mitzunehmen.
In einer Welt, die so verschiedene Menschen auf die unbeschreiblichsten Weisen zusammenbringt, gibt es oftmals große Explosionen. Muslime und Christen verlieben sich und einer von beiden wird gezwungen, seinen Horizont zu erweitern, sprich: entweder auf 72 wartende Jungfrauen (plus/minus) im Himmel zu verzichten oder sich ein Kopftuch übers europäische Haar zu werfen. „Wir werden irgendwann in unserer Beziehung an eine Grenze kommen. Ich will nur, dass dir das bewusst ist.“ Während der eine das als Problem sieht, erwidert der Andere: „Ich weiß. Aber das ist doch der Reiz, wenn man das Risiko auf sich nimmt und nicht nur über den Tellerrand schaut, sondern springt.“ Und dann ist der Muslime still und ob er sich heimlich von seinem himmlischen Willkommens-Komitee verabschiedet, das weiß nur er.
Dann gibt es welche, die anfangen, ihre Krankheit zu akzeptieren und schließlich aufstehen. Sie verschwinden für Wochen, nicht aus den Herzen, aber irgendwie erst mal aus der Realität. Sie entscheiden sich bewusst für den Weg der Heilung und unterbrechen diesen nicht mal an Weihnachten. Sie ziehen es durch und sie werden stärker und optimistischer und am Ende sagen sie, dass sie so „Bock aufs Leben“ hätten, dass man sich selbst fragt:
Wo ist eigentlich mein Hunger auf mein eigenes Leben?
Es gibt so viele unterschiedliche Lebensweisen, dass es mir einfach unmöglich erscheint, über einzelne ein Urteil zu fällen. Ich habe eine Freundin, die so spät angefangen hat zu rauchen, dass es schon fast traurig ist. Ich habe einen Freund, der auf HipHop steht und mit meiner Musik nichts anfangen kann – also hören wir gemeinsam Jazz, denn das ist die Schnittstelle. Und wiederum ein anderer Mensch in meinem Leben findet jeden Film, den ich mag, scheiße. Also bestehen unsere Konversationen aus Diskussionen. Wem das zu anstrengend ist, der kommt halt nie an den Punkt, wo „Störung zur Reibung führt und Reibung zur Wärme.“ Chance vertan.
Ich selbst erlebe es, verurteilt zu werden und dann merke ich, dass ich mich aber auch bewusst dagegen entscheiden kann. Ich habe meine Lebensweise teilweise sorgfältig, teilweise beschwippst überdacht und dann verkündet, dass ich sie ehrlich gesagt ziemlich fabulös finde und nein, ich stimme keiner Verurteilung zu – wie auch, kein anderer Mensch hat eine Ahnung, niemand ist jemals in meinen Schuhen gelaufen (nicht mal in diesen ganz schlimmen Buffalos, Baujahr 1997) und vor allem hat mir bis jetzt keiner meine Entscheidungen abgenommen.
Wir wachsen alle immer mehr zusammen und das sollten wir auch langsam mal im Herzen. Wer hat überhaupt die Zeit, den ganzen Tag zur urteilen? Ich nicht, denn in meiner freien Zeit lerne ich Menschen kennen, die so sind, wie sie sind – das ist spannend genug, da muss ich gar nichts hinzudichten oder mit fiesen Sprüchen kompensieren, dass ich jemanden hübscher, erfolgreicher, intelligenter oder schlanker finde. Derjenige denkt sich sowieso das Gleiche über mich, also drehen wir uns folglich nur im Kreis.
Ich weiß, dass es schwierig ist, Menschen so viel Raum zu geben, wenn die Emotionen dazukommen. Manchmal will man jemanden schütteln, man möchte ihn vor den Fernseher platzieren, fesseln, 10 Stunden mit deutscher Comedy missbrauchen und anschließend mit Justin Bieber auf Welttournee schicken. Aber was hilft es, wenn man den anderen nicht ändern kann? Wenn Werte so tief sitzen, wie der Tiefspüler mancher Toiletten und wenn Emotionen so festgefahren sind, dass es einfacher erscheint, an Weihnachten einen Osterhasen aufzutreiben, als sie loszulösen? Nichts, nada, Finger weg. Menschen kann, darf, soll man nicht verändern. Vielleicht ein bisschen sticheln, hier und da ein wenig erpressen und manipulieren, gerade gegenüber Männern erweisen sich diese Mittel als äußert zweckerfüllt und rein intuitiv genutzt. Aber das war’s dann auch schon.
Es gibt sieben Milliarden Menschen auf der Welt. Und jeder ist nur auf der Suche nach Liebe. Während er sucht, macht er andere Erfahrungen, er schlägt andere Wege ein und lernt andere Menschen kennen – wie soll er denn dann so sein, wie du?
Übrigens gibt es sehr viele, die überhaupt nicht in Schuhen laufen. Und das ist ja wohl mal so richtig spannend.
-Für unsere Alice, die gerade noch im Wunderland ist-
© 2011 Ani
Mittwoch, 14. Dezember 2011
Mir reicht's, ich geh ins Bett.
Natürlich wusste ich schon vorher, dass ich wirklich wütend werden kann. Schließlich bin ich Widder, wir sind quasi dazu verpflichtet.
Aber heute war ich so wütend, wie schon lange nicht mehr und ich kann sie gar nicht wirklich greifen, diese Wut.
Aneinanderreihungen von schlechten Ereignissen nennt man in der Fachsprache eine „Abwärtsspirale“, deren Existenz ich absolut unterschreiben kann.
Es gibt z. B. Tage, an denen man alles verpasst, was es zu verpassen gibt. Straßenbahnen, U-Bahnen, wichtige Telefonate, Öffnungszeiten der Bank, wahlweise auch gerne der Post – die hat nämlich immer geschlossen – , Chancen, Schuh-Sale, gute Lacher, das Taxi nach Hause.
Alles halb so dramatisch, wäre da nicht diese Endlosspirale, in die man sich hineingezogen fühlt. Ich habe Letzt erst angefangen zu weinen, weil mir meine Reiswaffel auf den Boden gefallen ist. Da war's einfach zu Ende, irgendwann ist auch mal Schluss und beim Essen sowieso.
Dass man an solchen Tagen wütend wird, ist verständlich. Und dann sollte man auch in Ruhe gelassen werden, andere in Ruhe lassen, sich eine Tasse Tee kochen und Jazz hören. So mache ich das jedenfalls.
Aber dann gibt es eben auch so eine unterschwellige, lauernde Wut. Tagelang trug ich sie mit mir herum. Diese Mädchenmomente, in denen immer wieder die Tränen in die Augen steigen, aber man tapfer weiter lächelt, Hände schüttelt und sagt: Vielen Dank für die Chance und die Zeit, die Sie sich für mich genommen haben. Kam das aus meinem Mund? Wann hatte ich angefangen, erwachsene Sätze zu formen, die meinen Gefühlen meilenweit voraus waren?
Ich war wütend, ja, verdammt nochmal, und auf einmal kam sie hoch und ich bemerkte, dass ich nicht wütend war auf die Jobabsage, nicht auf den ausstehenden Anruf (naja, vielleicht ein bisschen), auch nicht, weil ich nie Waschmünzen habe, wenn ich sie brauche und schließlich auch nicht darauf, dass ich es ernsthaft schaffe, in einem 1-Zimmer-Apartment Dinge zu verlieren.
Ich war wütend auf mich selbst. Und dann war ich wütend, weil ich wütend war, es aber nicht sein wollte.
Warum hatte ich wiedermal nicht das geschafft, was ich mir vorgenommen hatte? Wie oft wird einem eigentlich das Ziel vor die Nase gehalten, um dann doch wieder zurückgezogen zu werden?
Es reicht nicht.
Diesen Satz kann ich selbst schon nicht mehr hören. Und dennoch spukt er in den Windungen meines Gehirns herum und selbst, wenn ich nachts aufwache, pocht er an meine Kopfwände.
In so vielen Lebenslagen bekommt man diesen Satz zu hören. Menschen trennen sich, weil die Gefühle nicht mehr reichen. Andere streiten sich, weil die Argumente für eine Diskussion nicht mehr reichen. Und wiederum Andere fahren jedes Jahr in den Harz, weil das Geld nicht reicht für den bayerischen Wald.
Und zu guter Letzt kam da noch die Liebe, bzw. Nicht-Liebe. Während ich tagelang nach den passenden Worten suchte, um in einer anderen Sprache auszudrücken, dass es eben simply not enough ist, kam mir ein ganz anderes Missverständnis zuvor. Dank Ferngespräch, wenig Empfang, Gestammel und charmanten Lachens meinerseits, wurde ich auf einmal mit einer Sängerin verglichen, die sich vor langer Zeit in die Herzen trällerte, weil sie für ihren Liebsten eintausend Meilen laufen würde.
Dabei wollte ich doch eigentlich nur sagen, dass es eben nicht reicht, um so weit zu laufen. Ich gab auf und legte auf.
Es reicht nicht. Für wen eigentlich? Reichst du denn dir selbst? Das wäre schon mal der Anfang.
Aber so ein bisschen Anerkennung von außen wäre schon nett und damit schließt sich wieder der Ego-Kreis der Anerkennung, nach der wir doch alle im Grunde so fieberhaft lechzen.
Ich bin wütend. Und ich bleibe es noch mindestens zwei Stunden lang. Der Guru sagt: Du bist wütend, weil du Angst hast. Gut, damit kann ich leben und ich stehe dazu, wie so viele meiner Generation. Ja, wir haben alle Angst. Reicht das nun für heute?
© Ani 2011
Donnerstag, 8. Dezember 2011
Ich schäme (mich), also bin ich (weiblich).
Was ich grundsätzlich nie verstanden habe ist das Pinkeln im Stehen.
Warum?
Sichtlicher Vorteil ist der Hygienefaktor, schon klar.
Aber was ist denn los, wenn der gute Herr sich eben gerade nicht in den Fängen einer öffentlichen Toilette befindet, sondern in der Wohnung seiner Freundin? Warum pinkelt ein Mann im Stehen und klappt danach nicht einmal die Klobrille nach unten, wenn er doch weiß, dass er sich in einem Bad voller weiblicher Gegenstände in einer Wohnung voller Weiblichkeit befindet? Er denkt sich nichts dabei? Er macht sich nicht einmal die Mühe, darüber nachzudenken, dass solch eine Aktion, äh, unpassend ist? Ist so etwas als Kompliment zu sehen, ein versteckter Liebesbeweis, weil er dadurch Vertrautheit signalisiert?
Jeder Mensch würde lügen, wenn er leugnen würde, dass er sich nicht ab und an in einer unangenehmen Situation befinden oder eventuell die ein oder andere Konversation unter der Gürtellinie führen würde. Aber ich möchte hier mal wieder dezent auf den Unterschied zwischen Männern und Frauen eingehen.
Uns ist fast alles peinlich. Männern ist fast alles egal.
Die Krönung des Ganzen ist dann aber natürlich die, dass, wenn die Frau ihr eigenes Bad betritt und sich ein Bild des Grauens, sprich eine hochgeklappte Toilettenbrille, offenbart, sie diese schleunigst nach unten klappt, sich die Hände wäscht und sich schämt. Wegen der Gesamtsituation.
Wo bleibt da denn die Fairness für's schwächere Geschlecht? Ich finde, dass wir da doch sehr auf der Strecke bleiben, weil wir einmal mehr unser Feingefühl unter Beweis stellen (müssen).
Im Allgemeinen ist ja die allseits bekannte Fremdscham (der Ursprung ist übrigens auf einen Zuschauer einer der ersten Talkshows Mitte der 90er zurückzuführen) auch eher ein Problem von Frauen. Wir sind einfach sensibler gepolt, nachdenklicher und haben grundsätzlich weniger Selbstbewusstsein, als wir uns zugestehen sollten. Daher schämen wir uns mit anderen gleich mal automatisch mit - man weiß ja nie.
Jedenfalls lassen sich diese Gedanken weiterspinnen und finden einen anderen, intimen Punkt: Unterwäsche. Bei. Männern.
Man(n) sollte meinen, dass er einschätzen könnte, welche Bekleidung zu seinem eigenen Körper passt - und welche eben nicht. Dies ist leider nicht immer der Fall. Während ich seitens meiner Freundinnen immer wieder höre, wie viele Gedanken sich diese hübschen Geschöpfe darüber machen, ob sie angesichts ihres Allerwertesten lieber doch zu bedeckenderen Panties greifen sollten, stellt sich der Anabolika-Typ mit heroischem Grunzen vor den Spiegel - dressed very tightly around the belly. Und zwar so was von eng, dass man aus der Suche nach dem Textil gleich eine Safari starten könnte. Solche Exemplare gibt es übrigens auch wahlweise in Neongrün und mit Playboy-Aufdruck. Varianten wie diese sind übrigens nur in den Geschäften zu finden, um ignoriert zu werden.
Alles in allem geht es der Frau in so einigen Situation wirklich an die Substanz, was sich dann dadurch äußert, dass sie sich nicht mal traut, es zu erzählen und sich dadurch davon frei zu machen.
Natürlich könnte sie auch solche Themen bei ihrem Liebsten ansprechen, aber ich schätze mal, dass wir uns alle vorstellen können, dass das nicht nur die Romantik killt, sondern eventuell ganze Beziehungen. Männer haben's ja nicht so mit Kritik. Also kann man ja dann auch gleich Schluss machen, denkt sich die Frau.
Und wenn sie sich wieder gefangen hat, dann nimmt sie all ihren Mut zusammen und erzählt ihre Erfahrungen in einer netten Runde - in der Hoffnung, dass diese Geschichten unter der Hand verbreitet werden. Während sie sich nun Mut antrinkt und ihre Erlebnisse mit der Weltöffentlichkeit teilt, fangen alle Beteiligten an, sich mitzuschämen. Und derjenige, der es nicht tut, ist somit entlarvt und einer der Übeltäter. Eigentlich eine feine Sache, diese Fremdscham, wenn sie nicht im Grunde so viel verlangt wäre. Man leidet ja auch mit, irgendwie.
© Ani 2011
Dienstag, 29. November 2011
Ich springe. Und freue mich, wenn jemand mitspringt.
Wenn ich in den Himmel schaue und ein Flugzeug sehe, frage ich mich immer, wohin es fliegen wird. Immer. Und jedes Mal merke ich, dass ich drin sitzen möchte, egal, wohin es fliegt.
An einen Ort zu fliegen, wo man einfach nur sein kann –
Jetzt, wo die Weihnachtszeit beginnt, fange ich an darüber nachzudenken. Dieses vergangene Jahr war für mich (und für viele andere auch) das turbulenteste Jahr in meinem ganzen Leben und ich kann nicht mal sagen, ob ich es schlimm fand. Es gab so unendlich viele Entscheidungen zu treffen, dass ich an einen Punkt kam, an dem mir die Letzte behutsam aus den Händen genommen wurde.
Ich habe meinen Abschluss Ende letzten Jahres gemacht und stelle mich seitdem jeden Morgen einem freiberuflichen Dasein. Es war mein größter Traum und ich bereue nichts, keine Entscheidungen, die ich getroffen habe oder sinnlose Montage, die ich im Bett verbrachte, weil es nichts zu tun gab. All das macht doch nur reifer und wenn man mal weiß, was man nicht will, dann kommt man irgendwann auch da an, wo man tief durchatmet, weil man weiß, was man will.
Mir wurde dieses Jahr das Herz gebrochen und trotzdem ist es immer wieder ein kleines Wunder, wie es sich selbst zusammenflickt. Im März habe ich mich gezwungen gefühlt zu entscheiden, dass ich der partnerschaftlichen Liebe erst einmal den Rücken kehren muss. Was sich dermaßen beschissen anfühlt, um es mal ganz unpassend auszudrücken. Daraufhin bin ich drei Wochen nur gelaufen, dem Meer und der Sonne entgegen und hab trotz aller Tränen zurück zur Liebe gefunden – sie war überall: im Sonnenaufgang über galizischen Bergen, in Gesprächen, im Wein und in länderübergreifenden Freundschaften, von denen ich weiß, dass sie noch lange halten werden. Ich habe sogar gelernt, mit meinen Blasen an den Füßen zu reden und zumindest Freundschaft mit ihnen zu schließen – bringt ja nichts und außerdem soll man sich doch sowieso immer mit seinen Feinen verbinden. Die sind wenigstens ehrlich.
Im Sommer musste ich dann wiedermal entscheiden, eine Entscheidung, die man niemandem wünscht. Doch man muss und man trifft sie auch und letzten Endes hat man doch das Gefühl, dass sie jemand anders für einen gefällt hat – und alles schaut wieder ganz anders aus.
Nun neigt sich das Jahr mit einer Explosion dem Ende zu, ich habe gegen erneute Entscheidungen wie blöde angestrampelt und mich gewehrt, bis ich zum ersten Mal erleichtert war, dass da wirklich jemand ist, der einem die Tragik aus den Händen nimmt und einen selbst in den Arm.
Alles in allem habe ich dieses Jahr jedoch auch die erstaunlichsten Menschen überhaupt kennengelernt. Menschen, mit denen du die allseits bekannten Pferde stehlen kannst, mit denen du nächtelang einfach durchlachen kannst, mit denen du Gloria Gaynor-Songs beim Karaoke grölst. Menschen, die dir genau das sagen, was du hören musst. Menschen, die dich auf der Straße erst anlächeln, dann ansprechen. Die herzlicher zu dir sind, als Teile deiner eigenen Familie. Die sich ins Flugzeug setzen, nur um dich zu sehen. Und zu guter Letzt Menschen, die mehr in dir sehen, als du selbst und sie dir deswegen die Chance geben, von der du so lange geträumt hast.
Wegen all dieser tollen Leute stehe ich nun Ende des Jahres zwar ziemlich geschafft, aber glücklich da und ich bin bereit zu springen. Ins neue Jahr. Ins Risiko. Ins Flugzeug.
- Für Mama und Papa -
© Ani 2011
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